Völkerrechtswidrig: Depleted Uranium

Warum Professor Siegwart-Horst Günther vor neuen Kriegsabenteuern warnt

Heute vor neun Jahren begannen die USA mit der Bombardierung Bagdads - weil Saddam Hussein angeblich über Massenvernichtungsmittel verfügte. Zum zweiten Mal im Abstand von knapp zehn Jahren wurde das irakische Volk von westlichen Demokratien in einen leidvollen Krieg mit noch ungezählten Opfern gestürzt.

Zu jenen, die sich entschieden gegen den zweiten wie dritten Golfkrieg wandten, gehörte Professor Dr. Siegwart-Horst Günther, der kürzlich seinen 87. Geburtstag beging. Wenn heute über Depleted Uranium diskutiert wird, bleibt sein Name oft unerwähnt. Dabei war er es, der den Beweis erbracht hat, dass die NATO schon im zweiten Golfkrieg radioaktive Geschosse eingesetzt hatte.

Der Arzt, der mit Albert Schweizer in Lambarene (1963 bis 1965) gearbeitet hat und danach in Ägypten, Syrien und Irak tätig war, konnte durch das Einschmuggeln von durch die USA und deren Verbündeten eingesetzten Geschossen nach Deutschland nachweisen, dass jene durch Genfer Konventionen geächtete Waffen verwandten. Laboruntersuchungen an drei wissenschaftlichen Instituten - am Luise Meitner-Institut, an der Freien Universität Berlin sowie der Humboldt-Universität - bekräftigten seinen Verdacht.

Der Professor erinnert sich: »Auf dem Weg zwischen Bagdad und Amman fielen mir Geschosse auf, die mir seltsam vorkamen. In Basra, an der Grenze zu Kuwait, habe ich im Oktober 1991 Kinder mit Geschosshülsen spielen sehen. Eines dieser Kinder erkrankte an Leukämie und starb kurze Zeit später. Ich habe die Geschosse von der dortigen Polizei einsammeln lassen. Eines dieser Geschosse und Geschossummantelungen nahm ich mit nach Deutschland und ließ sie untersuchen. Dabei zeigte sich, dass bei Berührung der rauen Oberfläche des Projektils ein radioaktiver Abrieb erzeugt wird. Durch falschen Umgang mit dem Geschoss entsteht also die Gefahr der Kontamination und Inkorporation radioaktiven Materials, was zu einer erheblichen Gesundheitsgefährdung führen kann. Die Dosisleistung an der Oberfläche des Projektils beträgt circa elf Mikrosievert pro Stunde.«

Obwohl mittlerweile bestätigt ist, dass Depleted Uranium unweigerlich zu Krebs, Immunschwächekrankheiten, Missbildungen und Tod führt, werden DU-Projektile und -Bomben weiterhin weltweit in Kriegsgebieten eingesetzt. Warum? Die Antwort des Professors: »Die Rüstungsindustrie benutzt diese Waffen, weil sie schwer sind, eine hohe Dichte haben und Stahl bzw. Zement wie Butter durchschneiden können. Dabei werden Temperaturen von 1000 bis 2000 Grad Celsius erzeugt. Panzer bzw. Wohnhäuser, Brücken und ähnliche Bauten verbrennen teilweise nahezu rückstandslos.« Die große Gefahr für den Menschen besteht nach Auskunft des Mediziners darin, dass »ein feiner Uranstaub freigesetzt wird, der kleiner als Blutblättchen ist, den man weder riechen noch schmecken kann und der durch Winde und Stürme bedingt rund um den Erdball verbreitet wird. Die in das Grundwasser dringenden Uranteilchen richten unermesslichen Schaden an, der Mensch und Natur gefährdet.«

Statt Professor Günther für diese Erkenntnisse und die Enthüllung eklatanter Verletzungen völkerrechtlicher Verträge dankbar zu sein, war ihm vom Amtsgericht Tiergarten für das Schmuggeln eines »radioaktiven Projektils« eine hohe Geldstrafe auferlegt worden. Da er diese nicht bezahlte, wurde der Gegner jeglicher Kriege und Mahner vor weiterer Aufrüstung mit Massenvernichtungswaffen wie ein Verbrecher ins Gefängnis gesteckt.

Siegwart-Horst Günther registriert mit Sorge die Kriegsandrohungen gegen Iran und die Aufrufe interessierter Kreise zur Intervention in Syrien. Der ehemalige Soldat der deutschen Wehrmacht an der Ostfront, der als Kurier für die Attentäter vom 20. Juli 1944 tätig war und nach dem misslungenem Staatsstreich ins KZ Buchenwald gesperrt worden ist, fragt: »Sollen auch Tausende Iraner oder Syrier für einen ›Irrtum‹ des Westens mit dem Leben bezahlen wie im vergangenen Jahrzehnt Hunderttausende Iraker die falsche Annahme, Saddam Hussein verfüge über Massenvernichtungswaffen? Im Gegenteil, diese befinden sich in den Arsenalen der westlichen Streitkräfte - und zwar in einer ungeheuerlichen Stückzahl.«

Unsere Autorin ist Vorsitzende des Berlin-Brandenburger Vereins »Mütter gegen den Krieg«.

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