Sagt mir bitte, was ich tun soll!

In Sachen Sport glänzen Spitzenpolitiker nicht gerade mit Fachwissen - muss ja auch nicht sein

  • Von Oliver Händler
  • Lesedauer: 3 Min.

Peer Steinbrück war nicht da. Am Montagabend hatte der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) Spitzenpolitiker zum sogenannten Wahlhearing aufs Spielfeld geladen. Der SPD-Kanzlerkandidat sagte ab und wechselte lieber seinen Kompetenzvertreter Thomas Oppermann ein. Eine gute Taktik, wie sich herausstellen sollte. In der Diskussion mit den Fraktionsvorsitzenden und/oder Spitzenkandidaten Volker Kauder (CDU), Rainer Brüderle (FDP), Gregor Gysi (LINKE) und Jürgen Trittin (Grüne) zeigte sich nur durch die Anwesenheit Oppermanns, dass die Einladung von Fachpolitikern dem Spiel etwas mehr Qualität gegeben hätte. Ein launiger Abend war es trotzdem.

Zunächst plauderte Moderator Johannes B. Kerner darüber, wie wenig Sport in den Wahlprogrammen der Parteien stecke. Und schon musste Kauder seine Abwehr erstmals entblößen. Die Union habe noch gar keins. »Entscheidend ist doch auch nicht, was in einem Wahlprogramm drin steht, sondern was gemacht wird«, tat Kauder den ersten Fehltritt. Oppermann nutzte die Steilvorlage und verwandelte zum »Es ist unser Ziel, das auch zu machen, was in unserem Programm steht«.

Nächstes Thema: Sport als Staatsziel im Grundgesetz. Brüderle erkennt eine Gelegenheit und prescht vor: »Wir wollen Sport als Staatsziel.« Doch er wird vom besser vorbereiteten Kerner gestoppt, der auch weiß, dass Brüderles Mannschaftskollege von der CDU genau das immer ablehnt: »Ist ja interessant, denn in ihrem Programm steht dazu gar nichts drin.« Trittin tritt noch nach: »Ist ja lustig, dass Herr Brüderle trotz seines so kurzen Programms noch etwas davon vergessen kann.«

Oppermann erkennt die Unordnung in der Koalition und setzt zur Gegenattacke an: »Sport im Grundgesetz könnten wir sofort erledigen, doch die Regierungsmehrheit nimmt unseren Antrag jede Woche von der Tagesordnung.« Der SPD-Angreifer schlägt eine »Zielvereinbarung« (!) vor: »Lassen Sie uns doch einfach abstimmen!«

In vielen anderen Punkten sind sich Spieler und Schiedsrichter Kerner einig. Spitzensportförderung müsse sein, schon um der Jugend im Breitensport Idole zu liefern. Hier kommt Gysi mit einer überraschenden Variante und fordert, dass auch Kinder von Hartz-IV-Empfängern Segeln lernen sollten. »Dann bekommen wir auch einen noch besseren Leistungssport, da wir dann jede mögliche Begabung fördern.« Der Breitensport müsse natürlich infrastrukturell unterstützt werden, sagen alle. Nur kleine Nickligkeiten, wer dafür bezahlen solle. Kein überhartes Spiel.

Im weiteren Verlauf leistet sich die Regierungsmannschaft mehrere Fehlpässe: Brüderle meint, die Ehrenamtspauschale sei auf 7500 Euro erhöht worden. Das Publikum hilft mit Sprechchören: »Nee, nur 720!« Kauder spricht von wöchentlich zwei Sportstunden in der Schule, das nervöse Publikum erhöht auf drei.

Beim Thema Doping folgt Oppermanns nächster Angriff: Die SPD wolle die Strafjustiz stärker in Stellung bringen, auch wenn sich die Sportgerichtsbarkeit davon bedroht fühle. Kauder hofft in der Not auf fremde Hilfe: »Meine Kollegen unter den Sportpolitikern sagen mir: Das Strafrecht führt uns nicht weiter. Genauso wie Dopingbesitz in geringen Mengen unter Strafe zu stellen. Wie wäre es, wenn uns der Sport sagt, wie er es gern hätte, dann schauen wir uns das an.« Dass der DOSB seine Wünsche längst artikuliert hat, wissen leider nur jene Kollegen.

Die DOSB-Ergebenheit Kauders geht noch weiter: »Wenn der Deutsche Olympische Sportbund sagt, wir wollen uns wieder für Olympia bewerben, dann bin ich dafür.« Die Opposition macht das lieber von erfolgreichen Volksbefragungen und der Klarheit über Finanzierungsfragen abhängig.

Was bleibt nach dem Schlusspfiff? Am 22. September wird bei der Bundestagswahl niemand sein Kreuz aufgrund der Sportpolitik einer Partei setzen. Wäre auch nicht ratsam. Es gibt Wichtigeres.

nd Journalismus von links lebt vom Engagement seiner Leser*innen

Wir haben uns angesichts der Erfahrungen der Corona-Pandemie entschieden, unseren Journalismus auf unserer Webseite dauerhaft frei zugänglich und damit für jede*n Interessierte*n verfügbar zu machen.

Wie bei unseren Print- und epaper-Ausgaben steckt in jedem veröffentlichten Artikel unsere Arbeit als Autor*in, Redakteur*in, Techniker*in oder Verlagsmitarbeiter*in. Sie macht diesen Journalismus erst möglich.

Jetzt mit wenigen Klicks freiwillig unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal