Brüsseler Veto für Superbörse

Hessen fürchtete zudem Nachteile für den Finanzplatz Frankfurt

  • Von Hermannus Pfeiffer
  • Lesedauer: 3 Min.
Die geplante Fusion zwischen der Deutschen Börse und der US-amerikanischen NYSE-Euronext ist geplatzt. Angst vor einer europäischen Superbörse ließen die EU ihr Veto einlegen.

Das »Aus« für die Pläne der Deutschen Börse, weltweit zur Nummer eins zu werden, kam 11 Uhr am Mittwochvormittag. Die EU-Kommission untersagte die angestrebte Fusion mit der US-amerikanischen NYSE-Euronext. Nach einjährigem Ringen zwischen Frankfurt und Brüssel legte Wettbewerbskommissar Joaquín Almunia aus Sorge vor einem »Monopol« in Europa sein Veto ein.

Mit dem Zusammenschluss der Börse in Frankfurt am Main und der New Yorker Wall Street wäre weltweit der größte Handelsplatz für Wertpapiere entstanden. Der spanische Kommissar Almunia fürchtete vor allem um den Wettbewerb in Europa, denn die Superbörse hätte hier zusammen rund 90 Prozent des an Börsen gehandelten Derivategeschäfts beherrscht. Derivate sind hochriskante Termingeschäfte. Die deutsch-amerikanischen Verlobten hatten dagegen gehofft, dass als Bezugsgröße der globale Markt herangezogen würde. Auf diesem hätte das Paar nur einen Marktanteil von etwa 15 Prozent auf sich vereint.

Das Veto aus Brüssel hatte sich lange abgezeichnet. Mit teuren, ganzseitigen Anzeigenkampagnen in Tageszeitungen hatten die Heiratswilligen noch versucht, gute Stimmung zu erzeugen. Doch auch in Hessen regte sich Widerstand: Wirtschaftsminister Dieter Posch (FDP) hatte seit geraumer Zeit »erhebliche börsenrechtliche Bedenken« geäußert. »Interessanterweise geht die Initiative für das mögliche Veto nicht auf die EU-Wettbewerbsbehörde zurück, sondern auf das hessische Wirtschaftsministerium«, bestätigt ein Analyst der Norddeutschen Landesbank (NordLB).

Das hessische Wirtschaftsministerium prüfte im Unterschied zur EU-Kommission nicht die wettbewerbsrechtlichen Folgen der Fusion, sondern die Auswirkungen auf den Finanzplatz. Nach deutschem Börsenrecht muss das Ministerium für eine angemessene Entwicklung des Finanzplatzes Frankfurt sorgen. Die beiden Börsen hatten jedoch geplant, dass die Frankfurter Börse künftig über eine Holdinggesellschaft in Amsterdam beherrscht wird, an die auch die Gewinne abgeführt worden wären. Das bereitete auch Bankern in der hessischen Finanzmetropole Sorgen. Obwohl die Fusion anfänglich als Übernahme der Wall Street durch die Deutsche Börse gefeiert worden war, hatte sich zuletzt der Eindruck verstärkt, dass die Amerikaner die Frankfurter über den Tisch ziehen. Vor allem beim lukrativen und allein über Computer abgewickelten Massengeschäft mit Derivaten, bei dem die Deutsche Börse als technologischer Marktführer gilt, hätte die Fusion eine Eintrittskarte nach Europa bedeutet. Der Betriebsrat der Deutschen Börse begrüßte das Veto. Gegen das »Nein« aus Brüssel könnten die Konzerne vor dem Europäischen Gerichtshof klagen.

Die abgesagte Börsenhochzeit ist nicht die einzige, die in den vergangenen Monaten platzte. Im April stoppte Australien eine Übernahme durch Singapur, US-amerikanische Wettbewerbshüter verhinderten eine feindliche Übernahme der NYSE durch die andere große US-Börse Nasdaq und im Juni platzte die Fusion zwischen London und Toronto. In Frankfurt dürfte nun die Bereitschaft wieder steigen, etwa erneut mit London anzubandeln. Eine europäische Superbörse würde wohl in Brüssel auf Zustimmung treffen, um der starken Konkurrenz aus den USA, Tokio und China auf dem Finanzmarkt Paroli zu bieten.

Schlechte Zeiten

Die große Zeit der Börse scheint vorbei. Immer mehr Wertpapierhandel wandert in Banken und kaum regulierte Brokerfirmen ab. Die früheren Tempel des Kapitalismus reagieren darauf mit zunehmender Größe: So gehören zur »Gruppe Deutsche Börse« die Börse Frankfurt, das elektronische Handelssystem Xetra für Banken, die Börse Tradegate für Kleinanleger und die europäische Terminbörse Eurex für Derivate. Nur 18 Prozent der Deutsche Börse AG wird von deutschen Investoren gehalten, der größte Teil gehört Anlegern aus Großbritannien (16 Prozent) und den USA (32). hape

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