Nicht nur für Oligarchen

Die Fußball-Europameisterschaft dürfte sich für Polen und Ukrainer auszahlen

  • Von Hermannus Pfeiffer
  • Lesedauer: 3 Min.
Kein Brot, aber Spiele. Und wenn Brot, dann kassieren es die Oligarchen ein. Dieses schiefe Bild wurde in vielen Medien von der Fußball-EM in Polen und vor allem der Ukraine gezeichnet. Ganz so voreilig sollte man die Wirtschaftsbilanz der »Euro« jedoch nicht ziehen.

Die meisten Oligarchen sind lichtscheue Gesellen. Verständlicherweise. Schließlich gedeiht ihr Geschäft vor allem im Verborgenen solider Seilschaften, wie sie auch im Westen geschnürt und dann vornehmer als Netzwerke tituliert werden. Einer, der sein Schweigen während der EM auf allen medialen Kanälen brach, war Alexander Jaroslawski: »300 Millionen Euro habe ich in die ›Euro‹ investiert«, sagte die vermeintlich graue Eminenz von Charkiw in einem Fernsehinterview. Die Investitionen, zu denen das Stadion und der Fußballclub FK Metalist als Werbeausgaben gehören, sollen sich mittelfristig auszahlen - durch Geschäfte mit dem Westen.

Jaroslawski suchte auffällig die Nähe zu deutschen Medien und Managern. Bislang verkaufen ukrainische Firmen nur für 1,9 Milliarden Euro Waren nach Deutschland; in erster Linie Metalle, Kraftwagenteile sowie Bekleidung - Rang 50 der deutschen Einfuhrstatistik. Das soll sich, geht es nach dem Willen der Jaroslawskis und der politischen Führung um Präsident Viktor Janukowitsch, ändern.

Doch im Regelfall werden die volkswirtschaftlichen Auswirkungen von Sportgroßereignissen überschätzt. Typischerweise sind wirtschaftliche Gewinner auf Unternehmens- und Branchenebene zu finden, hat Jörn Quitzau von der Berenberg Bank festgestellt. Die Oligarchen dürfen also jubeln. »Konjunktur- und Wachstumseffekte sind dagegen im Regelfall kaum spürbar.« Das hat einen simplen Grund: Die von einem Sportevent ausgelösten Mehrausgaben sind im Vergleich zur gesamten Wirtschaftsleistung eines Landes üblicherweise zu gering. So hatte Deutschland als Gastgeber der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 nur knapp 0,3 Prozent seines Bruttoinlandsproduktes (BIP) ausgeben müssen. Daher könne es nicht verwundern, so Bankanalyst Quitzau, dass trotz Sommermärchen die WM ein volkswirtschaftliches »Non-Event« blieb. In der Ukraine beliefen sich die Ausgaben für die Euro dagegen auf umgerechnet rund 11 Milliarden Euro und damit 10,5 Prozent des BIP. Der Investitionsschub zahlte sich auch für die 46 Millionen Ukrainer aus: Mit einer Arbeitslosenquote von nur noch 1,7 Prozent herrscht aus Sicht der Ökonomen sogar Vollbeschäftigung.

Das wirtschaftlich stärkere Polen mit seinen 39 Millionen Einwohnern hat mit rund 35 Milliarden Euro noch weit mehr als der EM-Partner in das Kicker-Ereignis investiert. Der Effekt für die Volkswirtschaft mit knapp sieben Prozent des jährlichen BIP fällt allerdings geringer aus, bleibt aber spürbar. Im Unterschied zu hoch entwickelten Volkswirtschaften wie Deutschland sind die Infrastrukturausgaben in Schwellenländern relativ zum BIP höher. Die EM gab den Anstoß für den Bau dringend benötigter Infrastruktur und »das betreffende Land erhält einen wirtschaftlichen Schub, von dem es dauerhaft profitieren kann«, meint Henning Vöpel vom Hamburgischen Weltwirtschaftsinstitut (HWWI). Straßen, Flughäfen oder Bahnstrecken seien noch jahrzehntelang nutzbar.

Für wichtiger als die direkten konjunkturellen Auswirkungen halten Ökonomen den Werbeeffekt. Mit der Ausrichtung eines Megaevents wie der Fußball-Europameisterschaft gerät ein Land, das vorher ein weißer Fleck auf der Landkarte der globalen Wirtschaft war, oftmals erst in das Bewusstsein von Investoren und Konsumenten. Zwei US-Ökonomen, Andrew Rose und Mark Spiegel, haben einen langfristigen positiven Effekt von der Ausrichtung Olympischer Spiele auf die Exporte der Gastgeberländer gefunden. In ähnlicher Weise werden diese Länder zunehmend Zielland von ausländischen Direktinvestitionen.

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