Der Atomkonsens in den USA bröckelt

Kritik an Neubauplänen der Obama-Regierung

  • Max Böhnel, New York
  • Lesedauer: 3 Min.
Angesichts der drohenden Atomkatastrophe in Japan hat Präsident Barack Obama gestern Sicherheitsnachbesserungen an AKW in den USA angekündigt. Zugleich bekräftigte Energieminister Steven Chu, dass die Regierung aber nicht auf den geplanten Ausbau der Atomkraft verzichten werde. Die Kritik an dieser Energiepolitik im Lande wächst.

Der atomare Konsens, auf den sich die USA-Regierung bisher verlassen konnte, gerät im Land der 104 Atomkraftwerke – die meisten weltweit – ins Bröckeln. Zwar sind Menschenketten und Großdemonstrationen bislang ausgeblieben. Aber die Live-Berichterstattung der Fernsehsender aus Japan rund um die Uhr hinterlässt ihre Spuren. Das »Wall Street Journal« berichtete beispielsweise, dass der Ansturm auf jodhaltige Mittel so groß sei, dass einige Firmen fieberhaft nachproduzieren lassen. In den Massenmedien wurde zu Wochenbeginn erstmals erörtert, ob eine über den Pazifik ostwärts getriebene Atomwolke die Bewohner der USA-Westküste gefährden könnte.

Der erste Politiker, der eine energiepolitische Wende forderte, war der Demokrat Ed Markey. Der Abgeordnete aus Massachusetts, der den Repräsentantenhaus-Ausschuss für Atomenergiesicherheit leitet, kritisierte die »Anfälligkeit von Atomkraftwerken wie die potenziellen Konsequenzen bei Strahlenfreisetzung durch Erdbeben«. Der konservative Senator Joe Lieberman aus Connecticut, der als Unabhängiger in Washington ein führender Energiepolitiker ist, forderte den »Tritt auf die Bremse, bis wir verstanden haben, was da in Japan passiert ist«. Aus dem Weißen Haus, das sich lange bedeckt hielt, verlautbarte, dass sich die USA »auf ein vielfältiges Sortiment an Energiequellen verlassen« müssten. Das bestehe, so ein Obama-Sprecher, aus »Wind und Solar, Naturgas, sauberer Kohle und Atomkraft«.

In zwei Dritteln der 50 Bundesstaaten sind 69 Druckwasserreaktoren und 35 Siedewasserreaktoren in Betrieb, viele davon in dicht besiedelten Gebieten. Sie decken ein Fünftel des nationalen Energiebedarfs, also deutlich weniger als etwa in Frankreich. Als »Vorteile« der Atomenergie galten bisher die Attribute »grün, heimisch und sicher«. Rund 62 Prozent der Bevölkerung befürworteten generell die Nutzung von Atomenergie. Allerdings ist nur ein gutes Drittel bereit, »in der Nähe« eines Reaktors zu leben.

Die Atomlobby, die in den USA den Namen »Nuclear Energy Institute« trägt, ist indessen kleinlaut geworden und fürchtet insgeheim, dass die von Obama bereits im Wahlkampf versprochene »nukleare Renaissance« mit Blick auf die Ereignisse in Japan nun in Frage gestellt wird. Denn der USA-Präsident hatte mit einem überparteilichen Konsens zwischen Demokraten, Republikanern und »grüner« Mainstreamlobby vor einem Jahr den Neubau von Atomkraftwerken und die Freistellung von über acht Milliarden Dollar aus Bundesmitteln für die Errichtung des ersten Meilers seit 30 Jahren angekündigt.

Im Haushalt für das Jahr 2012 wird eine Summe von 36 Milliarden für neue AKW genannt. Gleichzeitig steht die Erneuerung für die Lizenzen laufender Kraftwerke an. Ein Drittel davon ist zwischen 30 und 40 Jahre alt und rostet erwiesenermaßen. Zwei dieser Dinosaurier stehen in unmittelbarer Nähe der kalifornischen San-Andres-Spalte, wo im Jahr 1906 ein Erdbeben der Stärke 8,3 San Francisco zerstörte. Die beiden Kraftwerke können nach Betreiberangaben Erdbeben der Stärke 7,5 standhalten – mehr aber nicht.

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