Arm wie die Jugend in Frankreich

Einkommen der Franzosen weiter gesunken / Kinder und Jugendliche besonders häufig von Mittellosigkeit betroffen

  • Andrea Klingsieck, Paris
  • Lesedauer: 2 Min.
Die Armut in Frankreich wächst. Immer mehr Menschen fühlen sich vom sozialen Abstieg bedroht.

In Frankreich wächst die wirtschaftliche und soziale Unsicherheit. Eine Untersuchung des Nationalen Instituts für Statistik und Wirtschaftsforschung (INSEE) konnte diesen Trend nun beziffern: Das mittlere Einkommen ist gesunken und fast jedes fünfte Kind lebt unter der Armutsgrenze.

Die meisten Signale stehen auf Rot. Hilfsvereine und -verbände sind überfordert, denn nie zuvor war die Zahl der Bedürftigen so groß. Wie viel Arme gibt es in Frankreich? Das hängt von der Rechnungsweise ab. Die in Europa gängige Berechnung geht vom Medianeinkommen aus: eine Hälfte der Bevölkerung verdient mehr, die andere weniger. In Frankreich beträgt dieses mittlere Einkommen derzeit 19 270 Euro jährlich. Nach den Kriterien des INSEE ist in Frankreich arm, wer weniger als 60 Prozent des Medianeinkommens zur Verfügung hat, also weniger als 964 Euro pro Monat.

Die jüngste Sozialstatistik des INSEE über die Entwicklung des Lebensniveaus in Frankreich, die sich auf die Zahlen von 2010 stützt, wurde Anfang September veröffentlicht. Demnach ist 2010 das mittlere Einkommen um 0,5 Prozent im Vergleich zum Vorjahr gesunken. 8,6 Millionen Menschen in Frankreich waren arm - 440 000 Menschen mehr als im Jahr zuvor. Die Hälfte von ihnen musste gar mit weniger als 781 Euro monatlich auskommen. Die Armutsquote erreichte mit 14,1 Prozent ihr seit 1997 höchstes Niveau. Vor fünf Jahren, als der damalige Präsident Nicolas Sarkozy ankündigte, er werde die Armutsquote während seiner Amtszeit um ein Drittel verringern, betrug sie 13,4 Prozent.

Eine besonders besorgniserregende Tendenz: 19,6 Prozent aller Kinder und Jugendlichen lebten unterhalb der Armutsgrenze (1,9 Prozent mehr als im Vorjahr). Die unter Achtzehnjährigen stellten 67 Prozent der neuen Armen dar.

Nach Angaben des INSEE lässt sich dieser Armutsanstieg teilweise dadurch erklären, dass eine ganze Reihe von Sozialmaßnahmen, die 2009 die Auswirkungen der Wirtschaftskrise abfedern konnten, 2010 nicht erneuert wurden. Zudem wurden die Familienzulagen eingefroren.

Den abstrakten Zahlen steht die von den Menschen empfundene Armutsbedrohung gegenüber. Eine repräsentative Umfrage des Instituts Ipsos Anfang September ergab, dass 37 Prozent der Befragten in ihrem Leben bereits einen Zustand der Armut gekannt haben. Im Vorjahr sagten dies nur 35 Prozent. 19 Prozent der Befragten bezeichneten sich als akut armutsgefährdet. 85 Prozent sind davon überzeugt, dass ihre Kinder größeren Risiken ausgesetzt sind, in die Armut abzurutschen als ihre eigene Generation.

Erstmals hat sich Ipsos auch für die Meinung von Kindern zwischen 8 und 14 Jahren interessiert und diese befragt. Aus den Antworten geht hervor, dass sich die Ängste und Sorgen der Eltern auf die Kinder übertragen: 58 Prozent von ihnen sagten, sie haben Angst davor, eines Tages arm zu sein.

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