Keine Haft für Hammer und Sichel

Worum sich Warschaus Regierende vor dem »Fest der Freude« Sorgen machen

  • Von Julian Bartosz, Wroclaw
  • Lesedauer: 3 Min.
Mit der Euro 2012 ist Polen »ein großes Fest der Freude« versprochen. »Wir sind vorzüglich darauf vorbereitet«, verkündete Sportministerin Joanna Mucha der Nation im Sejm.

2007, als die UEFA die Ukraine und Polen - damals noch unter Premier Jaroslaw Kaczynski - mit der Austragung der Fußball-EM beglückte, lief im Lande ein riesiges Investitionsprogramm an. Realisiert wurde es vom Nachfolger Kaczynskis, Donald Tusk. Der Fußballfan begab sich freudig in die Gefangenschaft und ordnete an, alle UEFA-Auflagen zu erfüllen.

Nicht nur vier große Stadien in Warschau, Poznan, Gdansk und Wroclaw, auch 1000 Kilometer neue Autobahnen, 2000 Kilometer Schnellstraßen, neue Terminals für den Flugverkehr, modernisierte Eisenbahnstrecken, der Ausbau der Hotellerie und vieles mehr sollten Polen zu einem zivilisatorischen Sprung verhelfen. Tatsächlich konnte beim Autobahnbau nur die Hälfte fertiggestellt werden, bei Schnellstraßen nur ein Viertel, die Eisenbahnstrecken haben sich kaum verbessert und viele Hotelprojekte wurden aufgegeben. Dennoch sind Fortschritte in Polens Infrastruktur unverkennbar.

Verschlungen haben diese Investitionen 25,3 Milliarden Euro, gut 110 Milliarden Zloty, das Dreifache des diesjährigen polnischen Haushaltsdefizits. Den Riesenanteil daran hat der Straßenbau mit fast 15 Milliarden Euro.

Auch in die Fanzonen in den Städten wurde investiert. Erwartet werden nämlich bis zu 700 000 »Kibice«, wie die Fans im Polnischen heißen. Für deren Unterhaltung muss gesorgt werden, denn sie werden - so hofft man - 600 Millionen Euro ausgeben.

»Fühl dich wie zu Hause« - mit dieser einladenden Parole werden die Fans hier erwartet. Die Sicher-

Fußballamateur Donald Tusk

Foto: dpa/Adam Warzaw

heitsvorkehrungen, die von Polizei und anderen getroffen wurden (man zeigte sie tagelang im Fernsehen), konnten indes den Eindruck erwecken, dass man einen Hunnenangriff fürchtet. Strafgefangene wurden verlegt, um hinter Gittern Platz zu schaffen, und Richter wurden in die Austragungsorte beordert, damit sie schnell urteilen können.

Allein 40 000 Fans werden aus Russland erwartet. Die wurden vorsorglich gewarnt. »Ich denke, gegen T-Shirts mit der Aufschrift ›UdSSR‹ wird keiner etwas haben, aber Hammer und Sichel werden in Polen der faschistischen Symbolik gleichgestellt und sind gesetzlich verboten«, sagte Polens stellvertretender Botschafter Jaroslaw Ksiazek der russischen Zeitung »Wsgljad«. Justizminister Jaroslaw Gowin wiegelte immerhin ab. Laut »Gazeta Wyborcza« erklärte er, das Tragen von T-Shirts mit Hammer und Sichel sei nicht unbedingt mit der Propaganda kommunistischer Ideen und totalitärer Methoden gleichzusetzen. Wenn auch an der Grenze des Rechts, sei es noch kein Verbrechen. Man müsse in solchen Situationen, da alle Augen auf Polen gerichtet sind, eben eine »gewisse Zurückhaltung« üben.

Sportministerin Mucha riet den russischen Fans jedoch davon ab, im Warschauer Hotel »Bristol« Quartier zu nehmen. Denn unter dessen Fenstern wollen die Anhänger Kaczynskis am 10. Juni (wie an jedem Monatszehnten) in einer »Smolensk«-Demonstration wieder zum Präsidentenpalast ziehen. Nach wie vor verficht Jaroslaw Kaczynski nämlich die Idee, der Flugzeugabsturz bei Smolensk, dem am 10. April 2010 sein Bruder Lech und weitere 95 Polen zum Opfer fielen, gehe auf eine Verschwörung seiner politischen Gegner und der Russen zurück.

Wenn am 12. Juni in Warschau Polen und Russland aufeinandertreffen, planen die russischen Fans angeblich ihrerseits eine Demonstration: Unter einer riesigen Fahne mit dem Zarenadler wollen sie demnach organisiert zum Stadion ziehen. Der 12. Juni ist in Russland Nationalfeiertag - zur Erinnerung daran, dass vor 400 Jahren die polnischen Besatzer aus dem Kreml vertrieben wurden. Für Polen wäre ein solcher Aufmarsch eine Provokation, wettern rechte Medien. Fragt sich, ob man da bläst, um Feuer zu löschen oder um es auflodern zu lassen?

Die Regierung wünscht sich einen Burgfrieden. Innenminister Jacek Cichocki wies die Gewerkschaften schon am 15. Mai darauf hin, dass die EM-Zeit für Proteste nicht geeignet sei, da sie dem Ruf Polens im Ausland schaden könnten. »Solidarnosc« will es sich trotzdem nicht nehmen lassen, gegen die Altersrente mit 67 zu demonstrieren. Jungsozialisten aus Poznan rufen zu einer Kundgebung unter der Parole »Brot statt Spiele« auf. Allein mit dem Geld für den Unterhalt der Stadien nach den Spielen könnte man zehn Jahre lang 6000 Kitaplätze finanzieren.

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