Frankreich: Stresstest mangelhaft

Greenpeace-Gegenbericht zur Atomkraftsicherheit

  • Susanne Götze
  • Lesedauer: 3 Min.
Nach mehreren Stresstests von AKW-Betreibern und staatlichen Stellen zur Sicherheit in französischen Atomkraftwerken ist nun die Umweltorganisation Greenpeace dran: Die Risiken von Unfällen in französischen AKWs würden systematisch unterschätzt.

Fukushima hat auch Frankreich nicht kalt gelassen. Nach der Katastrophe wurden deshalb Stresstests durchführt. Die Ergebnisse wurden in Form von zwei Studien des französischen Strahlenschutzamtes IRSN und der Atomkraftkonzerne Areva und EDF vorgestellt. Ergebnis: Keines der Atomkraftwerke müsste geschlossen werden. Es ginge nur um kleine Nachbesserungen.

Das zweifelt eine von Greenpeace in Auftrag gegebene Studie nun an, die Anfang der Woche in Paris vorgestellt wurde. Die unabhängigen Experten des amerikanischen Instituts für Energie und Umweltforschung (IEER) und der Pariser Agentur für Energieinformationen WISE (World Information Service on Energie) kritisieren, dass viele Faktoren im Falle von Unfällen außen vor gelassen wurden. So seien die Analysen der Betreiber allenfalls ein »guter Anfang«, jedoch nicht geeignet, um Konsequenzen für die Sicherheit der Reaktoren zu ziehen.

Unbeachtet blieben die Alterung der AKWs - die herkömmlichen Studien beziehen sich auf den Status quo 2011 - sowie die Bausubstanz der Betonmäntel und Abklingbecken, kritisiert der Gegenbericht von Greenpeace. Bei Reaktoren mit einer Kapazität von 1300 und 1450 Megawatt fehle eine Metallschicht in der Betonhülle, die die Kraft von Explosionen dämpfen könnte. Auch menschliches Versagen als Unfallursache sei aus den Sicherheitsanalysen herausgelassen worden. Aus Fukushima habe man ebenfalls keine Schlüsse gezogen - dabei habe der Unfall gezeigt, dass Materialien wie das Schwermetall Zirkonium, das in den Brennstäben verwendet wird, im Falle eines Unfalls als Katalysator wirken können: Das Zirkonium habe in Fukushima durch mangelnde Kühlung Wasserdampf in Wasserstoff und Sauerstoff gespaltet, so dass es zu Knallgasexplosionen kam. Ignoriert habe man auch die Verwendung von MOX-Brennelementen. Diese Brennstäbe, die Plutonium aus Wiederaufarbeitungsanlagen enthalten, stellen aufgrund ihrer höheren Radioaktivität ein größeres Risiko im Falle eines Unfalles dar. Ob MOX verwendet wurde, sei aber in den Analysen nicht aufgetaucht.

Dass Regierung und Betreiber die warnenden Stimmen der Umweltschützer hören, darf bezweifelt werden - denn Sarkozy hat seine eigenen Experten. Mitte Februar verkündeten Sarkozy und Energieminister Eric Besson, dass die Laufzeiten der französischen Reaktoren noch auf bis zu 60 Jahre verlängert werden könnten. Es sei »Verschwendung«, die Reaktoren nach 40 Jahren Laufzeit abzuschalten, meint Sarkozy. Auch die atomfreundliche »Expertenkommission Energie 2050« erklärte vergangene Woche, dass die Energiepreise um bis zu 100 Prozent steigen könnten, sollte die Politik auf Erneuerbare Energien setzen - ein willkommenes Wahlkampfargument. Deshalb solle der gesamte AKW-Park solange wie möglich am Netz gehalten werden.

Der sozialistische Präsidentschaftskandidat François Hollande hat hingegen zusammen mit den Grünen im Falle seiner Wahl den Beginn eines Atomausstiegs versprochen: So soll der Anteil des Atomstroms bis 2025 von 75 auf 50 Prozent reduziert werden. In seiner Amtszeit soll allerdings nur das umstrittene älteste Atomkraftwerk Fessenheim vom Netz gehen, betonte Hollande.

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