Spiel für das Seelenheil

Die Türkei hofft heute auf einen Erfolg in der EM-Qualifikation gegen die deutschen Fußballer

Für die türkischen Nationalfußballer geht es heute in Istanbul gegen die deutsche Auswahl nicht nur um den zweiten Platz in EM-Qualifikationsgruppe A. Ein Erfolg gegen den Vizeeuropameister und WM-Dritten soll dem von Manipulationsskandalen und Misserfolgen gebeutelten türkischen Fußball wieder Leben einhauchen.

Guus Hiddink kennt hohe Erwartungen, in der fußballverrückten Türkei sind sie in diesen Tagen besonders groß. Der Weltenbummler aus Holland, der als Trainer schon Südkorea, Australien und Russland erfolgreich zu großen Turnieren geführt hat und seit August vergangenen Jahres für das Nationalteam der Türkei verantwortlich ist, weiß, dass nur eines zählt: die Teilnahme an der EM 2012 in Polen und der Ukraine. Ein Scheitern in der Qualifikation, das Verpassen des dritten großen Turniers in den vergangenen sechs Jahren, wäre eine Katastrophe. Im Fernduell mit Belgien muss deshalb heute Abend ein Sieg gegen die deutsche Elf her. »Wir warten seit Monaten auf dieses Spiel«, verkündete Teammanager Okan Buruk in der türkischen Zeitung »Fanatik«. »Es geht um wichtige Punkte und Prestige.«

»Jetzt gilt es, den zweiten Platz zu sichern - mit vier Punkten aus den letzten beiden Spielen«, sagte Hiddink vor der Partie in der neuen Arena von Galatasaray im Norden Istanbuls. Die zuletzt schwachen Auftritte seiner »Milli Takim« - gegen Kasachstan siegte man erst in der 97. Minute 2:1, in Österreich gab es nur ein 0:0 - entschuldigte der 64-Jährige mit dem Anfang Juli aufgedeckten Manipulationsskandal in der ersten Profiliga und dem deswegen um mehr als vier Wochen auf Anfang September verschobenen Saisonstart der »SüperLig«. »Der türkische Fußball wurde erheblich in Mitleidenschaft gezogen. Angesichts dieser Umstände bin ich mit den Leistungen der Mannschaft in der Qualifikation zufrieden.«

Seit drei Monaten beschäftigt die von der Staatsanwaltschaft gestartete Ermittlung »Saubere Stollen« die Justiz, die Verbände und die Klubs. 31 Drahtzieher im Bestechungsskandal, Manager, Berater, Trainer, Spieler sind mittlerweile verhaftet worden - die prominentesten darunter Aziz Yildirim, Präsident von Fenerbahce Istanbul und schwerreicher Bauunternehmer, sowie Tayfur Havutucu, nun entlassener Trainer von Besiktas Istanbul. Allesamt sollen Geld eingestzt haben, damit u. a. Fenerbahce Meister und Besiktas Pokalsieger werden durften.

Beweise oder Anklageschriften liegen bis jetzt nicht vor. Der türkische Fußballverband TFF hat daher noch nicht entschieden, ob Titel aberkannt werden und Vereine zwangsabsteigen müssen. Nur auf Drängen der Europäischen Fußball-Union - mit der Drohung, die TFF-Klubs für acht Jahre von allen Wettbewerben auszuschließen - wurde Fenerbahce der Start in der Champions League verweigert.

»Die schlimmsten Tage liegen hinter uns«, glaubt Nationalelfmanager Buruk und auch Hiddink ist überzeugt, dass »ein Sieg gegen Deutschland für neue Euphorie sorgen könnte«. Dass die eigene Arbeit im lange Jahre wenig fortschrittlichen Verband damit aber nicht getan ist, wissen beide. Erst vor einem Jahr berief der TFF Ex-Nationaltrainer Ersun Yanal zum Direktor für den vernachlässigten Nachwuchs. Bis die eigene Förderung greift, muss sich Hiddink noch verstärkt im Ausland umschauen.

Im Fokus der Talentsuche liegt dabei Deutschland, von wo aus Chefspäher Erdal Keser sein Europabüro mit 25 Scouts betreibt. Vom Nachwuchskader des Deutschen Fußball-Bundes konnte Keser mit Überzeugungsarbeit von Hiddink in den letzten Monaten immerhin die in Deutschland aufgewachsenen Nuri Sahin (Real Madrid), Mehmet Ekici (Bremen) und zuletzt Ömer Toprak (Leverkusen) für die türkische A-Elf gewinnen.

Bundestrainer Joachim Löw reagiert angesichts der Vielzahl an nachrückenden Talenten gelassen. Man »akzeptiere«, wenn sich DFB-Jugendspieler für die Türkei entscheiden. Obendrein Punkte abgeben will er beim heutigen Gastspiel aber trotz der bereits gesicherten Qualifikation nicht: »Wir wollen zehn Siege aus zehn Spielen.« Guus Hiddink hat naturgemäß etwas dagegen und hofft auf eine Revanche für das 0:3 im vergangenen Oktober: »Wir sind besser gerüstet und wollen punkten.«

nd Journalismus von links lebt vom Engagement seiner Leser*innen

Wir haben uns angesichts der Erfahrungen der Corona-Pandemie entschieden, unseren Journalismus auf unserer Webseite dauerhaft frei zugänglich und damit für jede*n Interessierte*n verfügbar zu machen.

Wie bei unseren Print- und epaper-Ausgaben steckt in jedem veröffentlichten Artikel unsere Arbeit als Autor*in, Redakteur*in, Techniker*in oder Verlagsmitarbeiter*in. Sie macht diesen Journalismus erst möglich.

Jetzt mit wenigen Klicks freiwillig unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung