Gesangskunst der Superlative - und nirgends kalte Routine

In der O2 World beendete Barbra Streisand glanzvoll ihre Europatournee

  • Von Volkmar Draeger
  • Lesedauer: 4 Min.

Am Anfang steht der Ansturm auf die O2 World. Schlangen vor den Eingängen, strenge Kontrollen: Ein Weltstar gibt sich die Ehre. Auf der gewaltigen Bühne ein ebenso gewaltiges Orchester, mit schwelgerischem Streichersound grundiert es den Abend. Über den Köpfen läuft zur Einstimmung ein Film über den Star, vom Baby über das Karten spielende, den Hund kosende Mädchen zum Vamp am Strand. Mit Augen voller Erwartungen an das Leben. Die sollen sich bald erfüllen: Schwarzweiß-Fotos mit Judy Garland in deren Show, dann selbst erfolgreiche Aktrice in dem Musical »Funny Girl« und, untrügliches Zeichen steigender Popularität, als Karikatur mit der charakteristischen Nase als Markenzeichen.

Tusch, wandernde Lichtstrahler - dann steht sie auf der Bühne, im goldenen, weit dekolletierten Langkleid, mit gescheiteltem Blondhaar, die lebende Legende, eine zierliche Frau ganz ohne Allüren. Trotz ihrer 71 Jahre von geradezu jugendlicher Frische und, falls doch irgendwie nachgeholfen, in sorgsam restaurierter Fassung. Barbra Streisand, wie man sie von ungezählten Fotos, aus ihren Filmen, dem Fernsehen kennt, scheinbar unverändert seit dem Beginn ihrer schon ein halbes Jahrhundert währenden Karriere.

»On a clear day« intoniert sie angejazzt, ruft »Hello Berlin«, erinnert sich an ihr letztes Konzert 2007 in der Waldbühne als überwältigendes Erlebnis und hat sofort den Saal im Griff. Die Arena der 12 000 steht wie ein Mann und umjubelt eine Frau, die in der Folge ganz unkapriziös über ihren Weg erzählt. Wie sie bei einem Konzert 1967 den Text vergessen habe, danach 27 Jahre nicht mehr live aufgetreten sei, seither stets mit Teleprompter arbeite.

Sichtbar für sie und das Publikum laufen hoch oben die Texte ihrer Moderationen und der Songs. Die singt sie, schlicht lichtumstrahlt, einzigartig, mit einer Stimme, die sich vom vollen Forte ins Piano zurücknehmen und sofort wieder ins Forte aufziehen kann. Die Balladen gleichermaßen gestalten kann wie swingende Titel, nirgends kalte Routine aufblitzen lässt, stets aber die Musikantin von singulärem Format. Nicht fehlen darf »Woman in love«, hier sehr populär, wie sie weiß. Der Saal ist fast aus dem Häuschen.

Beim Streifzug durch die Zeiten erinnert sie an Komponisten, mit denen sie gearbeitet hat und denen sie manches verdankt. Marvin Hamlisch, dem Komponisten des Musicals »A Chorus Line«, ihr Probenpianist bei »Funny Girl«. Für ihn, letztes Jahr verstorben, singt sie seinen Filmsong »The way we were«. Oder Michel Legrand, der die Musik zu ihrem Film »Yentl« schrieb. Oder an die ebenso 2012 verstorbene Donna Summer, der sie »Enough is enough« widmete.

In die Pause verabschiedet sie sich mit einem Song aus dem Musical »Gypsy«, einem ganz amerikanischen Feuerwerk an synkopischer Gesangskunst, mit vulkanischer Stimme und grandioser Interpretation.

Das Bild der Streisand wäre unvollständig ohne den Witz in der Moderation. So beantwortet sie jeweils Fragen, die aus aller Welt an sie herangetragen wurden. Ein Berliner Teenager wollte wissen, ob sie das laufende schwule Stadtgebietsfest besucht habe. No, sagt sie schelmisch, denn ihr seid doch alle hier. Von Bratwurst, Kaiserschmarren, Schnitzel schwärmt sie, auf die österreichische Herkunft der Familie anspielend. Und sie bewundert den Freund Nelson Mandela.

Während der Pause läuft Werbung für ihre Heart Center Foundation. Und die Blumen auf dem kleinen Tisch werden gewechselt, von weiß nach rot, neben dem sie vom Stuhl aus ihre musikalischen Botschaften versendet und das Wunder schafft, in der Atmosphäre einer kühlen Sportarena Intimität zu erzeugen.

Die brauchen auch viele ihrer Titel. In wallendes Rot gewandet, singt sie, worauf die Fangemeinde gewartet hat. Einen innigen Lovesong, den Jazzstandard »My sweet Valentine«, die eigene Komposition aus dem Film »A Star is Born«, das grandiose »People«, jeder Ton ein künstlerischer Volltreffer und zugleich seelische Offenbarung.

Für die Hommage an Leonard Bernstein holt sie einen riesigen Chor auf die Bühne zum Hymnus an Mutter Erde und unsere Pflicht, sie zu bewahren: Bäume sollen wir pflanzen, auch wenn wir sie nie groß sehen werden.

In dem knapp dreistündigen Programm schafft sich die Streisand geschickt kleine Pausen, für die sie Gäste geladen hat, ihnen den Adelsschlag erteilt. Der Trompeter Chris Botta gehört dazu, eine junge Italienerin mit fabulös blühender Violine, Barbras Sohn Jason Gould sowie ihre Schwester Roslyn Kind.

Dann folgt Zugabe auf Zugabe an die jubelnde Fangemeinde. »Happy days are here again« ist fröhlich, die Frage, wo all die Jahre geblieben sind, besinnlich. »Send in the clowns« ist der sanfte Abschied von einem hochdekorierten Star der Superlative, einer Diva wohl, einer aber mit sympathischer Bodenhaftung.

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