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Vergessene Unterwelt

Zu den Sehenswürdigkeiten von Zeitz in Sachsen-Anhalt gehört ein geheimnisvolles Gangsystem

  • Von Heidrun Böger, Zeitz
  • Lesedauer: 4 Min.
In wohl jahrzehntelanger Arbeit haben die Bewohner des mittelalterlichen Zeitz unter ihren Häusern Gänge in den Buntsandstein gehauen. Später wusste in der 30 000-Einwohner-Stadt in Sachsen-Anhalt kaum noch jemand von dem Gangsystem.
Schatzsucher in der Zeitzer Unterwelt
Schatzsucher in der Zeitzer Unterwelt

Voller unterirdischer Gänge ist das mehr als 1000 Jahre alte Zeitz in Sachsen-Anhalt. Gerade wurde bei Ausgrabungen auf dem Altmarkt ein Teil der Ganganlagen frei gelegt: »Für uns keine Überraschung. Wir wussten ja, dass hier der Berg, auf dem die Oberstadt gebaut wurde, durchlöchert ist wie ein Schweizer Käse«, erzählt Udo Zeißer. Der 51-Jährige arbeitet als Lehrer für Mathematik und Physik am hiesigen Gymnasium. In seiner Freizeit engagiert er sich gemeinsam mit anderen Zeitzer Bürgern für die Erforschung und touristische Nutzung des unterirdischen Gangsystems.

Kühler Ort für das Bier

Angefangen hat alles vor 20 Jahren gleich nach der Wende. Denn im Bewusstsein der Zeitzer war das Wissen um die kilometerlangen Gänge nie ganz verschüttet. Die waren nicht etwa durch Bergbau entstanden, sondern wurden im Mittelalter angelegt, um Bier zu lagern. »Bier war damals ein Grundnahrungsmittel der einfachen Leute«, erzählt Kerstin Held, die an diesem Sonnabend durch das unterirdische Gangsystem führt. Sie macht mit Geburtstagskind Celina (8) und ihren Freunden eine Schatzsuche.

Der Eingang befindet sich in der Fischstraße direkt gegenüber der Michaeliskirche. Allerlei Grusliges kommt bei der Führung zutage. Für die historischen Hintergründe interessieren sich die Kinder weniger. Um so schöner finden sie die Schauer, die ihnen in den engen, dunklen Gängen über den Rücken laufen.

Im Mittelalter besaß jedes Haus der ehemaligen Bischofs- und Herzogenstadt Zeitz das Braurecht, und die Leute machten ausgiebig Gebrauch davon. Gelagert wurden die Fässer unter den Häusern in schmalen Gängen. Man grub einen Gang in den Berg, darüber war der Keller, und auf dem stand das Haus.

In späteren Jahren verloren die Gänge an Bedeutung, weil man sie nicht mehr brauchte. Der Grund lag vor allem im städtischen Braurecht, längst nicht mehr jedes Haus braute selbst den Gerstensaft. Vereinschef Zeißer: »Im Laufe der Generationen verschwand das Wissen um die Gänge. Man stellte einen Schrank auf den Zugang zum unterirdischen Gang, die Kinder und Enkel wussten dann schon gar nicht mehr, dass da noch etwas war.« Die rührigen Mitglieder des Vereins »Unterirdisches Zeitz« haben von 1990 bis 1992 in mühseliger Arbeit zunächst einen Teil der ursprünglich 9000 Meter Gänge von Schutt und Asche befreit und begehbar gemacht.

Etwa 4500 Meter sind heute noch nachweisbar, die Führungsstrecke ist 400 bis 500 Meter lang. Einheimische und Touristen sind seitdem eingeladen, in die Unterwelt einzutauchen, jährlich kommen etwa 10 000 Besucher.

Mehrere Stockwerke

In Sachsen gibt es noch mehr Orte mit unterirdischen Gängen, zum Beispiel Penig und Lichtenstein. Meistens sind die Gänge aber nicht öffentlich zugänglich. Besichtigen kam man sie in Gera. Weitere Städte mit ausgedehnten und zum Teil touristisch genutzten Gangsystemen sind Nürnberg, Bamberg, Oppenheim.

Im Zeitzer Gangsystem herrscht stets eine Temperatur von etwa zwölf Grad, die Luftfeuchtigkeit liegt bei 90 bis 95 Prozent. Um den Untergrund gut auszunutzen, ohne durch Aushöhlung die Stabilität der Gebäude darüber zu gefährden, hat man die Gangstrecken meist nicht viel mehr als einen Meter breit und nicht über zwei Meter hoch angelegt. Sie verlaufen oft kreuz und quer in bis zu drei Stockwerken untereinander, es gibt auch unterirdische Brunnen.

Treppauf, treppab geht es für Celina und die anderen Kinder, die immer noch auf Schatzsuche sind, durch verwinkelte Gänge. Besonders beeindruckt sind sie von einem der großen Tonnengewölbe. »Das entstand schon um 1250«, erklärt Führerin Kerstin Held, die Gänge wurden dann zwischen 1450 und 1850 in den Buntsandstein getrieben.

Kerstin Held ist selbst Zeitzerin, vor fünf Jahren kam sie zeitlich befristet als 1-Euro-Jobberin zum Verein. Die Begeisterung für das unterirdische Gangsystem ist ihr geblieben. Die gelernte Erzieherin macht regelmäßig Führungen - ehrenamtlich und für eine geringe Aufwandsentschädigung.

Generell könnte der Verein mit seinen etwa 80 Mitgliedern mehr Unterstützung gebrauchen, vor allem finanzieller Art. Es gibt lediglich eine Festangestellte, die die Öffnungszeiten im Vereinshaus direkt am Altmarkt abdeckt. Die Führungen übernehmen Vereinsmitglieder wie Kerstin Held auf ehrenamtlicher Basis. Vereinschef Udo Zeißer: »Wir erhalten zwar Geld von der Stadt, aber die Unterhaltung des unterirdischen Gangsystems kostet auch viel. Zur Zeit zum Beispiel haben wir nur eine behelfsmäßige Lichtanlage, für die Reparatur der alten fehlen uns die Mittel.«

Informationen im Internet unter: www.unterirdisches-zeitz.de

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