Er wollte Frieden

Er wollte Frieden

Das Profil ist klar und scharf. Es ragt weit über die Baumkronen hinaus, reckt sich in den hauptstädtischen Himmel. Eine 17 Meter hohe Stahlsilhouette erinnert fortan in Berlins Mitte an den Hitlerattentäter Georg Elser. Sie wird in der Wilhelmstraße, wo sich dereinst die Machtzentrale des »Dritten Reiches« befand, die Nacht erhellen. Weithin sichtbar.

Als »wahre Lichtgestalt in dunklen Zeiten« würdigte Berlins Kulturstaatssekretär André Schmitz (SPD) bei der gestrigen Einweihung den Schreiner, der am 8. November 1939 einen Anschlag auf den Diktator gewagt hatte. Ein »Denkzeichen« nannte Ulrich Klages sein Werk, für das sich Jury einstimmig entschieden hatte. Der Künstler wünscht sich, das stilisierte Antlitz möge zum Innehalten inspirieren und aktuelle ethische Diskussionen animieren. Mit Wilhelm Tell, dem Schweizer Rebell, verglich Rolf Hochhuth den Schwaben Georg Elser. Der Initiative und Beharrlichkeit des Dramatikers ist die endliche Würdigung des Einzeltäters zu verdanken, der »einsam blieb in einem Volk, das seinen ›Führer‹ liebte wie Bier und Beischlaf«, so Hochhuth. Über Jahrzehnte seien Elser und seine mutige Tat verschwiegen worden. Im Westen, weil man allzu gern der Nazi-Lüge vom »Vaterlandsverräter« und »britischen Spion« glaubte. Im Osten aus allgemeinem Misstrauen gegenüber Individualisten. »Das Volk liebt zwar die Freiheit, aber nicht die, die sich für sie opfern«, lautete Hochhuths bitteres Fazit. Der Dichter bot eine Hommage an den musisch begabten Handwerker, der gleich Tell den Tyrannenmord als Pflicht ansah. Vier Wochen vor Kriegsbeginn habe Elser begonnen, einen Stein aus einer Säule im Münchener Bürgerbräukeller zu brechen, vor der er 35 Nächte kniete, um eine selbstgebastelte Bombe zu verstecken. Die Detonation verfehlte Hitler um Minuten. Der Tyrann verbot in der Folge jegliche Aufführung von Schillers »Tell«, das Stück verschwand aus deutschen Schulplänen. Am 1. September 1939 begann der Zweite Weltkrieg.

Vor der Stahlsilhouette sind im Pflaster Zitate des am 9. April 1945 im KZ Dachau ermordeten Elser eingelassen, u. a. sein Bekenntnis: »Ich hab den Krieg verhindern wollen.«

nd-Foto: Camay Sungu/Text:

Abonniere das »nd«
Linkssein ist kompliziert.
Wir behalten den Überblick!

Mit unserem Digital-Aktionsabo kannst Du alle Ausgaben von »nd« digital (nd.App oder nd.Epaper) für wenig Geld zu Hause oder unterwegs lesen.
Jetzt abonnieren!

Linken, unabhängigen Journalismus stärken!

Mehr und mehr Menschen lesen digital und sehr gern kostenfrei. Wir stehen mit unserem freiwilligen Bezahlmodell dafür ein, dass uns auch diejenigen lesen können, deren Einkommen für ein Abonnement nicht ausreicht. Damit wir weiterhin Journalismus mit dem Anspruch machen können, marginalisierte Stimmen zu Wort kommen zu lassen, Themen zu recherchieren, die in den großen bürgerlichen Medien nicht vor- oder zu kurz kommen, und aktuelle Themen aus linker Perspektive zu beleuchten, brauchen wir eure Unterstützung.

Hilf mit bei einer solidarischen Finanzierung und unterstütze das »nd« mit einem Beitrag deiner Wahl.

Unterstützen über:
  • PayPal