Die »Delphinus«-Affäre der Ratingagenturen

Ermittlung der US-Börsenaufsicht wegen falscher Bewertung von Hypothekenpapieren

  • Von John Dyer, Boston, und Kurt Stenger
  • Lesedauer: 3 Min.
Die US-Börsenaufsicht macht offenbar Ernst. Gegen die Ratingagentur Standard & Poor’s sind Ermittlungen wegen falscher Bewertung eingeleitet worden.

Die Ratingagenturen geraten in den USA wieder unter Druck. Harold »Terry« McGraw vom Medienkonzern McGraw-Hill, Muttergesellschaft von Standard & Poor's (S&P), musste kürzlich Ermittlungen des Justizministeriums in Washington und der US-Börsenaufsicht SEC einräumen. »Wir stehen in Kontakt mit Vertretern (der Behörden, d. Red.). Dabei werden wir unsere Position verdeutlichen«, erklärte McGraw. Im Mittelpunkt der Untersuchung stehen dabei die Kriterien, die S&P 2007 bei der Bewertung eines Finanzproduktes heranzogen hat.

Ratingagenturen bewerten die Kreditwürdigkeit von Unternehmen, Staaten und bestimmten Finanzprodukten. Ihre Ratings beeinflussen wiederum die Zinsen für Anleihen oder Schulden der bewerteten Organisationen. US-amerikanische und europäische Vertreter kritisieren die drei marktbeherrschenden Agenturen S&P, Moody's und Fitch seit Jahren dafür, dass sie große Summen mit falschen Bewertungen verdienen. In Europa werden sie wegen ihrer extrem negativen Ratings von Ländern wie Griechenland, Spanien und Italien für die Verschärfung der Euro-Krise mit verantwortlich gemacht. In den USA dagegen hatten sie noch kurz vor dem Platzen der Immobilienblase 2008 hoch riskante Hypothekenpapiere als vermeintlich sichere Anlagen bewertet. Kritiker weisen darauf hin, die Agenturen hätten auch deshalb zu positiv geurteilt, weil sie von den Emittenten für ihre Ratings bezahlt werden.

In der aktuellen Ermittlung gegen Standard & Poor's geht es um ein Hypothekenpapier namens »Delphinus CDO 2007-1«, welches die US-Tochter der drittgrößten japanischen Bank, Mizuho Financial Group, an Anleger verkaufte und damit 1,6 Milliarden Dollar erlöste. S&P hatte das Portfolio aus festverzinslichen Wertpapieren, in denen eine Vielzahl von Hypothekenkrediten gebündelt waren, im August 2007 mit der Bestnote »AAA« bewertet, woraufhin die Käufer zugriffen. Wenige Monate später begann die Ratingagentur, das Papier drastisch herabzustufen. Ende 2008 war es auf Ramsch-Status abgestürzt.

»Delphinus CDO 2007-1« gehört zu den Papieren, die sich ein Ausschuss des US-Senats als Paradebeispiele für die Verfehlungen der Ratingagenturen ansieht. Bislang mussten aber in ähnlich gelagerten Fällen nur die Emittenten der Papiere, zahlreiche Großbanken, Strafzahlungen leisten. Bei »Delphinus« einigte sich die Börsenaufsicht mit Mizuho auf eine Summe von 128 Millionen Dollar.

Bei der Verkündung der Einigung mit Mizuho hatte Robert Khuzami, Leiter der SEC-Abteilung für Zwangsvollstreckungen, kritische Worte in Richtung der risikofreudigen Finanzwirtschaft gerichtet: »Dieser Fall zeigt einmal mehr, dass alle Banker und Marktteilnehmer, die auf schnelle Gewinne um jeden Preis setzen, identifiziert, angeklagt und bestraft werden. Für uns ist dies seit Ausbruch der Krise ein Hauptanliegen. Und alle Mitarbeiter der Finanzindustrie sollten sich dessen auch bewusst sein.« Das scheint endlich auch für Ratingagenturen zu gelten. Vor rund einem Jahr hatte die Börsenaufsicht S&P über das Thema befragt. Nun hat man offizielle Ermittlungen eingeleitet.


Lexikon

Als CDO (Abkürzung für »Collateralized Debt Obligation«) werden Wertpapiere bezeichnet, in denen ganze Portfolios von Vermögenswerten wie Kredite gebündelt sind. Banken können mittels solcher Papiere ihre eigenen Kreditforderungen und -risiken weiterverkaufen. Die Käufer setzen auf reibungslos fließende Kreditzahlungen plus einen Anstieg des CDO-Kurses. nd

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