Irrfahrt eines Unglücksschiffs

Der »Giftfrachter« Flaminia wird repariert / Havarist beschäftigte Niedersachsens Landtag

Die Odyssee des 2012 auf dem Atlantik in Brand geratenen Frachters »Flaminia« ist noch nicht zu Ende. Dieses Wochenende legt das Schiff in Dänemark ab, um in Rumänien repariert zu werden.

Etwa 14 Tage lang wird der Frachter Flaminia von Odense bis zum Hafen Mangalia unterwegs sein. So war am Freitag von der Reederei, der NSB Niederelbe Schifffahrtsgesellschaft im niedersächsischen Buxtehude, zu erfahren. Als sogenannter »Giftfrachter« hatte das Schiff Anlass für Sorgen gegeben. Rückblende: Der 300 Meter lange Frachter ist am 14. Juli 2012 unterwegs von Charleston im US-Bundesstaat Carolina nach Antwerpen in Belgien. Plötzlich bricht an Bord ein Feuer aus. Die Flammen erfassen einen Großteil der 2 875 Container im Laderaum. Das Verheerende: 151 sind mit Gefahrgut bestückt. Giftschwaden drohen, eine Explosion erschüttert das Schiff, als Seeleute den Brand löschen wollen. Ein Tankschiff eilt herbei, seine Besatzung rettet 23 teils schwer verletzte Besatzungsmitglieder. Für einen Offizier der Flaminia kommt jede Hilfe zu spät. Ein Seemann bleibt vermisst, während ein weiteres Mitglied der Crew später im Krankenhaus den Verbrennungen erliegt.

Von zwei Schleppern aus versuchen Spezialisten, die Flammen zu ersticken. Doch es gibt eine neue Explosion. Rauch behindert die Löscharbeiten, die fast vier Wochen dauern. Erst dann ist das Feuer unter Kontrolle. Allerdings züngeln noch hier und da Flammen, Glutnester werden entdeckt.

Nun beginnt die lange Irrfahrt der Flaminia. Ein niederländischer Schlepper zieht sie durchs Meer, ein Nothafen wird gesucht. Doch dem Schiff ergeht es wie dem sagenhaften Fliegenden Holländer: Niemand will es haben. Aus mehreren Ländern heißt es: Draußen bleiben! Feuer, beschädigte Container mit gefährlicher Ladung - das schreckt ab. Schließlich gewährt Deutschland dem Havaristen Obdach im Jade-Weser-Port, dem neuen Tiefseehafen in Wilhelmshaven. Dort wird die Flaminia gründlich untersucht. Welche Gefahrstoffe sie geladen hatte, bleibt der Öffentlichkeit verborgen. Inoffizielle Quellen sprechen von giftigen, brennbaren sowie explosiven Substanzen wie etwa Nitromethan. Auch von PCB-haltigem Altöl aus Transformatoren ist die Rede.

Die Flaminia beschäftigt auch den niedersächsischen Landtag: Politiker fordern ein besseres Havarie-Management für die europäischen Häfen und fragen: Wie gut ist Niedersachsen auf Schiffsunfälle vorbereitet? Das Wirtschaftsministerium antwortet: Weder die Feuerwehren noch das Technische Hilfswerk sind dafür ausgestattet, Gefahrgutcontainer an Bord eines Schiffes zu bergen. Und: An Land muss bei der Bergung, soweit nicht das im Hafen vorhandene Equipment eingesetzt werden kann, auf private Unternehmen zurückgegriffen werden. Nur sie verfügen über Autokrane mit der erforderlichen Tragfähigkeit.

Fachleute sind bis November 2012 damit beschäftigt, das Gefahrgut zu entladen. Danach soll das Schiff auslaufen, erhält jedoch wegen fehlender Dokumente keine Erlaubnis. Erst im Februar 2013 heißt es: Leinen los! Das Schiff erreicht Rumänien, um dort repariert zu werden. Doch die Behörden bemängeln, dass der noch an Bord liegende Brandschutt nicht in den Begleitpapieren angegeben worden sei. Das Schiff darf nicht entladen werden.

Erneut macht sich die Flaminia auf die Reise - nach Dänemark. Dort beginnt im November 2013 das Entsorgen der Ladungsreste. Die Arbeiten sind inzwischen abgeschlossen. Dieses Wochenende startet das Schiff zum zweiten Mal nach Rumänien. Die dortige Daewoo-Werft wurde von der Reederei beauftragt, weil sie ein Tochterbetrieb des Unternehmens ist, das den Frachter 2001 in Südkorea gebaut hatte. Der Mitteil, durch den Brand zerstört, soll ausgetauscht werden. Wie das Feuer damals entstand, ist nach wie vor nicht geklärt.

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