Trauert. Dann: Empört euch!

Im Konzerthaus Berlin: Hanns Eislers »Deutsche Sinfonie«

  • Von Liesel Markowski
  • Lesedauer: 4 Min.

Die Begegnung mit der »Deutschen Sinfonie«, dem umfangreichsten Werk Hanns Eislers, war sicher das eindrucksvollste Erlebnis im klingenden Gedenken zum 50. Todestag des Komponisten. Dafür sorgten die Berliner Singakademie, Gesangssolisten und das Konzerthausorchester Berlin unter Achim Zimmermann. Ein imposantes Dokument antifaschistischen Widerstands und der Auseinandersetzung mit dem unheilvollen Verlauf deutscher Geschichte. Über Jahrzehnte hat Eisler während seines Exils daran gearbeitet, bereits Komponiertes mit Neuem vereint in gestalterisch hohem Anspruch: Zwölftontechnik, verbunden mit zündendem Songstil, gleichsam Avantgarde und Massenlied in einem.

Es ist unverhüllt politische Musik, die vornehmlich nach Brecht-Gedichten Terror und Unterdrückung der Naziherrschaft anklagt, um die Opfer trauert und den Krieg verurteilt. Eine Musik, die sich in dramatischer Steigerung aus Chören (Kantaten), Orchesterstücken und Songs aufbaut und deren Wirkung noch immer überspringt. Umso mehr, als die Umtriebe und Verbrechen von Neonazis heute beunruhigen und historischer Rückblick vernunftstiftend sein könnte. Denn in Eislers einstündigem Zyklus wird politische Wahrheit zum künstlerischen Ereignis und zur Herausforderung. Was kann heute getan werden gegen neue und »gängige« Katastrophen? So lenkt die Trauer »O Deutschland, bleiche Mutter, wie bist du besudelt mit dem Blut deiner besten Söhne« aus Brechts »Kriegsfibel«, lenkt der Ruf an die »Kaum Erreichbaren in den Lagern« oder an die »unaufhaltsam Kämpfenden« den Blick auf heutiges Unheil in aller Welt.

Und da gibt es ätzende Ironie, wenn »Erinnerung« an einen Leichenzug zu »Potsdam unter den Eichen, im hundertjährigen Staub« aufkommt. Oder wenn der »Hetzer im Zinksarg« auf dem Schindanger »von nun an bis in die Ewigkeit verscharrt werden« soll, weil er die Wahrheit für »Millionenmassen der Arbeit« gesagt hat. Songstil und falsches Pathos (zielend auf die Unterdrücker) geben Eislers Musik unmissverständliches Profil. Das hat sie auch in den Orchesterstücken, die höchst konzentriert Gesagtes oder Zusagendes reflektieren in Zwölftöniger Fassung und farbig brillanter Instrumentierung, die auch Liedzitate, wie im Präludium aus der »Internationale«, nutzen.

Die Interpretation unter dem äußerst intensiven Dirigat von Achim Zimmermann hat das Orchester hier (auch in den Begleitpartien) zu musizierter Feinheit wie zu Transparenz inspiriert: ein ungemein spannendes und fesselndes Spiel. Das gilt ebenso für die vokalen Partien: Der Chor und das Solistenquartett mit der wunderbaren koreanischen Sopranistin Yeree Suh, der Mezzosopranistin Anette Markert, dem Bariton Henryk Böhm und dem Bass Egbert Junghanns bestachen nicht nur durch stimmliches Volumen, sondern ebenso durch heute eher seltene Textdeutlichkeit, die in diesem wortgewichtigen Werk unabdingbar ist.

Es geht Eisler und Brecht um Einsicht in damalige gesellschaftliche Zustände, um die Spaltung in Ausbeuter und Ausgebeutete. Gefordert wird Gerechtigkeit für die Unterdrückten - die Niedergeknüppelten, die Verschwundenen, die Weiterkämpfenden, die Armen. Aus Klage und Trauer wachsen Empörung und kämpferische Energie in zwei Vokalkomplexen: einer »Bauernkantate«, zu der Eisler den Text entwickelte, und einer »Arbeiterkantate« wiederum nach Brecht. Keineswegs etwa in billiger Agitation, vielmehr bei aller Deutlichkeit des Gesagten und Erklingenden ästhetisch äußerst verdichtet.

Für die Bauern wird Gott, der Unwetter und Missernten zulässt und sich um nichts kümmert, kritisch angesprochen: »Was ist das für ein Gott?« fragt der Solobass im Wechsel mit dem Chor. In der »Arbeiterkantate« mit dem Untertitel »Lied vom Klassenfeind« geht es rigoros um Offenlegung der politischen Verhältnisse. In aufrüttelnden Songs des Bariton-Solos oder auch in Chören werden Täuschung und Betrug durch die Herrschenden in kämpferischem Ton und Wort benannt. Der unüberwindbare Widerspruch macht keine Einigung möglich, denn der »Regen fließt nach unten«, nicht aufwärts.

Eislers Musik besitzt gerade in solchem Aufschwung der Textaussage starke eigene Kraft, die sofort in ihren Bann zieht und Nachdenken über die jetzige Lage anregt: Gerechtigkeit und Demokratie, zweifellos anders als zur Emigrationszeit der Autoren. Ein breites Bündnis aller Betroffenen scheint notwendig und möglich, nicht radikaler Klassenkampf. Das folgende aufrüttelnde Orchester-Allegro mit sanftem kammermusikalischem Mittelteil (wunderbare Holzbläser) und fesselnde orchestrale Gestik regen derlei Gedanken an. Ehe der leise »Epilog« mit Sopransolo und Chor wieder zur Trauer um die kriegstoten Soldaten von einst zurückkehrt: »Es ist ihnen kalt. Seht unsere Söhne«.

Das ausgezeichnete Niveau dieser Aufführung wird lange im Gedächtnis bleiben. Es war nachdrücklich getragen vom geradezu leidenschaftlichen Engagement des Dirigenten, aber auch der Ensembles und Solisten. Dass die Singakademie, immerhin ein Laienchor, ihre schwierige Aufgabe mit Bravour bewältigt hat, ist sicher solchem Engagement zu danken und bewundernswert. Vielleicht haben der Chor und alle Mitwirkenden von der Einstimmung des Abends mit Felix Mendelssohn Bartholdys Psalm »Wie der Hirsch schreit nach frischem Wasser«, einer sehr angenehm klingenden Musik mit zauberhaftem Sopransolo (Yeree Suh), profitiert. Eine seltsame Koppelung, allerdings von zwei Komponisten jüdischer Abstammung in verschiedenen Epochen, von denen der eine (F.M.) zum Protestantismus konvertiert und der andere (H.E.) Atheist war.

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