Der Frust sitzt tief

Nach dem blamablen 2:5 gegen Nürnberg herrscht beim Eishockeymeister Eisbären Berlin vor den Playoffs Ratlosigkeit

Den Berliner Eisbären droht nach sechs Titelgewinnen in der Deutschen Eishockey-Liga seit 2005 wieder ein Jahr der Pleite. Es scheint ein Gesetz der Serie zu sein: Zwei Erfolgsjahren folgte stets ein Aussetzer. So war es 2010 und 2007 - nun auch 2013?

Gewiss, noch ist gar nichts verloren für den Titelverteidiger. Nach 50 der 52 Spiele der Hauptrunde liegen die Eisbären auf dem vierten Tabellenrang und sind direkt für die Playoffs der besten acht Teams qualifiziert.

Doch nach dem desolaten, ja geradezu peinlichen, lust- und kraftlosen Auftritt am Dienstagabend bei der 2:5-Heimpleite gegen Nürnberg ist die Ratlosigkeit über die Berg- und Talfahrt des Rekordmeisters eher größer denn kleiner geworden. »Das war ein ganz schwaches Spiel, da brauchen wir gar nicht drum herum zu reden«, räumte Kapitän André Rankel ein und rettete sich dann in Durchhalteparolen: »Noch haben wir es selbst in der Hand, Dritter oder Vierter zu werden und uns damit das Heimrecht für die Viertelfinal-Playoffs zu sichern.«

Eine Herausforderung für die Berliner, die in den beiden letzten Hauptrundenpartien in München (Freitag) und Straubing (Sonntag) wenigstens ein Spiel gewinnen müssen, um einen der ersten vier Plätze zu belegen. Gelingt das nicht, wäre sogar ein Abrutschen auf den sechsten Rang möglich und der Playoff-Heimvorteil eingebüßt.

Tatsache ist, dass die Eisbären gegenüber der Vorsaison einen erheblichen Substanzverlust zu verzeichnen haben und die spielerische Verstärkung durch Neuverpflichtungen nicht eingetreten ist. Das überdeckten phasenweise die beiden im Herbst kurzfristig herbeigeholten NHL-Stars Daniel Briere und Claude Giroux. Als sie mit Ende des NHL-Streiks zu Jahresbeginn wieder nach Übersee zurückkehrten, nahm die sportliche Krise weiter ihren Lauf.

Die ganze Schieflage beim Meister gipfelte in der Wutrede von Verteidiger Constantin Braun letzten Sonntag im Heimspiel gegen Wolfsburg, als er sich in der zweiten Drittelpause Luft machte, nachdem die Eisbären mit dem 4:4-Pausenstand eine 4:0-Führung verspielt hatten: »Ich habe es satt, mich ständig zu wiederholen. Wir haben wieder aufgehört zu spielen. Wir müssen endlich aufhören, schön spielen zu wollen. Langsam habe ich die Schnauze voll.« Zu hören waren seine Worte beim Interview im Kabinengang per Videowürfel von 14 000 Fans in der Arena - zum Entsetzen von Trainer, Manager und Teamleitung. Auch die Fans sind stinksauer: »Wir wollen euch kämpfen seh›n‹«, skandierten sie gegen Nürnberg. Der Frust sitzt also tief, rundum.

Zu alledem flammt eine neue Diskussion um Cheftrainer Don Jackson auf, dem man nachsagt, dass er die Mannschaft nicht mehr erreicht. Der 56-Jährige, der in seiner sechsjährigen Amtszeit die Eisbären zu vier Meistertiteln geführt hat und dessen Vertrag zum Saisonende ausläuft, wird mit dem österreichischen Klub Red Bull Salzburg in Verbindung gebracht. Dort soll der Amerikaner Nachfolger des Kanadiers Pierré Pagé - bis 2007 Coach in Berlin - werden, der in Salzburg zum Sportdirektor berufen wurde. »So etwas diskutiere ich nicht öffentlich«, reagierte Jackson auf die Gerüchte.

Die aber nehmen kein Ende: Der Deutsch-Kanadier Jeff Tomlinson, einst Spieler, später Co-Trainer der Eisbären und zuletzt in Nürnberg tätig, soll nach Berlin zurückkehren - als Chefcoach.

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