Bloß nicht zu hochtrabend

Rick Ampler ist wie sein Vater Uwe und sein Opa Klaus Straßenradfahrer geworden, vom Glück verfolgt ist die Familie nicht

Beim Profirennen des Velothon in Berlin stand Rick Ampler vorigen Sonntag nur am Rand. »Er war ein paar Tage krank und wollte kein Risiko eingehen«, sagt sein Vater Uwe Ampler. »Bei den Deutschen Meisterschaften in einer Woche in Wangen im Allgäu ist Rick wieder am Start«, verrät Manager Werner Salm vom Team Nutrixxion.

Rick Ampler setzt bei Nutrixxion die glorreiche Straßenradtradition der Familie Ampler fort. Rick ist nicht nur Sohn des Team-Olympiasiegers und Weltmeisters Uwe Ampler (48) und Enkel des Friedensfahrtsiegers Klaus Ampler, er ist seit Anfang des Jahres selbst Radprofi: »Ich bin begeistert. Das ist eine ganz andere Welt als bei den Amateuren. Unser Dortmunder Team ist sehr gut aufgestellt. Es macht jetzt richtig Spaß, Rennen zu fahren«, schwärmt der 23-Jährige.

Im Moment fährt er der Spitze noch hinterher. »Der Junge besitzt aber einen inneren Motor«, lobt sein langjähriger Trainer Torsten Wittig: »Wenn es ihm gelingt, diese Gabe umzusetzen, kann er im Profiradsport bestimmt mitmischen.«

Ein Rennen nach seinem Willen zu gestalten, wie es Opa und Vater immer wieder vorführten, glückt Ampler junior indes noch nicht. Rick ist Realist: »Ich muss mich in meinem ersten Jahr erst einmal an das hohe Tempo und die aggressivere Fahrweise der Profis gewöhnen. So gesehen finde ich mich schon ganz gut zurecht.« Er ist nach Berlin gezogen: »Max Walsleben, Roger Kluge und ich haben uns zu einer Trainingsgruppe zusammengeschlossen. Wir treffen uns immer an der Havelchaussee, um dann in die Mark Brandenburg zu fahren.«

Was die Erfolge von Opa und Vater betrifft, bleibt Rick auf dem Teppich: »Die Vorgaben sind für mich hoch wie Wolkenkratzer. Ich bin froh, wenn ich ein guter Profi werde, der ab und zu auch mal ein Rennen gewinnt.« Sein Vater Uwe galt einst als Jahrhunderttalent. Die Berufswahl seines Sohnes begrüßt er: »Ich helfe ihm, so gut ich kann«, sagt der viermalige Friedensfahrtsieger.

Die Amplers, in der DDR stets bewundert, hatten in den vergangenen Jahren das Glück nicht gepachtet. Erst lief Uwes Rad- und Computer-Großhandel nicht, dann geschah auch noch der Unfall: Im Herbst 2003 wurde Uwe bei Tempo 50 von einem Jeep erfasst, der aus einem Feldweg auf die Straße schoss. Ampler erlitt einen Schädelbruch und lag über Wochen im Koma. Ein Bruch in seinem Leben.

Lange dauerte es, bis Ampler wieder Tritt im Alltag fasste. »Inzwischen geht es wieder. Ich kann zwar meinem Beruf nicht mehr nachgehen, weil ich das Sitzen vor dem Computer nicht aushalte. Ich habe dennoch eine gute Beschäftigung für mich gefunden«, erzählt der einstige Sport-Star. Uwe Ampler trainiert jetzt die Jugendlichen der U15 beim RV AC Leipzig. »Das ist fast ideal für mich. Ich muss mich viel bewegen, dann geht es mir gut. Ich begleite deshalb meine Trainingsgruppe immer auf dem Rennrad«, sagt der zweimalige DDR-Meister und gibt sich zufrieden: »Angesichts meiner schweren Verletzung habe ich es wieder einigermaßen gepackt.« Nun drückt er seinem Sohn Rick die Daumen: »Ich hoffe, dass er als Profi sein Geld verdient, dann ist schon alles in Ordnung. Hochtrabende Pläne bringen nichts.«

Im Gegenteil, manchmal kann es sogar schaden, zu viel zu wollen - und das um jeden Preis. Das weiß Uwe Ampler. Beim Team seines Sohnes herrscht null Toleranz, was das Doping betrifft. Dennoch rät Uwe Ampler seinem Sohn, das Wort Doping »nicht einmal zu denken«. Ampler selbst war nach einer Traumkarriere bei der Sachsentour 1999 positiv auf Testosteron getestet worden. Ein Fehler, wie er heute zugibt: Er entschuldigte sich später bei Sportkameraden und Fans dafür.

Heute besucht Uwe alle paar Tage seinen Vater Klaus im Pflegeheim. Der Friedensfahrer von einst ist heute 72 und demenzkrank. »Vater spricht kaum noch. Wenn er mich sieht, lächelt er manchmal, manchmal schaut er einfach durch mich hindurch«, sagt Uwe. Seine Mutter Waltraud, seit 50 Jahren mit Klaus verheiratet, hat manchmal Bilder von früher vor Augen, wenn sie am Bett ihres Mannes sitzt. Dann sieht sie ihn auf dem Rad, 1963 bei Backofenhitze auf den 245 km zwischen Dresden und Erfurt. Neptun war sein Spitzenname damals, weil er aus Warnemünde stammt. Als er über das Kopfsteinpflaster in Karl-Marx-Stadt ratterte, zischte Luft aus einem Reifen. Sofort gab Teamkollge Schur »Neptun« sein Rad. Ampler fand Anschluss zur Spitzengruppe und behielt Gelb.

Uwe Ampler ist froh, dass seine Mutter da ist: »Sie ist eine gute Seele. Erst hat sie meinen Vater lange zu Hause gepflegt. Als es nicht mehr ging, kam er ins Heim. Jetzt weicht sie keinen Tag von seiner Seite - bis zum Ende.«

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