Macht. Wahrheit?

Graham Nash von »Crosby, Stills & Nash« - ein Gespräch über Rock 'n' Roll und die Pflicht zum Protest

  • Lesedauer: 5 Min.
Crosby, Stills & Nash (CSN) ist die Folk-Supergruppe der Woodstock-Ära. Auch heute spielen die ergrauten Hippies noch überwältigende Konzerte. Nächstes Jahr wollen sie sich wieder mit Neil Young zu CSNY zusammentun. Zuvor veröffentlichen sie noch das aktuelle Live-Dokument »CSN 2012«. Die Bandmitglieder wurden jeweils zwei Mal in die Rock and Roll Hall of Fame aufgenommen - einmal mit Crosby, Stills & Nash und ein zweites Mal mit ihren früheren Bands The Byrds, Buffalo Springfield und The Hollies. Olaf Neumann sprach mit Graham Nash (auf dem Foto: rechts, ansonsten: nach wie vor links) über alte und neue kämpferische Zeiten.

nd: Mister Nash, Sie haben in den 60ern hautnah miterlebt, wie der Rock 'n' Roll die Gesellschaft verändert hat. Wie relevant ist Musik für die heutige Generation?
Musik hat heute einen ganz anderen Stellenwert. Aber die Songs, die wir in den vergangenen 45 Jahren gemacht haben, sind immer noch relevant. Zu uns kommen auch viele junge Menschen. Unsere neuen Stücke finden unglaublich viel Anklang. Solange uns etwas einfällt, werden wir auftreten.

Ihr Song »Ohio« hat für viele die Vietnam-Ära definiert. Was macht Sie heute wütend?
Ein Song auf unserer CD/DVD heißt »Almost Gone«. Ich habe ihn zusammen mit unserem Keyboarder James Raymond geschrieben, er ist David Crosbys Sohn. »Almost Gone« handelt von Bradley Manning, einem inhaftierten Ex-Soldaten der US-Armee und mutmaßlichen WikiLeaks-Informanten. Manning hat Kriegsverbrechen seiner eigenen Leute aufgedeckt. Dafür behandelt ihn die amerikanische Regierung ex-trem schlecht. Möglicherweise ist er im Gefängnis sogar misshandelt worden.

Manning wird wie ein Al-Qaida-Terrorist behandelt. Ist er ein politischer Gefangener?
Sie machen aus ihm einen politischen Gefangenen. Denn sie können nicht zulassen, dass Manning, Julian Assange oder WikiLeaks gewinnt. Mannings Vergehen war, den Vorhang aufzuziehen und allen einen nackten Kaiser zu zeigen. Wir betrachten ihn als einen von uns, denn genau dies haben wir auch immer getan. Crosby, Stills & Nash sind ein Glied einer gewaltigen Kette. Sie beginnt, als der erste »Musiker« vor Millionen Jahren auf einen hohlen Baumstamm trommelte und endet bei »Almost Gone«. Wir verstehen uns als Musiker, die die Mächtigen mit der Wahrheit konfrontieren.

Befürchten Sie, dass der Fall Manning Auswirkungen auf die Zukunft der amerikanischen Gesellschaft haben wird?
Absolut. Eigentlich sind die Vereinigten Staaten eine Nation, die von Gesetzen zusammengehalten wird. Im Moment sieht es aber so aus, dass vor dem Gesetz nicht alle gleich sind. Für mich geht es nicht um die Frage, ob Bradley Manning schuldig oder unschuldig ist. Die Frage ist vielmehr: Darf man Menschen foltern?

Sind Sie enttäuscht von Obama, der anfangs großmundig versprochen hat, das US-Foltergefängnis Guantanamo zu schließen?
Ich frage mich: Warum schützt Obama ganz offen Informanten, Brad Manning aber nicht? Ich denke, der Präsident steht unter Anpassungsdruck. Mannings Anwalt sagte über den Geist seines Klienten, dass er fast verschwunden sei, »almost gone«. Ich gebe dennoch die Hoffnung nicht auf, dass Obama seine ursprünglichen Versprechen mit der Zeit einlösen wird. Dafür braucht er einfach noch eine zweite Amtsperiode. Ich möchte wirklich keinen Präsidenten, der Mitt Romney heißt. Den Mann halte ich für gefährlich.

Wieso?
Romney interessiert sich nur für Profitmargen. Wie es den Bürgern da draußen wirklich geht, ist ihm gleichgültig. Für mich wird dies immer offensichtlicher, je näher der Wahltermin heranrückt.

Sehen Sie kritische Songs wie »Almost Gone« als eine Verpflichtung für Ihr Land?
So ist es. Für mich ist Bradley Manning ein Patriot. Jemand, der den Mut hat, die Wahrheit über Dinge zu sagen, die hinter den Kulissen des Krieges passieren, liefert einen wichtigen Beitrag zur Demokratie. Aber es ist gefährlich: Der Umgang der Regierung mit Manning, Assange und WikiLeaks ist eine eindeutige Botschaft an jeden potenziellen Whistleblower: Das passiert dir, wenn du geheime Informationen ausplauderst!

Ein amerikanischer Journalist schrieb über »Almost Gone«, CSN würden vom Protest profitieren. Er klingt dabei wie ein Sprecher der Konservativen. Wie unabhängig ist die amerikanische Presse?
Die Presse im Allgemeinen ist überhaupt nicht unabhängig. Die Leute, die die einflussreichsten Medien auf der Welt besitzen, kann man wahrscheinlich an zwei Händen abzählen. Deshalb kommen Protestsongs auch nie ins Radio oder ins Fernsehen. Zuhörer und Zuschauer werden vor allem als Konsumenten verstanden, die den Werbebotschaften gefälligst zu folgen haben. Halte still, während wir dich ausnehmen! Aber seit einiger Zeit gibt es in Amerika Gegenwind in Gestalt von Bewegungen wie Occupy.

2006 sangen Crosby, Stills, Nash & Young bei der »Freedom of Speech«-Konzertreihe Protestsongs gegen die Bush-Regierung und den Irak-Krieg der USA. Wie viele Fans hat Sie dieses »unpatriotische« Verhalten gekostet?
Wissen Sie, die Leute, die damals wütend die Konzerthallen verlassen haben, verstehe ich sogar. Jetzt würde ich gern mit ihnen reden und wissen, wie sie heute über George W. Bush denken. Ich finde es nämlich auffällig, dass Bush nicht bei einer einzigen Wahlveranstaltung der Republikaner dabei ist. Man will sich offensichtlich von ihm distanzieren. Bush hat unserem Land extrem geschadet: Er hat uns in einen Krieg hineingezogen. Für mich sind Bush, Donald Rumsfeld, Paul Wolfowitz, Dick Cheney und Richard Pearl Kriminelle. Leider sehe ich nicht den politischen Willen, sie für ihre Taten juristisch zu belangen.

Sie bezeichnen sich selbst als Hippie. Was macht einen Hippie aus?
Ein Hippie ist ein Mensch, der Frieden für besser hält als Krieg. Der Liebe verbreitet statt Hass. Der sich um seine Mitmenschen sorgt und der die Erde als Matschball wahrnimmt, der sich im All dreht. Grenzen und Nationalitäten sind für ihn bedeutungslos. Ein Hippie ist bestrebt, ein schönes Leben zu führen und wünscht dasselbe auch all seinen Mitmenschen.

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