Wiedersehen mit den Altmeistern des italienischen Ska-Punk

Banda Bassotti ließ sich im SO36 feiern

Sie sind nicht mehr die Jüngsten, rocken auf der Bühne aber noch immer mit ganzer Kraft. Und so lange, dass manch Mitdreißiger nicht mehr mithält. Banda Bassotti kehrte nach über zwei Jahren in den Kreuzberger Szene-Club SO36 zurück und brachte bei diesem großen Wiedersehen eine 750-köpfige Meute zum Schwitzen. Es war bereits halb zwölf am Samstagabend, als die italienische Ska-Punk Band, der Hauptact des Abends, die Bühne betrat. Obwohl mit Banda Rude, Erode und Boikot bereits drei Gruppen das Publikum stundenlang zum Pogen brachten, schienen alle noch Kräfte für den Auftritt der alten Herren gespart zu haben.

Mit der temporeichen Abrechnung über das unsoziale und rassistische Italien „cuore Malato“ (krankes Herz) stieg die seit über 30 Jahren aktive Combo aus Rom in ihr Konzert ein. Eingeläutet wurde ihr Auftritt wie immer mit dem eingespielten „Redemption Song“ in der von Joe Strummer und Johnny Cash gesungenen Version. Bei der anschließenden Hymne der Sowjetunion gingen erstmals die linken Fäuste in die Höhe. Erinnerungen an frühere Konzerte wurden wach, die fast jeder – ob Italiener, Berliner, Besuch aus Russland oder von der britischen Insel – im Raum teilte. Red Skins, Autonome und Kleinbürger feierten zusammen. Beim ersten Beat des Schlagzeugs begann das Ausrasten vor der Bühne, wie bei den elf Mann oben auf.

Es folgte ein Best of der mehr als ein Dutzend Platten umfassenden Diskographie der Panzerknackerbande, auf die der Gruppenname zurückgeht. Es ging vor allem querbeet durch die Erfolgsalben der letzten zehn Jahre „Viento, Lucha y sol“ (2008), „Vecchi Cani Bastardi“ (2006), „Amore e Odio“ (2004) und L'altra Faccia dell'Impero“(2002). „Coccodé“ und „Amore e odio“ durften aber genauso wenig fehlen wie die noch älteren Stücke „Avanzo de Cantiere“, „Luna Rossa“, „Il palazzo d'Inverno“ und „Figli della Stessa Rabbia“. Vor allem bei Mitgröhl-Hymnen wie „Er Ciccione“ und „Que linda es Cuba“ war der Chor fast lauter zu hören als der Gesang von Picchi, Sigaro oder Sandokan. Banda Bassotti hat mit Picchi eine echte Rampensau zum Frontmann, der das Publikum mit Grimassen und schwingenden Fäusten anheizt, aber gesanglich von einem der beiden Gitarristen (Sigaro) und dem Posaune spielenden Sandokan unterstützt wird. Das sorgt obendrein für Abwechselung.

Diese erreichen Banda Bassotti aber auch mit ihrer Set-List. Schnelle, punkigere Titel wechseln sich mit melodiöseren, blaslastigen Stücken ab. Dabei springen die Italiener zwischen Liedern in ihrer Heimatsprache und spanischen Texten, die vom Publikum aber genauso mitgesungen werden. E s ist sicher auch kein Zufall, wenn sich an den Reim „Cuba si, Yankee no“ der von The Clash gecoverte Song „Revolution Rock“ anschließt. Hier gleicht sich die Titelfolge mit der des letzten Konzerts im SO36 im Dezember 2009, das für das Best of-Album „Check Point Kreuzberg“ aufgezeichnet wurde. Ähnlich wie damals spielte Banda Bassotti auch am gestrigen Abend fast zwei Stunden, insgesamt fast 40 Titel.

Nur selten wurde die Musik unterbrochen, einzelne Titel gehen pausenlos ineinander über. Ab und zu aber gab es einen Kommentar zur Bedeutung des Kampfes gegen Faschismus und Kapitalismus, zur Erinnerung an Opfer beider Ideologien. Der Titel „Luna rossa“ über das von Faschisten verübte Attentat an der Piazza Fontana in Mailand 1969 ist nicht nur dem Anarchisten Giuseppe Pinelli, der damals als vermeintlicher Täter galt und in Polizeigewalt starb, gewidmet, sondern auch dem bei den Protesten gegen den G8-Gipfel 2001 in Genau von der Polizei erschossenen Carlo Giuliani, dem Antifaschisten Dax, der vor zehn Jahren von Faschisten in Mailand ermordet wurde und weiteren Opfern des „Staatsterrorismus'“, wie Sänger Picchi es ausdrückte. „No, no, no non si può più dormire, la luna è rossa e rossa di violenza, bisogna piangere i sogni per capire che l'unica giustizia borghese si è spenta“ (Nein, man kann nicht schlafen, der Mond ist rot, rot von Gewalt, man muss Träume weinen um zu verstehen, dass die einzige bürgerliche Justiz erloschen ist) waren Fäuste und Kehlen am Anschlag.

Lange mussten jene warten, die das aktuelle Album „Siamo Guerriglia“ erstmals live in Deutschland hören wollten. Nach dem jiddischen „Arbeitsloser Marsch“ und einer kurzen Pause – inzwischen werden Handtücher in Richtung der Altmeister gewedelt – eröffnet Sigaro mit den ersten Zeilen des namensgebenden Songs die neue Platte, die ein paar musikalische Ausflüge in den spanischen und südamerikanischen Raum bietet. Bei „Mané“, das von jemandem erzählt, der aus den Favelas von Brasilia ausbrechen will, unterbricht die Band aber abrupt. Direkt vor der Bühne kommt es zu einer Rangelei – die Musiker rufen dazu auf, gemeinsam Faschismus und Rassismus zu bekämpfen und nicht einander. Nachdem ein kräftig gebauter junger Mann aus dem Saal geführt war, konnte es aber weitergehen.

Der Stimmung im Publikum tat der Zwischenfall keinen Abbruch, es wurde weiter gefeiert. Noch eine weitere halbe Stunde, bis Banda Bassotti sich sichtlich erschöpft mit der Resistenza-Hymne „Bella Ciao“ von der Bühne verabschiedete. Auch ein Ritual der Band, das an diesem Abend aber eine besondere Bedeutung hatte, weil ein Nachfahre der Cervi-Brüder, die wegen ihres Kampfes gegen den Faschismus 1943 ermordetet wurden, anwesend war und an die Jugend appellierte, den Kampf von einst weiterzuführen.

nd Journalismus von links lebt vom Engagement seiner Leser*innen

Wir haben uns angesichts der Erfahrungen der Corona-Pandemie entschieden, unseren Journalismus auf unserer Webseite dauerhaft frei zugänglich und damit für jede*n Interessierte*n verfügbar zu machen.

Wie bei unseren Print- und epaper-Ausgaben steckt in jedem veröffentlichten Artikel unsere Arbeit als Autor*in, Redakteur*in, Techniker*in oder Verlagsmitarbeiter*in. Sie macht diesen Journalismus erst möglich.

Jetzt mit wenigen Klicks freiwillig unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal