Brasan mit giftiger Brisanz

Ministerien nach Herbizid-Fall: Menschen bisher offenbar nicht gefährdet

  • Von Wolfgang Rex, Schwerin
  • Lesedauer: 3 Min.
Wegen Körperverletzung hat eine Bürgerinitiative in Pulow (Vorpommern) jetzt Anzeige gegen das Landespflanzenschutzamt Mecklenburg-Vorpommern und die Firma Syngenta Agro erstattet. Der Grund: fehlerhafter Einsatz des Herbizids Brasan.
Im Dorf Pulow bei Anklam in Vorpommern herrscht Aufregung. Eine Agrar GmbH in der Umgebung von Anklam hat im August das Pflanzenschutzmittel Brasan zwecks Unkrautvernichtung auf Rapsfelder versprüht. In der Nachbarschaft der Agrar GmbH bemerkten Bauern am 17.September, dass sich Blätter an ihren eigentlich unbesprühten Pflanzen gelb oder weiß verfärbten. Inzwischen wurde auch aus anderen Landesteilen von Mecklenburg-Vorpommern gemeldet, dass sich Pflanzen in der Nähe von Rapsfeldern verfärben. Von insgesamt 25 gemeldeten Fällen wird berichtet. Zusätzlich klagen Bewohner des Dorfes Pulow in der Anklamer Region über Fieber, Übelkeit, Atemwegsbeschwerden oder Hautausschlag. Außerdem wirft eine spontan gebildete Bürgerinitiative in Paselow dem Agrar-Betrieb vor, dass auch Flächen von benachbarten Bio-Bauern durch das Pflanzenschutzmittel bedroht sind. Der Betrieb habe das Mittel Brasan mit zu hohem Druck versprüht und vorgeschriebene Abstände zu Gewässern und Feldrändern nicht eingehalten. Brasan wird seit drei Jahren eingesetzt und von der Syngenta Agro GmbH aus dem Hessischen hergestellt. Martina Bunge, die Gesundheitsministerin von Mecklenburg-Vorpommern, erklärte gestern, sie habe am späten Abend des 21. September erstmals von den Fällen gehört. Da sei von 60 bis 70 Betroffenen gesprochen worden. Auf ihre Frage nach ärztlichen Diagnosen über Ursachen der Krankheiten habe sie keine eindeutigen Antworten erhalten. Am Montag dieser Woche seien Blutproben von Leuten aus der Anklamer Region genommen worden, die über Erkrankungen klagen. Diese würden derzeit ausgewertet. Ministerin Bunge plädierte dafür, die Sorgen der Anwohner ernst zu nehmen. Andererseits warnte sie vor Hektik. Es könne sich bei den Beschwerden um saisonale Krankheitssymptome wie Grippe oder um andere Ursachen handeln. Das Landwirtschaftsministerium von Mecklenburg-Vorpommern räumte laut der Bürgerinitiative der Gemeinde Pulow zwar ein, dass die beklagte Agrar GmbH die vorgeschriebene »gute fachliche Praxis« grob missachtet habe. Eine Gesundheitsgefährdung beim Verzehr von Obst und Gemüse bestehe jedoch nicht. Der Landwirtschaftsminister gab den üblichen Rat, Obst und Gemüse vor dem Verzehr zu waschen. Bodenproben einer geschädigten Fläche des Betriebes »Kräutergarten Pommernland« lägen unter der Bestimmungsgrenze von 0,01Milligramm je Kilo, teilte das Ministerium mit. Auch die Obstprobe bei einem betroffenen Kleingärtner habe keine Belastungen ergeben. Nach Angaben des Ministeriums liegt die duldbare Aufnahmegrenze des Wirkstoffs Clomazone bei 0,043Milligramm je Kilo Körpergewicht: Ein Mensch mit 70Kilogramm Gewicht könnte täglich 3Milligramm dieses Wirkstoffs direkt zu sich nehmen, ohne dass es zu einer Gesundheitsgefährdung kommt, beruhigt das Ministerium. Diesen Level zu erreichen, ist praktisch unmöglich, wenn man Konzentration und Menge des ausgebrachten Pflanzenschutzmittels betrachtet.« Landwirtschaftsminister Backhaus räumt aber ein, dass Öko-Bauern Schäden entstehen können. Die müssen nachweisen, dass ihre Flächen nicht mit Pflanzengiften behandelt werden. Zivilrechtlich sollten eventuelle Entschädigungsfragen wegen möglicher vom Wind verwehter Pflanzenschutzmittel geklärt werden, empfiehlt der Minister. Auch der Leiter des Giftinformationszentrums für Mecklenburg-Vorpommern und drei weitere ostdeutsche Länder, Helmut Hentschel, bezweifelt einen direkten Zusammenhang zwischen dem Pflanzenschutzmittel Brasan und den Nachrichten über erkrankte Anwohner aus der Anklamer Region. In seinem Zentrum habe es keine Anfragen wegen möglicher Vergiftungen durch das Pflanzenschutzmittel gegeben. Der Giftspezialist weist auch darauf hin, dass die Wirkung des Pflanzenschutzmittels auf Chlorophyll ausgerichtet ist. Es störe den Stoffwechsel von Pflanzen, wirke also nicht auf Menschen. Allerdings wollte auch Hentschel die Alarmmeldungen aus Anklam nicht bagatellisieren. Er warb ebenfalls dafür, die Störungen ernst zu nehmen und nach den Ursachen zu suchen. Hentschel erklärte zudem, dass Pflanzenschutzmittel nicht wie Arzneimittel getestet würden. Am Beispiel eines anderen Falles warnte der Leiter des Giftinformationszentrums vor Hysterie. Nach einem Fernsehbericht im Jahr 1999 über ein Holzschutzmittel aus der DDR stiegen in seinem Amt die Anfragen zu möglichen Vergiftungen durch dieses Produkt an. Im Jahr 2000 gab es nur noch wenige Fragen dazu. Praktisch hätte das Mittel nach zehn Jahren keine Vergiftungen auslösen können. Die vermehrten Anfragen nach dem Fernsehbericht führte er auf die schnelle Legendenbildung zurück.

nd Journalismus von links lebt vom Engagement seiner Leser*innen

Wir haben uns angesichts der Erfahrungen der Corona-Pandemie entschieden, unseren Journalismus auf unserer Webseite dauerhaft frei zugänglich und damit für jede*n Interessierte*n verfügbar zu machen.

Wie bei unseren Print- und epaper-Ausgaben steckt in jedem veröffentlichten Artikel unsere Arbeit als Autor*in, Redakteur*in, Techniker*in oder Verlagsmitarbeiter*in. Sie macht diesen Journalismus erst möglich.

Jetzt mit wenigen Klicks freiwillig unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal