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  • Politik
  • Gerichtsmediziner Prof. Dr. med. Dr. h.c. mult. Otto Prokop wird am Sonntag 75 Jahre alt

Leben als Arbeit - und umgekehrt

  • Von Frank-Rainer Schurich
  • Lesedauer: 4 Min.

Vor mir liegt das 97seitige Verzeichnis der wissenschaftlichen Veröffentlichungen von Otto Prokop. In den Jahren seines publizistischen Schaffens sind 639 Schriften entstanden, darunter 66 Bücher, die Nachauflagen eingerechnet. Standardwerke, die in der DDR und im Ausland die Fachgebiete geprägt haben und in viele Sprachen übersetzt wurden: »Lehrbuch der Gerichtlichen Medizin« (3. Auflage mit Göhler), »Vademecum Gerichtsmedizin« (mit Reimann, 3. Auflage mit Reimann und Geserick), »Lehrbuch der menschlichen Blut- und Serumgruppen« (mit Uhlenbruck). Und 466 wichtige Vorträge hat er gehalten.

Wer Otto Prokops Arbeiten kennt oder ihm zum Beispiel bei Sonntagsvorlesungen zugehört hat, weiß: Es ist nicht die Quantität, die hier zählt, sondern die Qualität. Wie kommt man zu einer solchen Produktivität? Eine Antwort: Mit Verve und Besessenheit, durch ausdauernde Energie. Otto Prokop arbeitet unermüdlich. Die anderen Antworten finden wir in seinem Lebensweg. /Am 29 September 1921 in St. Polten in Niederösterreich geboren, Medizinstudium an der Universität Wien 1940/1941, Wehrdienst, Verwundungen, amerikanische Kriegsgefangenschaft. Nach Fortsetzung des Medizinstudiums an der Universität Bonn promovierte Otto Prokop 1948.

Ende 1956 erging die Berufung auf den Lehrstuhl und in das Direktorat des Instituts für Gerichtliche Medizin der Charite - ein halbes Leben bis zur planmä-ßigen Emeritierung 1988 stand er der Einrichtung vor. Was wie ein fast normaler wissenschaftlicher Werdegang aussieht, entpuppt sich bei genauerem ?Hinsehen als »Frontwechsel«. Der Österreicher Prokop nimmt den Ruf an die Ost-Berliner Humboldt-Universität an!

Die Lehr-, Forschungs- und Expertisenaufgaben des Instituts unter Prokop gestalten sich außerordentlich vielfältig. Er läßt es sich nicht nehmen, die großen

Kollegs für Humanmediziner und Direktstudenten der Kriminalistik selbst zu halten. Seine Vorlesungen, eine Symbiose von hohem wissenschaftlichen Anspruch, Faszination des Vortrages, legendärem Esprit und überraschenden Dicta, werden zu einer Institution: »Prokop liest!«

Sein wohl berühmtester Fall: Der des BRD-Bürgers Hans Hetzel, verurteilt auf der Grundlage eines Gutachtens von Prof. Albert Ponsold (Münster), der aus einer unbrauchbaren Amateurfotografie den

Foto: ND-Archiv

Tathergang »rekonstruierte«. Otto Prokop weist dem Vorsachverständigen, der nicht irgendwer war, sondern so etwas wie der Gerichtsmedizinerpapst der BRD, schwerwiegende Fehler nach. Nach langem Ringen glückte ein Wiederaufnahmeverfahren, in dem Hetzel 1969 freigesprochen wurde. Nach 14 Jahren Haft für einen Mord, den es überhaupt nicht gab.

Otto Prokops grundlegende Erkenntnisse über die postmortale Entstehung von Blausäure, zur Todeszeitschätzung, zum Tod im Wasser und zur Beschaffenheit von Schußwunden gehören zur klassischen Gerichtsmedizin. 45 000 bis 50 000 Leichen hat er begutachtet. Die Entdeckung antikörperähnliche Wirkung bestimmter Schnecken- und Fischrogenextrakte hält er für seinen größten wissenschaftlichen Erfolg. Ich blättere in seinem »Buch der Bücher«, finde darüber hinaus allerlei Interessantes und nur scheinbar Abseitiges: Artikel über Fäl-

schungen österreichischer Briefmarken, ein Vorwort zu Kochs »Geschichte der Henker« (Heidelberg 1988), Vorträge über Mozarts Sterben und Tod, eine Veranstaltung zu Ehrlichkeit und Betrug in der Forschung, einen Beitrag zum »Lexikon der letzten Dinge« (Augsburg 1993).

An die letzten Dinge denkt der Universalgeist Otto Prokop, mehrfacher Ehrendoktor, Nationalpreisträger in der DDR, Mitglied der Deutschen Akademie der Wissenschaften und der Deutschen Akademie der Naturforscher LEOPOLDI-NA, noch lange nicht. Natürlich, die »Wende« war auch für ihn ein Einschnitt. Otto Prokop wird der Vorwurf gemacht, als »Staatsnaher« dem internationalen Prestige der DDR gedient zu haben. Folgerichtig bekommt er als langjähriger Ordinarius und Institutsdirektor eine bescheidene Straf-Rente. Heute muß er sich in vielen Gesellschaften, in denen er Ehrenmitglied war, wie er einmal schrieb, »manch dummes und >kaltes< Gerede anhören - auch von einigen Leuten in den alten Bundesländern, die mir Ehren und hohe akademische Positionen verdanken«.

Ein weltberühmter Wissenschaftler vom Sieger der Geschichte ins Abseits gestellt. Darüber ist Prokop verbittert geworden. Er mußte mit ansehen, wie sein Institut in den Überlebenskampf geschickt wurde (in West-Berlin gibt es schon zwei gerichtsmedizinische Institute) und einstige Mitarbeiter in soziale Not gerieten. Und er mußte als »Ossi«, der übrigens österreichischer Staatsbürger geblieben war, auch Beschimpfungen ertragen.

1986, als im Berliner Osten noch gesittet die Geschenke abgegeben wurden, war zu seinem 65. Geburtstag in der Berliner Zeitung eine Laudatio von Prof. Günther Geserick, dem jetzigen Institutsdirektor, zu lesen: »Alle Gratulanten haben einen gemeinsamen Wunsch: Möge sich das erfolgreiche Schaffen des Akademiemitgliedes und Nationalpreisträgers Otto Prokop für das Fach Gerichtliche Medizin, für sein Institut und die Humboldt-Universität insgesamt, für unsere Republik noch lange fortsetzen.«

Nun, der allerletzte Teil des Wunsches ist, wie wir wissen, nicht in Erfüllung gegangen, aber »unsere Republik« ist ja auslegbar

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