Werbung

Grünkohlkönig ergreift die Macht

Grünkohlkönig ergreift die Macht

Die Herrschaften vom deutschen Fernsehen kennen keine Parteien mehr, die kennen bloß noch ihre FDP und sonst gar nichts. Vom Morgenmagazin bis zur Geisterstunde berichten sie über die FDP, als wäre diese kein popliger Drei-Prozent-Verein mit einer Heidenangst vor der Fünf-Prozent-Hürde, sondern eine der selbst ernannten groooooßen Volksparteien. In jeder Labershow lassen sie stundenlang darüber debattieren, wer welchen Posten behalten, welchen Posten ergattern oder welchen Posten auf gar keinen Fall kriegen sollte. Und was werden die Kampfabstimmungen auf dem Rostocker Parteitag bringen? Weil sich Brüderle nicht zurückziehen will, kann Rösler nicht Wirtschaftsminister werden, und Daniel Bahr hofft vergeblich auf die Pfründe des Gesundheitsministers. Birgit Homburger wackelt – gut möglich, dass die Stunde der blonden Hoffnungsträgerin Silvana Koch-Mehrin geschlagen hat.

Seit langem schon haben diese Volksvertreter keinen Versuch mehr gemacht, das Volk zu vertreten. Sie beschäftigen sich bloß noch mit sich selbst und ihren operettenhaften Karriereträumen. Aber dabei immer die große Fresse. Der eine leidet an Sprechdurchfall, der andere an krankhafter Geschwätzigkeit. Heiße Luft und Sprechblasen ohne Ende. Regelrechte Warmfronten, um Kachelmann zu zitieren: Anpacken für unser Land! Mehr Netto vom Brutto! Mehr Brutto vom Netto! Die Spareinlagen sind sicher! Runter mit den Niedriglöhnen!

Zackig wie ein Leutnant der Garde hatte Dr. Westerwelle vor kurzem noch getönt: »Ihr kauft mir den Schneid nicht ab!« Das war, wie wir heute wissen, ein Irrtum vom Amt mit dem Wahrheitsgehalt seines geflügelten Spruchs »Wer dem Volk anstrengungslosen Wohlstand verspricht, lädt zu spätrömischer Dekadenz ein«. Inzwischen hat die Meute den Westerwelle, »den mit dem Guidomobil«, vom Amt des Parteichefs zurückgetreten, auch Außenminister ist er die längste Zeit gewesen. Sein Nachfolger Dr. med. Philipp Rösler, der Busenfreund der Pharmalobby, versucht die Macht zu übernehmen. Kann sein, dass er der rechte Mann für die Pole Position ist, immerhin hat die Stadt Oldenburg ihn erst vor ein paar Wochen zum Grünkohlkönig gekrönt – mit Pinkel, versteht sich.

Er ist ein neoliberaler Meister der Risiken und Nebenwirkungen. Soviel lässt sich nach seiner formidablen Gesundheitsreform (morbus rösler) bereits sagen. Zur Freude des Arbeitgeberlagers hat er die solidarische Beitragshälftigkeit im Gesundheitswesen frisch gestrichen: Krankheit muss sich wieder rechnen. Als er das Amt des Gesundheitsministers übernahm, sprach er mit erhobener Schwurhand: »Das neue Gesundheitssystem wird besser, aber definitiv nicht teurer.« Heute sagt er unter der Wucht der Tatsachen demütig das Gegenteil und seufzt: »Wir müssen glaubwürdiger werden.« Auf gut deutsch: Bisher haben wir gelogen, dass die Schwarte kracht.

Dazu passen die aktuellen Meldungen über die Vizepräsidentin des Brüsseler Europaparlaments Frau Dr. Silvana Koch-Mehrin, die sich als, pardon, trägste Euro-Abgeordnete hervortat. In der Anwesenheits-Rangliste stand sie 2009 mit einer Präsenzquote von 38,9 Prozent an letzter Stelle der 106 deutschen Abgeordneten und auf Platz 914 der Gesamtliste. Neuerdings behaupten Plagiatjäger, auch ihre Doktorarbeit sei zu großen Teilen abgekupfert. Staatsanwälte prüfen, ob die Vorwürfe möglicherweise strafrechtlich zu Buche schlagen, sogar der Kopierminister a. D. Freiherr v. u. z. Guttenberg ruft nach brutalstmöglicher Aufklärung.

Selbstdarsteller, Schnösel, Jecken und Plagiatoren an allen Ecken und Enden – die FDP als Intrigantenstadl. So sieht er aus, der »Neustart« der Mövenpickpartei. Erstaunlicherweise gibt es aber doch immer noch Liberale mit Humor. Den Generalsekretär Christian Lindner etwa, Kosename Bambi. Er hat neulich einen Wahnsinnsjoke rausgehauen. »Deutschland«, rief er, »braucht die FDP.« Na klar, Bambi, als ideale Partei zum Fremdschämen.

nd Journalismus von links lebt vom Engagement seiner Leser*innen

Wir haben uns angesichts der Erfahrungen der Corona-Pandemie entschieden, unseren Journalismus auf unserer Webseite dauerhaft frei zugänglich und damit für jede*n Interessierte*n verfügbar zu machen.

Wie bei unseren Print- und epaper-Ausgaben steckt in jedem veröffentlichten Artikel unsere Arbeit als Autor*in, Redakteur*in, Techniker*in oder Verlagsmitarbeiter*in. Sie macht diesen Journalismus erst möglich.

Jetzt mit wenigen Klicks freiwillig unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung