Am Ruhetag der Dialektik

Karlheinz Stockhausens »Sonntag aus Licht« ist in Köln uraufgeführt worden – jetzt fehlt nur noch der Mittwoch

Die Frage, ob der Kaiser nackt sei, stellte sich für die Stockhausen-Gemeinde nicht, als sie sich kürzlich in Köln versammelte, um im Staatenhaus dem Opus magnum ihres Idols zu huldigen. Für sie war und ist Karlheinz Stockhausen quasi Gottes kosmischer Tonsetzer.

»Sonntag aus Licht« – eine auf zwei Abende verteilte Uraufführung – ist dem Tag des Gotteslobes gewidmet. Es ist das finale Stück aus dem gigantischsten Musiktheater-Projekt (in diesem Falle kann man diese Formel riskieren, ohne bereits in den nächsten hundert Jahren widerlegt zu werden): »aller Zeiten«. Karlheinz Stockhausen hat es in 26 Schaffensjahren vollendet. Jeder Wochentag ist in diesem Licht-Zyklus mit einem ausführlichen Teil bedacht.

Dem Gotteslob kann man sich am Sonntag in aller Ruhe und aller verstiegenen Gelassenheit widmen, weil der große Bösewicht Luzifer, welcher der Schöpfergestalt Michael und der Urmutter Eva die Woche über das Leben schwer gemacht hatte, sich am Samstag, also beizeiten, verabschiedet hat.

So kommt das Licht-Finale, ganz anders als das des großen Parallelprojektes aus dem 19. Jahrhundert mit der »Götterdämmerung«, ganz ohne den Funkenflug aus, bei dem, mit dem Zusammenprall von Gut und Böse, die Welt in Brand gesetzt wird und im Vergehen die Chance des Werdens aufscheint. Was Wagners »Ring« seine immer wieder herausfordernde Interpretationsrelevanz und Kraft verleiht.

Bei Stockhausen klopft sich am Ruhetag der Dialektik der Schöpfer selbst auf die Schulter, findet alles super und lässt die Hochzeitsglocken für ein großes Happy End läuten. Über dessen naive Vehemenz kann man nur staunen. Auf insgesamt 29 Stunden Musik läuft das Gesamtkunstwerk des Vorreiters und Präzeptors der westdeutschen Nachkriegsmoderne hinaus. Aber die Superwoche ist noch nicht mal einzeln komplett aufgeführt worden. Nachdem sich Udo Zimmermann in den innovativsten Jahren der Leipziger Oper als Geburtshelfer für »Dienstag« und »Freitag« bleibende Verdienste erwarb, scheiterte er (vorhersehbar) mit seinem Plan, in Hellerau das Ganze zum Leuchten zu bringen. Nach den in Mailand uraufgeführten Beiträgen fehlt der »Mittwoch« immer noch. Genau wie sein Bruder im Größenwahn, Wagner, hat Stockhausen zwar eine Anhängerschar, aber anders als jener weder einen zahlungswilligen Monarchen gefunden, noch einen Grünen Hügel hinterlassen – was die Sache mit der Sieben-Tage-Woche deutlich erschwert.

Dennoch: Das Theater- und Opernland Deutschland sollte den Ehrgeiz nicht aufgeben, den Licht-Zyklus einmal im Ganzen zu realisieren und auf den Prüfstand zu stellen. In Köln ging es jetzt, wie es sich bei einer Uraufführung gehört, noch nicht um eine Überprüfung; es herrschte der geradezu weihevolle Respekt vor. Die versammelten Spezialisten sicherten die wohl bestmögliche musikalische Qualität – von den koordinierenden und dirigierenden musikalischen Leitern Kathinka Pasveer und Peter Rundel, den exzellenten Musikern von Musikfabrik Köln und Solisten wie Tenor Hubert Mayer und Sopranistinnen Anna Palimina und Csilla Csövári oder der Altistin Noa Frenkel bis hin zu den fabelhaften Tänzern und einer allen logistischen Herausforderungen gewachsenen Technik.

Für die Visualisierung war Carlus Padrissa wohl schon deshalb die richtige Wahl, weil der Katalane mit seiner La-Fura-dels-Baus-Ästhetik genau der kosmischen Verstiegenheit, der hoch über der Welt schwebenden, raunenden Klangwelt die passenden Bilder lieferte.

Da werden in einem runden Saal die Zuschauer in Liegestühle gelegt und von Planeten und Engeln umschwebt. Da gibt es in einem anderen klassisch aufgeteilten Saal, in der Szene »Lichter und Bilder«, fantastische 3D-Projektionen bei der Aufzählung der Schöpfung im Detail. Da wird schließlich sogar Weihrauch verströmt, wenn sich eine mezzosatte Eva und ein blutjunger Michael auf einer Insel im Wasserbecken zusammenfinden und der Knabe auf einem Schimmel durch die Lüfte entschwindet. Und da darf man die letzte durchaus doppeldeutig »Hoch-Zeiten« benannte Szene gleich zwei Mal erleben. Einmal als wunderbar opulente Orchesterversion und dann, im Rundsaal, als Chorfassung mit Hochzeitstänzen aus allen möglichen Weltgegenden. Wobei man jeweils auch von der anderen, parallel laufenden Version etwas zu sehen und zu hören bekommt.

Am Ende kommt man nicht um den bewundernden Respekt für eine singuläre Kunstanstrengung herum. Und wenn man das Staatenhaus wieder verlässt, ist man zwar nicht erleuchtet, aber das Gemüt hat sich auch nicht verdüstert. Jedenfalls ist man am Ufer des Rheins bereit, jene Frage, ob der Licht-Zyklus, so wie heute der Nibelungen-Ring, dereinst in hundert Jahren die Gemüter zu bewegen vermag, erst einmal zu vertagen.

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