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»Nuklearer Winter« hätte verheerende Folgen

IPPNW-Studie warnt vor globaler Hungersnot nach Atomschlag

Selbst eine regionaler Nuklearkrieg würde heute zu einer weltweiten Hungersnot führen und die ganze Zivilisation bedrohen. Zu diesem Schluss kommt eine am Dienstag veröffentlichte IPPNW-Studie.

»Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich nach der Schule auf den Stufen unserer Veranda in Chicago saß und eine Stunde lang angestrengt in den Himmel blickte, um die Ankunft des Atomblitzes bloß nicht zu verpassen.« Prof. Robert Jacobs hat noch im Ohr, wie ihm die Lehrer Anfang der 60er Jahre einbläuten, sich in diesem Fall umgehend in Sicherheit zu bringen. Als Wissenschaftler an der Graduate Faculty of International Studies und am Hiroshima Peace Institute, beides Einrichtungen der Universität in der japanischen Stadt, pendelt er heute zwischen Hiroshima und Nagasaki, jenen beiden Orten, die als erste und bisher einzige Ziele von US-amerikanischen Atombomben geworden sind. Er erlebt und untersucht hautnah, welche psychologischen und sozialen Traumata die Abwürfe auch noch 68 Jahre danach verursachen.

Nukleare Schläge in der Gegenwart wären sogar um ein Vielfaches gefährlicher und folgenreicher als jene vor 68 Jahren, die zum Tod von mehr als 200 000 Menschen führten. Und sie sind angesichts der Konflikte etwa zwischen Indien und Pakistan oder um das iranische Atomprogramm keineswegs undenkbar. Noch immer gibt es trotz aller Abrüstungsrunden der vergangenen Jahrzehnte weltweit über 17 000 atomare Sprengköpfe mit einem riesigen Zerstörungspotenzial.

Nach Erkenntnissen der Vereinigung US-amerikanischer Wissenschaftler (FAS) besitzen heute neun Länder Kernwaffen: Russland (8500 Sprengköpfe), die USA (7700), Frankreich (300), Großbritannien (225), China (250), Pakistan (100-120), Indien (90-120), Israel (80) und Nordkorea (10). Im Rahmen der sogenannten nuklearen Teilhabe der NATO sind dabei auch in fünf weiteren europäischen Staaten - Belgien, Deutschland, Italien, den Niederlanden und der Türkei - US-amerikanische Atomwaffen stationiert. Zudem unterhalten rund 50 Länder Forschungsreaktoren, die theoretisch die Entwicklung von nuklearen Waffen ermöglichen würden.

Selbst ein »begrenzter« atomarer Schlagabtausch hätte inzwischen eine globale Hungersnot zur Folge, die das Leben von zwei Milliarden Menschen gefährden würde. Zu diesem Ergebnis kommt die heute in Boston veröffentlichte Aktualisierung der Studie »Nukleare Hungersnot« der »Internationalen Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges, Ärzte in sozialer Verantwortung« (IPPNW). Die unter der Leitung des US-amerikanischen Mediziners Ira Helfand entstandene Analyse, die beispielhaft von einem Szenario von je 50 zwischen Indien und Pakistan eingesetzten Kernwaffen in der Stärke der Hiroshima-Atombombe ausgeht, zeigt die katastrophalen humanitären, ökonomischen und ökologischen Kosten eines regionalen Atomkrieges für die ganze Welt auf.

Es gäbe nicht nur Hunderttausende unmittelbare Opfer und die Zerstörung ganzer Landstriche bis hin zur dauerhaften Unbewohnbarkeit, sinkende Temperaturen und reduzierte Niederschläge würden in wichtigen landwirtschaftlichen Regionen weltweit den Anbau von Getreide, Mais und Reis gravierend stören und zu Lebensmittelknappheit sowie Preiserhöhungen führen - womit Nahrung gerade für Hunderte Millionen Menschen in den ärmsten Ländern unerschwinglich wäre.

Im Februar 2014 wollen mehr als 100 Staaten in Mexiko-Stadt zusammentreffen, um die humanitären Folgen eines Atomkrieges erneut zu debattieren. IPPNW-Abrüstungsexpertin Xanthe Hall appellierte jetzt an die Bundesregierung, sich für einen globalen Vertrag zum Verbot von Kernwaffen stark zu machen. Deutschland müsse sich in Mexiko jenen Staaten anschließen, die ihren Einsatz bedingungslos verurteilen. Als im Oktober 125 Staaten in der UN-Vollversammlung ein Dokument mit genau diesem Tenor unterzeichneten, verweigerte Berlin seine Unterschrift.

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