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Sonderzug nach Wien

1989 vergab die DDR-Fußball-Nationalelf ihre letzte WM-Chance

Im November 1989 ist die Zeit aus den Fugen. Die Grenze zwischen DDR und BRD ist für alle offen. Politische Veränderungen in Ost- und Westeuropa sind in vollem Gange. Sechs Tage nach der Maueröffnung findet in Wien das letzte WM-Qualifikationsspiel der DDR in Österreich statt. Urplötzlich dürfen auch normalsterbliche Fußballfans in den Westen reisen. Der Autor, als 19-Jähriger in Wien dabei, und Zeitzeugen auf dem Rasen erinnern sich an das historische Scheitern der Nationalelf.
Lärmende Fußballfans als Geräuschkulisse und ein sich drehender Ball waren das Markenzeichen des Fernseh-Fußballpanoramas. Dieses fasste zu DDR-Zeiten immer sonntags in der TV-Sendung »Sport Aktuell« die markantesten Fußball-Ereignisse der Woche kurz zusammen. So auch am 12. November 1989.
Es war jedoch kein Sonntag wie viele hunderte zuvor. Schließlich stand Deutschland seit drei Tagen Kopf. In Ost und West gab es nur ein Thema: die Öffnung der Staatsgrenze der DDR, despektierlich Mauer genannt. Das Fußball-Panorama war demzufolge ebenso andersartig wie sonst. Das betraf nicht den sportlichen Inhalt, sondern eine kurze Meldung am Schluss. »Der Fußballverband Österreichs stellt DDR-Bürgern kurzfristig 4000 Stehplatzkarten für das Länderspiel Österreich-DDR am 15. November in Wien zur Verfügung«, sagte der Sportmoderator relativ emotionslos.

Fans gedanklich schon in Italien
Es war nicht irgendeine Partie. Mit einem Unentschieden in Wien und bei einer gleichzeitigen Niederlage der Türkei in der UdSSR hätte sich die DDR zum zweiten Mal nach 1974 für eine Fußball-Weltmeisterschaft qualifizieren können. »Unsere Situation hatte sich schlagartig verbessert, obwohl wir gerade zu Beginn eine bescheidene Qualifikation gespielt hatten«, erinnert sich Andreas Thom. Der frühere Stürmer des BFC Dynamo, heute Co-Trainer des Bundesligisten Hertha BSC, fühlte sich durch den Mauerfall keinesfalls in seiner sportlichen Leistung beeinträchtigt. »Jeder hat versucht, sich zu konzentrieren. Meine Verhandlungen mit Bayer Leverkusen haben erst nach dem Länderspiel in Wien begonnen.«
Dass Andreas Thom im Januar 1990 der erste ostdeutsche Spieler sein würde, der offiziell in den Westen wechselt, ahnte ich Mitte November natürlich nicht. Ich sah mich erst einmal gedanklich in Italien, wo im Sommer 1990 die Endrunde stattfand. Aber vorher musste noch ein Punkt in Wien her. Nach dem Aufschwung unter Trainer Eduard Geyer mit Siegen in Island (3:0) und gegen die Sowjetunion (2:1) wollte ich in der Hauptstadt Österreichs dabei sein.
Kleiner Haken an der Sache: Ich absolvierte zu dieser Zeit eine Berufsausbildung mit Abitur. Am Mittwoch und Donnerstag stand in der Betriebsschule »Rudi Arndt« in Berlin normaler Unterricht auf dem Programm. Egal. Am Montag hatte ich gemeinsam mit meinen Freund eine Eintrittskarte für das Spiel geholt. Der Vorverkauf in Berlin fand an den Kassen der inzwischen längst abgerissenen Werner-Seelenbinder-Halle statt. Dort, wo heute das Velodrom an der Landsberger Allee steht. Außerhalb der Hauptstadt der DDR erfolgte die Ticketabgabe in den Geschäftsstellen der Oberligamannschaften.
Meiner stellvertretenden Klassenlehrerin teilte ich mit, am Mittwoch ganz und am Donnerstag halbtags fehlen zu wollen. Widerstand regte sich nicht. Etliche Schüler hatten das historische Wochenende der Maueröffnung ohnehin eigenmächtig verlängert.
Das Ticket für das Stadion musste mit harter Währung bezahlt werden. 15 D-Mark oder 100 Schillinge waren zu berappen. Ich habe einen Teil meines »DDR-Bürger-Begrüßungsgeldes« dafür eingesetzt, welches ich mir in der völlig überfüllten Sparkasse nahe der Gedächtniskirche in der Westberliner City erkämpft hatte.

Begrüßungsfrage: Droht das Vierte Reich?
Unser Sonderzug nach Wien - auch in Dresden wurde einer eingesetzt - fuhr vom Bahnhof Berlin-Lichtenberg. Ich weiß nicht mehr, wie lange. Aber auf jeden Fall waren die Abteile ungeheizt. Zudem gab es keinen Speisewagen. Irgendwann kamen wir am Wiener Franz-Josef-Bahnhof an. »DDR, DDR, DDR«, schmetterten mehrere Hundert Fußball-Fans aus dem Osten verblüfften Österreichern entgegen. Dutzende Wiener Journalisten und Fotografen stellten das Begrüßungskommando. Sie wollten erfahren, wie wir uns im Westen fühlen. Was man in Österreich dachte, war im Schaufenster eines Wiener Ladens auf der Titelseite einer Zeitung zu lesen: »Droht das Vierte Reich?«.
Eine Vereinigung der beiden deutschen Länder schien zu diesem Zeitpunkt noch in weiter Ferne zu sein. Wir Fußballfans träumten nur von der WM-Teilnahme. Viele schwenkten stolz ihre DDR-Fahnen in den Straßen Wiens. Auch ich. Es brauchte ja keiner zu wissen, dass ich sie erst kurz vor der Abreise aus dem Keller geholt und damit in ihrem Winterschlaf zwischen dem Republikgeburtstag am 7. Oktober und 1. Mai gestört hatte.
Eine halbe Stunde vor Spielbeginn standen wir im Block. Unter der Anzeigetafel im Praterstadion hatten sich die 4000 ostdeutschen Fans versammelt, die kurzfristig einreisen konnten. »Wir haben schon gemerkt, dass die Unterstützung bei einem Auswärtsspiel an diesem Abend viel größer war als sonst«, meint Ex-Profi Andreas Thom.
Was Thom mit »sonst« umschreibt, stand im Wiener Praterstadion leibhaftig rund 100 Meter von uns entfernt. Auf der Geraden wedelten rund 400 Zuschauer ebenfalls mit Winkelementen aus dem Hause DDR. Die so genannten Jugendtouristen, kaum einer unter 40 Jahre, wären auch ohne Mauerfall in Wien aufgetaucht. Sie gehörten zum handverlesenen Publikum, das von SED und FDJ für vertrauenswürdig gehalten wurde.

Zwei Speisewagen für Jugendtouristen
Das nützte den auf diese Weise ausgezeichneten »verdienstvollen Werktätigen« auch nichts. 120 Sekunden nach dem Anpfiff erzielte Toni Polster, in den 90er Jahren beim 1. FC Köln und bei Borussia Mönchengladbach, das 1:0 für Österreich. Das war der Anfang vom Ende. Polster traf vor 55 000 Zuschauern noch zwei Mal. Der damalige DDR-Torhüter Dirk Heyne, kürzlich als Trainer mit dem 1. FC Magdeburg in die Regionalliga aufgestiegen, hat das nicht vergessen. »Da ich bis 2001 Jugendcoach bei Borussia Mönchengladbach war, hat mich Toni Polster in seiner Gladbacher Zeit oft an diesen Dreierpack erinnert.« Heyne führt im Gegensatz zu Andreas Thom aber auch andere als sportliche Gründe für die Niederlage an: »Wir Spieler hatte andere Sorgen. Schließlich war seit ein paar Tagen die Grenze offen.«
Während Österreich mit dem 3:0-Sieg für die WM 1990 qualifiziert war, hatte die DDR ihre letzte WM-Chance vertan - für alle Zeiten, wie sich bald herausstellen sollte. Auf dem Franz-Josef-Bahnhof standen die DDR-Sonderzüge zur Rückfahrt nach Berlin. Der für die »Partei-Fans« war warm und hatte zwei Speisewagen. Als normalsterblicher Anhänger wurde ich abgewiesen. Ich durfte wieder mit dem Zug ohne Heizung und Gastronomie heimfahren.
Das Fachblatt des DDR-Fußballs, die »Neue Fußballwoche«, fragte nach der Partie ahnungsvoll: »Quo vadis, DDR-Fußball?« Nach sieben weiteren Länderspielen wurde das Kapitel DDR-Auswahl am 12. September 1990 mit einem 2:0-Erfolg in Belgien endgütig geschlossen.
Aber: Die aus dem Osten der Republik stammenden Spieler Matthias Sammer, Ulf Kirsten, Jörg Heinrich, Jens Jeremies, Olaf Marschall, Steffen Freund, Michael Ballack, Thomas Linke, Marko Rehmer, Bernd Schneider, Jörg Böhme, Robert Huth und Tim Borowski packten bei den Weltmeisterschaften 1994 bis 2006 den Sprung in deutsche Aufgebote.

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