Wie schwarz ist die Revolution?

MEDIENgedanken: Debatte um Rassismus und soziale Realität in Kuba

Leichtfertig ist Roberto Zurbano mit der Anfrage der »New York Times« (NYT) nicht ungegangen. Tagelang habe er, der kubanische Essayist, mit der Redaktion einer der größten US-Tageszeitungen über den Artikel verhandelt. Es ging um ein heikles Thema: die kubanische Revolution und Rassismus. Am Ende einigte man sich auf den Text, der die Situation der Farbigen in Kuba behandelte, die Erfolge und Misserfolge der Revolution und die Perspektiven nach dem angekündigten Ende der Ära Castro im Jahr 2018. »Für die Schwarzen in Kuba ist die Revolution noch nicht beendet«, stand über dem Beitrag. Als der Text Ende März erschien, wies der Titel eine kleine, aber erhebliche Veränderung auf. »Für die Schwarzen in Kuba hat die Revolution noch nicht begonnen«, titelte die NYT. Es folgte ein Politskandal, der eine tiefgreifende Debatte in Kuba auslöste.

Im Grunde geht es dabei um zwei Themen. Zum einen darum, wer in Kuba als Funktionär welche Inhalte in welcher Form wo veröffentlichen kann. Zum anderen geht es eben um Rassismus, sein Überleben und erneutes Erstarken in der sozial segmentierten Gesellschaft Kubas im 21. Jahrhundert. Wegen der geerbten ethnischen Spaltung der Öffentlichkeit hätten Schwarze schlechteren Zugang zu wirtschaftlichen Sphären, so Zurbanos These. Angesichts der zunehmenden Öffnung der kubanischen Wirtschaft für Privatunternehmen drohten sich daher die sozialen Unterschiede zwischen Weißen, Mulatten und Schwarzen wieder zu vertiefen. Zurbanos Thesen haben Gewicht. Der 48-Jährige ist einer der bekanntesten Essayisten der Insel und als Schwarzer Aktivist der Bewegung der Afrodecendentes, der Nachkommen afrikanischer Sklaven.

Die Degradierung Zurbanos vom »Herausgeber« zum »Analytiker« in der Casa de las Américas hängt auch, so lassen zahlreiche entsprechende Kritiken vermuten, mit dem Titel zusammen, dessen Sinn von der NYT komplett umgedreht wurde. Dass die Revolution für die Schwarzen in Kuba nicht begonnen habe, ist nicht nur eine absurde These, sondern brachte den Autoren ungewollt auch in eine fundamentale Opposition zum kubanischen Sozialismus. Zurbano aber ist Revolutionär und formuliert seine Kritik im Sinne der Fidel-Castro’schen »Worte an die Intellektuellen«, also »innerhalb der Revolution«.

Was aber, wenn die gewählte Publikation außerhalb der Revolution steht? Er sei bei der Wahl des Mediums nicht naiv vorgegangen, schreibt Zurbano dazu: »Ich wollte die Debatte außerhalb der unzureichenden akademischen und kulturellen Räume verankern, in denen ich seit 15 Jahren tätig bin.« Dennoch hielten ihm die Herausgeber des Online-Debatten-Portals La Jiribilla in einer Replik die Wahl der NYT vor, indem sie das Blatt - unter Bezug auf den kubanischen Historiker Fernando Martínez Heredia - der Gruppe der »gebildeten Kuba-Feinde« zuwiesen.

Der laufende Disput um den Zurbano-Text dreht sich damit auch um die Frage der Transnationalität innerkubanischer Debatten. Unbestritten haben sich mit der wirtschaftlichen Öffnung Kubas seit 1990 auch die medialen Räume geöffnet. Journalisten und Künstler sind heute nicht mehr nur in Kuba tätig, sondern auf internationaler Ebene. Die zunächst wirtschaftlich motivierte Öffnung hatte bald auch kulturpolitische Konsequenzen. So ist spätestens nach dem Jahr 2000 im Zuge der Annäherung an die auslandskubanischen Gemeinden eine Neubewertung selbst von exilierten Schriftstellern vorgenommen worden. Ende 2005 schrieb der Essayist Jorge Fornet über den lange verschwiegenen Guillermo Cabrera Infante. Für die englischsprachige Ausgabe des Romans »Die Initialen der Erde« von Jesús Díaz würdigte Jorge Fornets Vater Ambrosio Fornet den Autor mit einem Nachwort. Auch wenn die gemeinsame Publikation des Exilanten Díaz und des Kulturfunktionärs Fornet außerhalb des nationalen publizistischen Raums stattfand, steht dies stellvertretend für einen erstarkenden Trend, dessen Grenzen, wie die Debatte über Zurbanos Beitrag schreibt, fließend sind.

Nur vor diesem Hintergrund ist die Kontroverse um Zurbanos Beitrag in der »New York Times« zu verstehen, an der sich dutzende Künstler und Intellektuelle beteiligen. Es ist die zweite große Debatte nach dem »Kleinen Krieg der E-Mails« Anfang 2007. Damals hatten sich hunderte Vertreter aus Kunst und Kultur in einer Protestwelle gegen die vermeintliche Rehabilitation repressiver Kulturfunktionäre der 1970er Jahre gewandt. Die Entrüstung über Fernsehauftritte dieser Funktionäre war derart groß, dass der damalige Kultusminister Abel Prieto provisorische Versammlungen anberaumen lies - unter anderem in der Casa de las Américas, dem Ort der aktuellen Kontroverse. Ähnliche Charakteristika weist die nun laufende Debatte auf. Zum einen wird das Thema Rassismus offen und fernab der etablierten Institutionalität diskutiert. Zum anderen ist die Sanktionierung Zurbanos unmittelbar kritisiert worden.

Der Protagonist selbst versucht indes von seiner Person abzulenken. Es gebe keinen »Fall Zurbano« schrieb er, sondern eine Kontroverse um ein gesellschaftlich relevantes Thema. »Andere Formen des Aktivismus haben in Kuba inzwischen Legitimationsräume«, so Roberto Zurbano. Die Schwarzenbewegung sei noch im Entstehen.

Der Autor ist Lateinamerikanist und Kulturanthropologe. Von ihm erscheint demnächst im Peter-Lang-Verlag das Buch „Kubas unentdeckter Wandel. Wie die innere Reformdebatte Fidel Castros Revolution seit 1990 verändert hat.

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