Labeflasche und Nabelschnur

ZUR SEELE: Erkundungen mit Schmidbauer

Dr. Wolfgang Schmidbauer lebt und arbeitet als Psychotherapeut in München.
Dr. Wolfgang Schmidbauer lebt und arbeitet als Psychotherapeut in München.

Neulich sah ich ein Foto: eine Klasse von Abiturienten des Jahrgangs 2012, korrekt verteilt an ihren abschreibsicheren Tischen. Und auf jedem Tisch stand eine Flasche Mineralwasser.

Manches habe ich über mein eigenes Abitur im Jahr 1960 vergessen, aber eines erinnere ich genau: Wir saßen auch an abschreibsicheren Tischen, aber niemand hatte etwas zu trinken auf dem Pult stehen.

Der Kulturwandel ist mir auch in den Selbsterfahrungs- und Therapiegruppen aufgefallen. Ich arbeite seit den 70er Jahren mit solchen Gruppen. Anfangs gab es Diskussionen, ob in den Gruppen geraucht werden durfte oder nicht. Bei mir wurde nicht geraucht. Dann Diskussionen, ob gestrickt werden durfte oder nicht. Stricken war mir egal, so lange die Nadeln nicht klapperten.

Die Labeflaschen tauchten im neuen Jahrtausend auf. Sie wurden nicht mehr diskutiert. Sie waren einfach da. Vor allem Frauen, aber auch Männer nahmen, kaum saßen sie, eines dieser gerippten Plastikmonster in die Hand und schluckten, als seien sie auf Rast während einer Expedition in der Wüste und nicht in einem klimatisierten Gruppenraum.

Vor 1990 kann ich mich an keine Gruppe erinnern, die in der ersten Sitzung klären wollte, ob Getränke vorrätig seien. Inzwischen sind solche Nachfragen häufig, und die meisten Veranstalter scheinen überzeugt, dass gesunde Erwachsene eine Stunde ohne Flüssigkeitszufuhr nicht verkraften können.

2006 sagte ein Mitglied in der ersten Sitzung vorwurfsvoll, es habe von einer anderen Gruppe gehört, in der es Plätzchen und Tee gäbe. In der nächsten Sitzung erklärte eben diese Teilnehmerin, sie habe sich jetzt bei ihrem Lehranalytiker erkundigt und von diesem erfahren, dass ein Leiter korrekt handle, wenn er keine Plätzchen serviere. Es sei ein Fehler, das zu tun, ein Abstinenzverstoß. Seither habe sie Frieden mit dem Leiter geschlossen. Dann öffnete sie ihre mitgebrachte Thermosflasche und labte sich.

Es ist nur ein winziges Detail, aber ich deute es als Zeichen wachsender Ängste. Für den Redner, dem das Lampenfieber den Mund austrocknet, steht schon seit langem ein Glas Wasser auf dem Pult. Und wenn ich den Mikrokosmos der Gruppenselbsterfahrung betrachte, fallen mir noch andere Zeichen auf, dass die Menschen mehr Angst haben. Sie rebellieren selten gegen Autoritäten. Sie beklagen sich, dass diese nicht gut genug für sie sorgen. Wenn ich in den 80er Jahren einer Gruppe vorschlug, doch einmal ein Intensivwochenende zu organisieren, waren alle Feuer und Flamme. Wenn ich das heute versuche, ernte ich Bedenken. Ob das nicht zu intensiv würde?

In den 70er Jahren wurde gekämpft und geschrien in den Gruppen. Die Mitglieder beleidigten sich heftiger als heute, aber nie wäre es jemandem eingefallen, einen Angreifer wegen Mobbing beim Leiter anzuklagen. Es wurde mehr ausgeteilt und eingesteckt, es wurde mehr experimentiert. Es gab Abenteuerlust und Erlebnisdurst - vielleicht war deshalb die Flasche mit dem stillen Wasser entbehrlich.

Menschen hängen heute nicht nur an ihren Wasserflaschen, sondern auch aneinander, in einer früher undenkbaren, da auch ganz unmöglichen Weise. Als ich 1957 16-jährig mit meinem neuen Moped, Zelt und Schlafsack zusammen mit meinem 18-jährigen Bruder über den Brenner und Venedig nach Ravenna fuhr, schrieben wir - dort angekommen - eine Postkarte nach Hause. Diese Kommunikation wurde von beiden Seiten als absolut ausreichend empfunden. Irgendwann nahm die Mutter ihre etwas struppigen und unter einer Diät von Brot und Sanella schlank gewordenen Söhne wieder in Empfang.

Heute erreicht mich ein Handyanruf meiner Jüngsten, kaum ist sie in Italien angekommen. Wir würden uns Sorgen machen, wenn das nicht so wäre. In Bus und Bahn hören wir Mobiltelefongespräche: Wo bist du? Was machst du? Wann kommst du? Wie geht es dir? Wie Blut durch die Nabelschnur fließt die Kommunikation fast ohne Unterbrechung. Trennung ist nicht mehr normal; wir müssen sie inszenieren, indem wir ein Gerät ausschalten.

Eine Trennung zu ertragen, die mit ihr verbundenen Ängste zu verarbeiten, das stärkt das Ich. Es wappnet sich gegen Durststrecken und lernt, mit ihnen fertig zu werden. Die mobile Kommunikation beschenkt uns mit immerwährender Erreichbarkeit. Sie raubt uns Autonomie und Risikofreude, die leichter zu haben waren, als es einfach gar nicht anders ging.

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