Fantasie, Geist und Glaube

David King präsentiert heroische Plakate aus Sowjetrussland

  • Werner Abel
  • Lesedauer: 5 Min.

1925 schrieb der Wirtschaftswissenschaftler Lew N. Kritsman sein Buch über »Die heroische Periode der großen russischen Revolution«, eine in großen Teilen ökonomische Analyse der Zeit des »Kriegskommunismus«. Kritsman ahnte mit Sicherheit nicht, dass sein Buchtitel auf ein ganz anderes Genre Anwendung finden sollte, weit emotionaler und expressiver wirkend. Was in der visuellen Agitation und Propaganda mit der russischen Oktoberrevolution, mit dem nachfolgenden Bürgerkrieg und bis zur Zeit der Neuen Ökonomischen Politik entstanden war, wird als die heroische Periode der sowjetischen Plakat-Kunst bezeichnet. Nie wieder, ausgenommen vielleicht im Spanien der 2. Republik und des Bürgerkriegs, wurden solche Ausdrucks- und Darstellungsformen gefunden und genutzt, wie damals in Sowjetrussland.

Dabei muss angemerkt werden, dass diese Plakate für die aktuelle Politik bestimmt waren und nicht wie andere Kunstwerke für die Ewigkeit. Die Auflagen waren mitunter klein, es fehlten Farben, es mangelte an Papier. Aber reichlich vorhanden waren Fantasie, Geist und Glaube an die historische Mission der Revolution und den Fortschritt. Und noch etwas spürt man, wenn man diese Plakate sieht: das Wissen um die noch existierende eigene Unzulänglichkeit, um die eigenen Defizite. Und das ist der Unterschied zu jener Zeit in der sowjetischen Propaganda, als an der Weisheit Stalins oder der Partei nicht zu rütteln galt. Da war die Avantgarde allerdings schon verstummt oder zum Schweigen gebracht worden. Die Künstler waren nunmehr angehalten, die Lüge zu illustrieren.

Zur ersten, mutigen, ausdrucksstarken und experimentierfreudigen Generation von Künstlern gehörten Dimitri S. Moor, geboren unter dem Namen Orlov (1883-1946), Victor N. Denisov (1893-1946), der seine Bilder mit dem Kürzel »Deni« zeichnete, El Lissitzky (1890-1941), geboren als Lazar M. Lissizki, Gustav Klucis (1895-1938), Wladimir Majakowski (1893-1930) und Alexander Rodtschenko (1891-1956), der als erster mit Collagen arbeitete und zur Fotomontage überging. Sie und andere sind weltbekannt und füllen noch immer Ausstellungen.

Der Engländer David King, einer der besten Kenner der Kunst des revolutionären Russlands, erinnert an sie mit einer wohl einmaligen Sammlung von Plakaten und Illus-trationen. Stalin ist hier kaum zu finden. Erst 1924 taucht er auf der berühmten Plakatmontage mit den Konterfeis hochrangiger Bolschewiki in der zweiten Reihe auf; geschaffen hat dieses Plakat der anonyme Künstler »Wara«. Sinowjew, Trotzki, Bucharin und Tomski gruppiert er um Lenin in der ersten Reihe. Die Montage zeigt 17 Personen, acht hat Stalin später ermorden lassen.

Einige Künstler der ersten Generation, darunter Moor, Denisov und Klucis, beförderten mit ihren Mitteln später den Kult um Stalin. Das ging einher mit der Verherrlichung der Geheimpolizei GPU und führte zu einer erheblichen Einbuße an Kreativität. Klucis hat seine devote Haltung Stalin gegenüber nichts genutzt. Kurz vor seiner geplanten Abreise zur New Yorker Weltausstellung wurde er am 17. Januar 1938 verhaftet und kurz darauf als angebliches Mitglied einer »Lettischen Verschwörung« hingerichtet.

Besonders widerlich in diesem Kontext ist das 1937 im Zusammenhang mit den berüchtigten Schauprozessen entstandene Plakat »Wir vernichten die Spione und Saboteure, die trotzkistisch-bucharinistischen Agenten des Faschismus« von Sergei Igumow. Das Plakat entstand im Auftrag des NKWD und zeigt den roten Arm eines Arbeiters, dessen Faust eine Schlange mit Hakenkreuz-Augen zerdrückt. Mehr als andere Plakate verdeutlicht dieses den politischen Niedergang der sowjetischen Plakat-Kunst. Igumow war Absolvent der 1920 gegründeten Staatlichen Höheren Künstlerisch-Technischen Werkstätten, an der viele Vertreter der Avantgarde wie Wladimir Tatlin, Lissitzky, Wassily Kandinsky und Rodtschenko gelehrt hatten. Die Hochschulen wurden 1930 aufgelöst, im gleichen Jahr, in dem sich Majakowski das Leben nahm. Der Futurist, Dichter und Mitglied der Linken Künstlerfront arbeitete auch im darstellenden Bereich für die sogenannten ROSTA-Fenster.

Das waren Plakate der frühen sowjetischen Nachrichtenagentur ROSTA, die in Schaufenstern ausgestellt wurden und sich mit ihrer einfachen, aber eindringlichen Bildsprache an ein analphabetisches oder ungebildetes Publikum wandten. Majakowski, der nach seinem Tod zum Sowjetdichter schlechthin erklärt wurde, wäre für den Sozialistischen Realismus mit Sicherheit nicht zu begeistern gewesen. Dieser führte nicht nur zu einer Verflachung der Inhalte, sondern auch Verarmung in Formen und Stilmittel. Die heroische Avantgarde wurde nun als kleinbürgerlich, schließlich sogar faschistisch denunziert. Erst nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion 1941 kam es zu einer Renaissance des ausdrucksstarken politischen Plakats.

Der größte Teil der im Buch abgebildeten Plakate sind heute kaum noch auffindbar oder existieren wie das berühmte Bild von El Lissitzky »Schlagt die Weißen mit dem roten Keil« aus dem Jahre 1920, nur noch in einem Exemplar. King hat alle Register gezogen, die Sammlung zusammenzutragen. Der Tochter einer russischen Intellektuellen, die als Emigrantin in London lebte, spendete er für das Überlassen gut erhaltener revolutionärer Plakate ein neues Dach für ihr baufälliges Häuschen. Spannend ist die Geschichte, wie er auf das Buch »Russki revoluzionny plakat«, herausgegeben 1925 von Wjatscheslaw Polonski (1886-1932), damals Chefredakteur der Zeitschrift »Presse und Revolution«, stieß. Er hatte 1923 bei dem futuristischen Maler Juri Annenkow ein Ölgemälde über Trotzki als Führer der Roten Armee in Auftrag gegen. Das Bild wurde zum 5. Jahrestag der Roten Armee in Moskau gezeigt, danach war es 1924 auf der Biennale in Venedig zu sehen. Fortan aber tauchte es nicht mehr auf, blieb verschwunden. 1926 bestellte Polonski bei Annenkow auch noch Porträts von 16 führenden Bolschewiki. Stalin war nicht darunter. Sie erschienen dann als Buch. Es verschwand ebenso. Aber dann ... Doch lesen Sie selbst!

David King: Russische revolutionäre Plakate. Bürgerkrieg und Bolschewistische Periode. Sozialistischer Realismus und Stalin-Ära. Mehring Verlag. 144 S. geb., 29,90 €.

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