Endlich wieder Sommer!

Längst durchgespielte Szenerie: ein Papst, der nicht mehr mitmacht

Seine erste Botschaft, nicht mehr als Papst, sondern als Privatperson, gesprochen in der päpstlichen Sommerresidenz Castel Gandolfo, klang frisch, fast schon unangemessen freudig, jedenfalls erwartungsvoll. Ab jetzt sei er »einfach ein Pilger, der seine letzte Reise auf Erden beginnt«. Einer wie wir alle also. Vielleicht also wird sich der vormalige Papst sehr bald nach einem anderen Sommersitz umsehen müssen. Aber ob ihn das wirklich stört, wo er doch endlich wieder frei ist?!

Wie aber nennt man den Zustand, der in der katholischen Welt eigentlich nicht vorgesehen ist, dass nämlich ein Papst nicht mehr Papst ist, aber dennoch einfach weiterlebt? Medien sind lernfähig oder wenigstens darauf trainiert, sich schnell neuen Umständen anzupassen: Sie sprechen plötzlich vom »emeritierten Papst«, als handele es sich nur um einen weiteren in den Ruhestand getretenen Professor. Das ist Joseph Ratzinger ja auch, seinem Wesen nach - mehr Theologe denn Kirchenmensch. Man spricht auch schon vom »alten Papst«, wohl wissend, dass es bald einen neuen geben wird - und dann sind es schon zwei, und damit ist die katholische Kirche im bisherigen Sinne an ihren Endpunkt gekommen. Ist das schon die beginnende Reformation im Sinne Luthers? Wird die katholische Kirche jetzt mit einiger Verspätung doch noch evangelisch?

Bislang galt die mittelalterliche Formel: Der Papst ist tot, es lebe der Papst! Habemus Papam, Hauptsache wir haben immer einen himmlischen Vater! Wenn es den Papst statt im göttlichen Singular nun bald im Plural gibt, ist das eigentlich ein Spiegel der Vielgötterei und damit Ketzerei. Denn auch der Papst war ein König, der sein Amt nicht von denen erhielt, die ihn wählten - sondern von dem einen Gott. Darum konnte er auch sein Amt nicht zurückgeben, Gott verwaltet bekanntlich keine Amtszeiten. Auf diesem Ewigkeitsprinzip ruht die katholische Kirche. Und wer an dieser gottgewollten Ordnung etwas ändern wollte, wie etwa einst die Borgias, musste zu List und Gift greifen.

Benedikt XVI. als letzter großer Scholastiker, der sich bei Meister Eckhart genauso gut auskennt wie bei Nietzsche, weiß natürlich, welche Kulturrevolution sein Schritt auslöst. Wird es nun bald geregelte Amtszeiten für Päpste geben? Oder bloß noch den Vorsitzenden einer katholischen Bischofskonferenz? Und was wird dann aus dem Staat Vatikan, dessen Oberhaupt der Papst ist? Es scheint so, dass der römische Katholizismus an der Schwelle zu seiner Reformation angelangt ist. Und das ausgerechnet durch den ehemaligen Vorsitzenden der »Glaubenskongregation«, was nur eine euphemistische Umschreibung von Inquisition bedeutet!

Benedikt XVI. war nur zur Hälfte ein Traditionalist, zur anderen war er Mystiker. So sprach er von der »notwendigen Entweltlichung« der Kirche und wurde von den meisten gründlich missverstanden. Denn es war ein Plädoyer für die Geistkirche, den unmittelbaren Gottesbezug des Einzelnen. Diese Absage des Mystikers an alle institutionelle Glaubensvermittlung darf man eine geradezu protestantische Haltung nennen. Mit diesem Wissen kann man nicht Papst bleiben, Vorsteher einer mittelalterlichen Institution, wenn man nicht bloß Zyniker der Repräsentation sein will.

Joseph Ratzinger, so wage ich zu behaupten, ist nur unter Klagen und Stöhnen Papst geworden, man hatte ihn, der sich eigentlich ganz ins Private zurückziehen wollte, 2005 dazu gedrängt. Dass er sich Benedikt XVI. nannte, deutete von Anbeginn darauf hin, dass sich da jemand hinter einer lange Reihe von Vorgängern verstecken wollte. Sonst wäre er doch etwa mit einem exklusiveren Namen, etwa Johannes Pius I. angetreten! Einen Johannes Paul I. gab es 1978 bereits, Papst für einen Sommer, der starb plötzlich an einem mysteriösen Herzversagen. Manche sprechen immer noch von einem Mordkomplott. Denn Johannes Paul I., der Bischof von Venedig gewesen war, hatte bereits weitreichende Reformen der Kirche angekündigt, die einigen wohl zu weit gingen.

War der Papst das letzte anachronistische Gesamtkunstwerk der Gegenwart, die Einheit des Guten, Wahren und Schönen symbolisierend, so ist das nun endgültig vorbei. Fast könnte man melancholisch werden, angesichts einer so langen Tradition, die nun endet. Durchgespielt wurde die Szenerie immer wieder: ein Papst, der nicht mehr mitmacht. Der Regisseur Michael Anderson folgte 1968 der Vision der armen Kirche. »In den Schuhen des Fischers« heißt sein beachtlicher Film. Was ist, wenn der Papst alles Geld der Kirche den Armen gibt, wie es der Auftrag von Jesus her ist? Der Papst stünde unweigerlich als Hochverräter des Vatikanstaates da. Anthony Quinn spielt einen nach 20 Jahren sowjetischer Lagerhaft frei gekommenen Bischof von Lemberg, der dann als erster Osteuropäer zum Papst gewählt wird.

Dieser neue Papst weiß aufgrund seiner Lebenserfahrung, dass wahres christliches Verhalten nicht nur wenig mit kirchlicher Hierarchie und abstrakten Dogmen zu tun hat, sondern diesen sogar entgegensteht. Er will die Welt am Rande des Atomkriegs versöhnen, ungeachtet trennender Ideologien. Er leidet unter dem Verbot der Schriften eines jungen Theologen, gespielt von Oskar Werner, dessen Positionen an den »Kosmischen Christus« von Theilhard de Chardin erinnern. Die Kurie aber bleibt hart, der junge Theologe stirbt seinen vorhersehbaren Herztod - und der Papst leidet. Er weiß genau, es gibt so viel reales Leiden in der Welt, warum nun noch zusätzlich diese Art von institutionellem Druck, den der Apparat Kirche den Menschen aufbürdet? Doch er bleibt Papst, erträgt den unerträglichen Widerspruch: »Du bist Petrus!«, so sagt ihm sein sterbender Freund, der von der Kurie verketzerte junge Theologe. Zehn Jahre später war diese im Film durchgespielte Szenerie mit der Wahl des Polen Karol Wojtyla zum Papst real geworden - nur unterband dieser antikommunistisch gestimmte Papst jeden Weg zur Reform, förderte Bewegungen wie die »Befreiungstheologie« in Lateinamerika ausdrücklich nicht.

Und Benedikt XVI.? Sein Nachfolger wird nun vor der großen Aufgabe stehen, ein drittes Vatikanisches Konzil einzuberufen, das an die Reformansätze des zweiten Vatikanischen Konzils von 1963 anknüpft und die Frage von Kirche und Kapitalismus ins Zentrum der Selbstverständigung der Weltkirche rückt. Allein mit seinem überraschenden Papst-Rückritt - ob gewollt oder nicht - sind die Weichen in diese Richtung gestellt.

Es ist erst gut ein Jahr her, da drehte Nanni Moretti »Habemus Papam«. In dem Film ist Michel Piccoli (Jahrgang 1925) Kardinal Melville, der, statt einen ruhigen Lebensabend vor sich zu sehen, unerwartet zum Papst gewählt wird. Er nimmt die Wahl erst an - aber kann dann doch nicht. Er tritt einfach nicht auf den Balkon hinaus, hat Angst vor diesem Schritt. Moretti blickt in den Bauch der Institution Kirche. Er zeigt uns die Kardinäle beim Konklave wie eine überalterte Schulklasse. Jeder blickt vor sich hin, nur einen Gedanken im Kopf: Hoffentlich komme ich nicht dran! Niemand will dieses höchste Amt, das seinem Träger jede Form von Rückzugsmöglichkeit nimmt. Bis dass der Tod Mensch und Amt scheidet!

Melville, der Name ist ein Fingerzeig, den gebildete Naturen wie Joseph Ratzinger sofort verstehen. Denn von Herman Melville gibt es die Erzählung »Bartleby«. Jener Schreiber Bartleby sagt zu allem, was man ihm aufträgt: »Ich möchte lieber nicht.« Ein Eigensinniger, der nicht fremden, sondern eigenem Gesetz folgen will. Ein Störfall jedes ungehinderten Ablaufs aller möglichen Apparate. So wie Kardinal Melville, dessen spontane Verweigerung langsam zu einem Entschluss reift, der ihn nicht als gehorsamen Kirchendiener, sondern als freien Menschen zeigt.

Und auch Benedikt XVI., der nun wieder Joseph Ratzinger ist und auf ein nicht uneingeschränkt erfolgreiches Berufsleben als Papst zurückblickt, kann nun wieder lesen und schreiben, wann und wie er mag. So etwa von Angelus Silesius »Cherubinischer Wandersmann« über unser aller Pilgerreise auf Erden. Darin lesen wir: »Ich bin so groß als Gott, er ist als ich so klein; Er kann nicht über mir, ich unter ihm nicht sein.« Wer das verinnerlicht hat, kann kein Amt mehr ohne Vorbehalt ausüben, der wartet immer nur darauf, wieder ganz für sich zu sein. Was kann man also aus dieser Art von Behandlung der Gottesfrage lernen? Dialektik ist nicht alles im Leben, aber fast alles.

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