Versuch einer Liebeserklärung

Der Dichterin Helga M. Novak zum 70. Geburtstag

Als ich in den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts von Leipzig nach Berlin und Brandenburg verzog, fragte ich mich, von welcher Art wohl die Leute sind, die da wohnen. Gewiss, im Bezirk Frankfurt/Oder waren die Sachsen im Vormarsch, vigilant und fleißig, und von Walter Ulbricht mit den Losungen des Tages versehen, bauten sie an den Fundamenten eines Sozialismus, der leicht zu planen und schwer zu machen war. Ich weiß, ich bewege mich hier auf dem Glatteis der Klischees, wenn ich Sachsen und Brandenburger gegenüberstelle. Doch versteckt sich nicht im Vorurteil der unberechenbare »Zeitgeist«? Ich hatte Glück bei meinen Erkundungen. In Berlin lernte ich eine Dichterin kennen, die bis heute das Land ihrer Herkunft mit Liebeserklärungen feiert. Helga M. Novak, am 8. September 1935 in Berlin-Köpenick geboren, erzogen zwischen Strausberg und Fürstenwalde, mit 16 ausgebildet in einer »Kaderschmiede«, Kleingewehrschießen und Segelfliegen sind so selbstverständlich wie Einsätze in der Produktion. In Leipzig studiert sie Journalistik und Philosophie. Adoptiert von Partei und Staat, die ihr die ungeliebte Mutter und den unbekannten Vater ersetzen, hat sie, um es im Jargon der Zeit zu sagen, eine leuchtende Zukunft vor sich. Die Staatssicherheit kommt als Patentante zu Besuch und will für ihre Mitgift nur eine Unterschrift. Die ersten Gedichte, die ersten Prosaskizzen entstehen und sind Abwehr und Orientierung zugleich; denn könnte es nicht sein, wie sie später fragen wird, dass wir Menschen zu unserem Glück gezwungen werden müssen? Die Adoptiveltern erstarren immer mehr und werden zu »Eisheiligen«, wie der Titel eines ihrer autobiografischen Bücher heißt, das zusammen mit der Fortsetzung »Vogel federlos« 1998 in zweiter Auflage erscheint. Ein dritter Band ist in Vorbereitung. In diesen Prosaarbeiten, die das eigene Leben in der Umklammerung der Zeitgeschichte auf eine authentische und faszinierende Art beschreiben, wird der Widerspruchgeist der Autorin erkennbar. Es ist der von einem unbestechlichen Gerechtigkeitssinn getragene Widerspruch, der durchaus bodenständig ist. Pardon wird nicht gegeben, wenn verletzte Liebe im Spiel ist, diese Dichterin ist, merkwürdig genug in unserer gefühlsarmen Zeit, eine leidenschaftlich Liebende. Helga M. Novak heiratet einen Isländer, der wie viele seiner Landsleute die Leipziger Messe besucht, und verlässt die DDR und ihre Zuchtmeister. Nach der Trennung von ihrem Mann arbeitet sie in Island in einer Fischfabrik. Dank der Kompensationsgeschäfte zwischen der DDR und Island, kommt der von ihr abgepackte Heilbutt auch auf meinen Teller. 1965 kehrt sie nach Leipzig zurück, um das Handwerk des Schreibens wie viele ihrer Leute berühmten Kollegen am »Johannes-R.-Becher-Institut« zu vervollständigen. Das geht nicht lange gut, und die Dichterin, die ihren Entwurf von Zukunft nicht in kleiner Münze weitergeben möchte, wird aus dem Land gejagt. Bekanntlich wiederholt sich Geschichte nur als Farce: Als Helga M. Novak, nunmehr in einem polnischen Dorf ansässig , im vereinigten Deutschland des Jahres 2004 in Leipzig eingebürgert werden möchte, wird ihr gesagt, eine »erwerbslose Ausländerin« sei hier nicht willkommen. Deutschland, das das Land der Dichter und Denker? 1975 hatte sie mir in eines ihrer Bücher (»Die Ballade von der kastrierten Puppe«) nach einem Besuch in Frankfurt/Main, den Satz geschrieben: »Irgendwo treffen wir uns alle wieder. Und sei es im gesamtdeutschen KZ«. Ein böser Satz. Ich hatte Mühe, dem Genossen Grenzer, der das Buch aus meinem Gepäck zog, zu erklären, es handle sich um ein Kinderbuch und um das Geschenk einer Kollegin. Dass sie im goldenen Westen ihrem Widerspruchsgeist treu geblieben war und in Portugal die »Nelkenrevolution« durch praktische Arbeit unterstützte, sagte ich nicht. »Eine Abenteurerin«, nannte Günter de Bruyn die Dichterin in seiner Laudatio zum Brandenburger Literaturpreis 1997. Mit dem Preis wird vor allem ihr Gedichtband »Silvatica« gewürdigt. Die Kritik feierte die 75 Gedichte mit stürmischen Ovationen. Es sind Liebeserklärungen an eine karge, vom Menschen bedrohte Natur, und es sind wie immer in ihren Gedichten Mitteilungen eigener Befindlichkeit in ihrer Wahlheimat Polen. Die Abenteuerin ist zugleich Diana, die Jägerin in einer Jahrhunderte alten Tradition, eine Jägerin auch auf der Jagd nach Liebe, die in ihrem Versteck in der Tiefe der Wälder ihre (und unsere) fünf Sinne schärft. Zu Polen sagt die Dichterin in einem Interview: »Ich pass da ganz gut hin. Ich bin zwar anders, aber die Leute dort sind enorm tolerant. So eine geduldige Nachsicht habe ich in keinem Land erlebt. Und sie sind antiautoritär, anarchisch, nicht anarchistisch. Geborene Partisanen.« Zu ihrem 70. Geburtstag bringt der Verlag Schöffling & Co eine Auswahl ihrer Gedichte unter dem vielsagenden Titel »wo ich jetzt bin«, ausgewählt von Michael Lentz. In seinem umfassenden Nachwort gibt er die wohl beste Definition des vorliegenden poetischen Werks: »Es ist von großer Strenge. Es strahlt von schöner Sprache. Es ist so ernst, so kindlich und präzise ... Es gibt für diese Geschichte keinen Ersatz. Sie sind realistisch, autobiografisch, politisch, mythisch. Sie sind rau wie die Landschaften, die sie einfassen, lakonisch wie ein Amtsblatt, sie machen kein Aufhebens von sich, sind gegen den Strich gesetzt, spröde und zärtlich«. Ich meine,: Helga M. Novaks Arbeiten erfüllen in ihren Liebeserklärungen jenes Wort von Brecht, von der Liebe als einer Produktion. Wir erliegen der Magie des Gedichts und werden befähigt, im Themenkreis der Vorlage eine Antwort zu geben. Im Versuch einer Liebeserklärung an die Dichterin beginnt das Gespräch zwischen Autor und Leser. Helga M. Novak, wo ich jetzt bin. Gedichte. Ausgewählt von Michael Lentz. Schöffling & Co. 239 S., geb., 17,90 Euro.

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