Aufwertung einer Branche

Neue Regionalagentur will den Maschinenbau stärken

  • Von Barbara Martin, Esslingen
  • Lesedauer: 3 Min.
Im Landkreis Esslingen (Baden-Württemberg) haben IG Metall und 15 mittelständische Betriebe mit zusammen 15 000 Beschäftigten eine Regionalagentur Maschinenbau gegründet. Die Beteiligten wollen gemeinsam neue technische Entwicklungen vorantreiben, Mitarbeiter qualifizieren und Leiharbeit fair gestalten.

Südlich von Stuttgart ist der Maschinen-, Werkzeugmaschinen- und Anlagenbau mit all seinen Facetten zu Hause. Hier im Landkreis Esslingen sitzen Europa- und Weltmarktführer wie Eberspächer (Abgasanlagen, Standheizungen), Festo (Ventile, Vakuumtechnik), Heller (Transferstraßen) oder Index/Traub (Drehmaschinen). Eine neue Regionalagentur will dafür sorgen, dass dies auch so bleibt. Bundesweit sei das Projekt einmalig, sagte der örtliche IG-Metall-Chef Sieghard Bender kürzlich bei der Vorstellung des Projekts.

Dabei geht es um verstärkten Austausch etwa über technologische Themen wie Energieeffizienz, Brennstoffzellentechnik, Rückbau von Atomkraftwerken und dezentrale Windkraftanlagen. Gewerkschafter Bender: »Wir haben die Hersteller, die das können, und die Ingenieure, die Ideen haben. Und wir wollen, dass auch die nächste Generation hier gute Arbeit findet.« Es gelte, neue Antriebssysteme zu entwickeln, neue Energiequellen zu erschließen, neue Märkte zu besetzen. In Zukunftswerkstätten, in denen die IG Metall Entwickler zusammengebracht hat, wurden erste Ideen geboren. »Ich will, dass wir hier eine S-Bahn mit Brennstoffzellenantrieb ausstatten«, so Bender.

Die zweite Säule der Regionalagentur sind die Beschäftigten. Dabei hat man aus der Krise von 2008 gelernt. Als Exportbranche waren die Maschinenbauer besonders betroffen, fast überall griffen die Unternehmen auf Kurzarbeit zurück. Per regionalem Tarifvertrag regelten IG Metall und der Arbeitgeberverband Südwestmetall Neckar-Fils damals, dass Betriebe mit wenig Aufträgen Mitarbeiter in Betriebe mit viel Arbeit entsenden konnten. Gerhard Reiner, Geschäftsführer bei der Gebrüder Heller Maschinenfabrik GmbH: »Unsere Leute waren in Arbeit, haben ihren Horizont erweitert, andere Strukturen kennengelernt und sie sind nicht abgewandert.« Dennoch gab es Ende 2010, als nach zwei Jahren die Kurzarbeitsregelung ausgelaufen war, Entlassungen. Inzwischen sei die Konjunktur auch im Maschinenbau wieder angesprungen, sagt Reiner. Aber: »Wir wissen nicht, wie lange der Boom anhält, und tun uns schwer, unbefristet einzustellen.«

In solchen Fällen werden gerne Leiharbeiter geholt. Aus der Erkenntnis heraus, dass sich dies vorerst kaum verhindern lässt, setzen Gewerkschaft und Betriebe in der Regionalagentur auf »faires« Verleihen. In den Unternehmen regeln Betriebsräte über Vereinbarungen, wie Leiharbeit gehandhabt wird. Festo-Betriebsratsvorsitzender Hans-Jürgen Drung hat das bereits durch: »Bei uns dürfen maximal fünf Prozent der Belegschaft Leiharbeiter sein. Sie bekommen das gleiche Gehalt wie die Festangestellten.« Warum Betriebe mitmachen? »Das sind gute Mitarbeiter, die sich schnell einarbeiten, hohe Qualität produzieren, und wir halten die Kompetenzen in der Region«, sagt Reiner. Mittelfristig sei diese Art des Umgangs miteinander gewinnbringend.

Froh sind die Initiatoren der Agentur, dass die Wirtschaftsförderung der Region Stuttgart das Projekt unterstützt. »Dort weiß man, welche Programme und Fördermittel es gibt. Um so etwas können wir als Mittelständler uns häufig gar nicht kümmern«, sagt Firmenchef Reiner. Für Gewerkschafter Bender ist zudem wichtig, dass so der Maschinenbau aufgewertet wird. »Der hat in Deutschland keine so gute Lobby wie der Autobau. Eine Autofabrik versteht jeder Politiker, aber wer kann schon was mit Fräsmaschinen anfangen?«

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