Italiens Jugend bangt um ihre Zukunft

Die Arbeitslosigkeit im Süden Europas ist noch nicht auf ihrem Höhepunkt angekommen

  • Von Anna Maldini, Rom
  • Lesedauer: 3 Min.
Italien hat die Krise längst nicht überwunden. Deutlich merkt man das an der weiter steigenden Zahl der Arbeitslosen - besonders Jugendliche sind betroffen.

In der Eurozone scheint es mit der Wirtschaft wieder leicht bergauf zu gehen. In Italien ist das aber nicht der Fall. Für 2013 wird ein weiterer Rückgang des Bruttosozialproduktes um 1,8 Prozentpunkte erwartet und auch 2014 wird der Anstieg - wenn überhaupt - bei unter einem Prozentpunkt liegen. Das wirkliche Problem bleibt aber die Arbeitslosigkeit: Seit 1977 war sie noch nie so hoch.

In den letzten fünf Jahren sind die Arbeitslosenzahlen in Italien um 1,2 Millionen gestiegen. Laut dem italienischen Statistikamt ISTAT waren im September dieses Jahres 2,744 Millionen Personen ohne Arbeit. Das ist die höchste Zahl seit dem Beginn der regelmäßigen Aufzeichnungen im Jahr 1977. Am härtesten trifft es die jungen Menschen zwischen 15 und 24 Jahren: Hier liegt die Arbeitslosenquote inzwischen bei über 40 Prozent. Dazu kommt, dass die Zahl der Berufstätigen zwischen 2007 und 2012 um zwei Prozentpunkte gesunken ist: Einzige Ausnahme sind die über 55-Jährigen, für die es aufgrund der Anhebung des Rentenalters einen Zuwachs von sechs Prozent gibt.

Welche Statistiken oder Zahlen man auch nimmt: Italien steckt immer noch ganz tief in der Krise und die Massenarbeitslosigkeit besonders unter den Jugendlichen ist das größte Problem des Landes, das eine gefährliche Endlosspirale nach unten eingeschlagen hat. Das haben die EU-Behörden bestätigt, die auch für 2014 einen weiteren Anstieg der Quote voraussagen. Wenn es für die Menschen weniger Arbeit gibt, nimmt der Konsum ab, und wenn weniger konsumiert wird, müssen Läden schließen und die Fabriken ihre Produktion drosseln, was wiederum Entlassungen und Arbeitslosigkeit mit sich bringt. Von den Arbeitslosen in Italien suchen fast 53 Prozent seit mehr als zwölf Monaten eine Anstellung.

Was die Jugendlichen betrifft, ist die Lage vor allem im Süden des Landes dramatisch, wo die Gesamtarbeitslosigkeit 45 Prozent beträgt, was heißt, dass nur jeder Zweite einer regelmäßig entlohnten Tätigkeit nachgeht. Zusätzlich gehören etwa 30 Prozent in den drei süditalienischen Regionen Kampanien, Kalabrien und Sizilien zu den so genannten »Neet«. Das sind Personen, die keine Arbeit haben, keine Arbeit suchen und auch keine Ausbildungsmaßnahmen annehmen. In ganz Italien betrifft das rund 1,27 Millionen Menschen.

Kaum etwas sagen die Statistiken über die Millionen junger Menschen, die Gelegenheitsarbeiten machen, in absolut prekären Verhältnissen, als Scheinselbstständige oder schwarz arbeiten. Ganz zu schweigen von denen, die weit unter ihrem Ausbildungsniveau tätig sind oder auswandern, weil sie in Italien keine Zukunft sehen. Bei den Menschen - egal welcher Altersklasse - herrscht tiefe Hoffnungslosigkeit.

Darauf geht die Politik nicht ein. Auch das Haushaltsgesetz, das in diesen Tagen vom Parlament verhandelt wird, dürfte die Situation nicht ändern. Die Steuern - direkte aber auch indirekte - steigen weiter. Maßnahmen, um die Wirtschaft anzukurbeln und mehr Arbeitsplätze zu schaffen, bleiben dagegen aus. Sparen, sparen, sparen: Um mehr geht es nicht.

Italiens Gewerkschaften fühlen sich machtlos. Sie fordern konkrete Maßnahmen gegen die Arbeitslosigkeit und werden deshalb wohl im Dezember einen Generalstreik ausrufen - aber das ist schon fast ein Ritual. Die Beschäftigtenquote in Italien beträgt heute 55,4 Prozent (ein Minus von 1,2 Prozentpunkten gegenüber dem Vorjahr), was praktisch heißt, dass nur jeder zweite Italiener eine bezahlte, legale Arbeit hat. Dazu kommt, dass es kaum staatliche soziale Auffangnetze gibt, sodass es nicht verwundert, dass sich die Anzahl der Armen in den letzten fünf Jahren verdoppelt hat und immer mehr Menschen auf Almosen und Wohltätigkeit angewiesen sind.

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