Meyers große Reise

1931 erkundete ein Magdeburger Fotojournalist per Fahrrad die Türkei. Ein Projekt in Hannover schlägt Brücken ins Heute

  • Von Uwe Kraus, Hannover
  • Lesedauer: 5 Min.
Anlässlich des 50. Jubiläums des Anwerbeabkommens zwischen Deutschland und der Türkei zeigt die Kestnergesellschaft Hannover in einer Ausstellung die Türkeireportage des Magdeburger Fotojournalisten Karl Meyer. Er fuhr 1931 per Fahrrad von Istanbul bis Mersin.
Zwei Aufnahmen Karl Meyers von 1931: die Reisenden mit ihren Rädern.
Zwei Aufnahmen Karl Meyers von 1931: die Reisenden mit ihren Rädern.

Ein altes Fahrrad, Fotos an den Wänden, denen man ihr Alter ansieht, dazwischen sparsam Text, oft fremdsprachige Worte. Als vor drei Jahren in der Halberstädter Moses Mendelssohn Akademie die Ausstellung »Karl Meyers Sicht der Türkei von der Straße aus« eröffnet wurde, dachte wohl kaum jemand daran, dass diese Exposition wesentlicher Bestandteil eines deutsch-türkischen Projektes wird, das hier wie dort viel Beachtung findet. Türkische Geschichten aus Deutschland, deutsche Geschichten aus der Türkei, die Themen Migration und Integration, aber auch verschiedene Blickwinkel auf beide Länder stehen im Mittelpunkt des aktuellen Fotoprojekts der Kestnergesellschaft Hannover.

Wachsende Fotowand

...sowie Istanbul, Stadt der Moscheen
...sowie Istanbul, Stadt der Moscheen

Anlässlich des 50. Jubiläums des Anwerbeabkommens zwischen Deutschland und der Türkei präsentiert die Kestnergesellschaft die Reisereportage des Fotojournalisten Karl Meyer, der 1931 per Fahrrad von Istanbul bis Mersin fuhr. Aygül Özkan (CDU), Niedersachsens Ministerin für Soziales, Frauen, Familie, Gesundheit und Integration, deren Eltern vor viereinhalb Jahrzehnten nach Deutschland kamen, verwies bei der Ausstellungseröffnung darauf, dass die Koffer dieser Generation ausgepackt seien. »Die Menschen, die vor 50 Jahren durch ein Anwerbeabkommen zwischen Deutschland und der Türkei hierher kamen, sind angekommen. Sie sind Teil der Gesellschaft. Wir reden nicht mehr über Herkunft, sondern über Zukunft«, sagte Özgan.

Parallel zur historischen Fotoschau wächst in Hannover eine Fotowand: türkische und türkischstämmige Mitbürger sind eingeladen, Fotos aus ihrer Ankunftszeit in Deutschland mitzubringen oder das aktuelle Leben ihrer Community fotografisch festzuhalten. Murat Mercan, Vorstand des Rates Türkischer Vereine Niedersachsens, sieht darin ein Stück Teilhabe am Leben der Bürgergesellschaft.

Ramazan Salman vom Deutsch-Türkischen Netzwerk gab den Anstoß für die Schau mit den Bildern des Fotojournalisten Karl Meyer, weil die Bilder so viel über das Leben der einfachen Menschen in der Türkei des frühen 20. Jahrhunderts sagen. Nicht von ungefähr sei Michael Meyer, der Sohn des Fotografen, aus Los Angeles zur Vernissage gekommen.

Seine Magdeburger Herkunft und die wissenschaftliche Arbeit in den USA prägen das Deutsch des Historikers Michael Meyer deutlich. Der Professor freut sich, dass die Ausstellung auch an einen besonderen Journalisten erinnert. In Magdeburg ergänzte die führende Zeitungsherausgeberfamilie Faber zu Zeiten der Weimarer Republik die bestehende »Magdeburger Zeitung« um einen »General-Anzeiger« für breite Schichten. Karl Meyer aus der Magdeburger Börde dokumentierte in dem Blatt als »Herr Linse« das Leben der Landbevölkerung in Bildern und Versen. Auch die Reisereportage »Von Istanbul nach Mersin« erschien vor 80 Jahren in sechs Folgen im »Magdeburger General-Anzeiger«.

Ayla und Canan aus der »Enkelgeneration« stehen voller Interesse vor den 28 ausgewählten Fototafeln. »So lebten also unsere Urgroßeltern.« Es sind Momentaufnahmen, die den Alltag der türkischen Bevölkerung zwischen Tradition und Moderne porträtieren: Zwar wurden von Mustafa Kemal (Atatürk) Pascha einige grundlegende Reformen umgesetzt – Staat und Religion wurden voneinander getrennt, Frauen und Männer vor dem Gesetz gleichgestellt. Doch befand sich das Land 1931 noch inmitten dieses Prozesses.

500 Kilometer auf Tour

Michael Meyer verweist auf einen weiteren Aspekt: »Mitte des 19. Jahrhunderts wurde die Fotografie ein Medium zum Verständnis der ottomanischen Kultur. Sie belebte die Tradition der Lithografien, Holzschnitte, Gravuren, Malerei und Literatur früherer Zeiten wieder. Heinrich Schliemann fügte 1874 erstmals seinem Bericht über die Ausgrabungen in Troja zweihundert Fotografien bei, um die Authentizität seiner Entdeckung von Troja zu belegen.«

Auf seiner mehr als 500 Kilometer langen Reise sammelte der damals 27-jährige Fotojournalist Karl Meyer zahlreiche Eindrücke dieser ihm damals fremden Kultur. Doch auch Meyer selbst gab für die Bewohner dieser Region ein vergleichbar skurriles Bild ab: »Die Nachricht von unserer Ankunft hat sich schnell herum gesprochen, und alle Hirten des Dorfes kommen herbei, um die beiden ›Alaman‹ zu sehen«, schrieb Meyer in seiner Reisereportage.

»Mein Vater fotografierte von der Straße, auf Augenhöhe der Menschen, nicht aus dem vornehmen Hotelzimmer heraus«, kommentiert Michael Meyer. Als der junge Fotograf, der mit einer jüdischen Frau verheiratet war und deshalb später mehrfach von der Pressekammer der Nazis gemaßregelt wurde, im Sommer 1931 den Auftrag vom »General-Anzeiger« bekam, die Türkei zu bereisen, entschied er sich, mit seinem Freund Fritz Weinmann die Tour vom Bosporus bis zum östlichen Mittelmeer per Fahrrad zu machen.

Gemeinsames Flötenspiel

Bei ihrer Tour hatten die beiden Männer staubtrockene Straßen unter der brennenden Sonne Kleinasiens zu bewältigen, Bergpässe und reißende Ströme. Sie durchquerten grüne Täler mit Feldern, Obstgärten, Weiden mit Schafen, Büffeln, Kamelen und vielen Eseln. Sie sprachen mit Bauern, Soldaten, Polizisten, Zöllnern, Stadtbewohnern, Händlern und Handwerkern – alles dokumentiert in den Berichten und festgehalten in Schwarz-Weiß-Fotos.

Durch seine eigene ländliche Herkunft war Meyer offen für die Begegnung mit einer im Wesentlichen bäuerlich geprägten Türkei, woraus sich die starke journalistische Hinwendung den Menschen und den Landschaften erklärt. Karl Meyer hatte eine Flöte dabei und musizierte auch gemeinsam mit einem ebenfalls Flöte spielenden türkischen Schafhirten.

Auf dem Land, in der Wüste, in den Bergen und am Meer schliefen Karl Meyer und Fritz Weinmann im Zelt, ihr »bisim Kuetschuek chane«, »unser kleines Haus«. Sie kochten selbst, badeten in den Flüssen und manchmal führten sie mit ihrem Sprachschatz von kaum 100 türkischen Worten Gespräche. Rund 200 Fotos dieser Reise blieben erhalten, dazu die sechs Reisereportagen, die nun als Buch erscheinen sollen.

»Das Türkei-Projekt«, Fotoreportage des Magdeburger Fotojournalisten Karl Meyer von 1931; bis 14. August in Hannover, Goseriede 11, täglich einschl. Feiertage 11-18 Uhr, Do 11-20 Uhr, Mo geschlossen

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