Eine große, bunte Familie

Kathrin Zinkant über die Schwierigkeiten mit dem Begriff der Rasse, beklemmende historische Lasten und die Wahrheit des menschlichen Erbguts

In Berlin also sieht sich das Abgeordnetenhaus derzeit mit dem Antrag von Grünen und Piratenpartei konfrontiert, im Grundrechtsparagrafen der Landesverfassung das Wort Rasse zu streichen und stattdessen die Phrase »aus rassistischen Gründen« einzufügen. Bemerkenswert ist daran nicht zuletzt, dass erst einem Juristen auffiel, wie widersprüchlich die gewünschte Ersetzung eigentlich ist, weil rassistische Gründe durchaus auch einen Rasse-Begriff voraussetzen. Mit Logik haben es Politiker eben nicht so.

Dafür aber mit Sympathie. Viele Abgeordnete scheinen mit dem Antrag zwar nicht zwingend einverstanden, aber doch zu sympathisieren. Und das macht dann schon ein bisschen nachdenklich, weil diese Sympathiebekundung eher etwas Reflexhaftes hat, als dass sie sich auf eine durchdachte Haltung stützte. Es geht eben weniger um den Begriff, um seine Herkunft, Bedeutung und wissenschaftliche Substanz. Sondern um seine Überblendung mit zeitgenössischer Diskriminierung und beklemmenden historischen Lasten - wie am Donnerstag übrigens auch an der Charité zu erleben war, als die Hochschulmedizin »Schädel und Gebeine« von Verstorbenen verschiedener namibischer Stämme an das afrikanische Land zurückgab, die vor dem ersten Weltkrieg für die »Rassenforschung« nach Berlin gebracht worden waren. Man möchte heute noch vor Scham im Boden versinken.

Aber zurück zum Begriff der Rasse. Auch die Wissenschaft hat Probleme damit. Die Gründe sind auch, aber nicht zu allererst politischer Natur, sondern haben etwas mit Definition zu tun. Eingeführt wurde der Begriff, um räumlich getrennte Lebensgemeinschaften einer Spezies zu unterscheiden, die aufgrund dieser Trennung eigene Merkmale entwickelt hatten, obwohl sie sich auf derselben Entwicklungsstufe befanden. Von Genetik war dabei erst einmal gar keine Rede. Es handelte sich um eine rein abstrakte Umschreibung von Äußerlichkeiten, die keiner Widerlegung durch genetische Analysen bedurfte und bei dem es sich genauso wie der synonyme Begriff der Unterart lediglich um eine Konvention handelte und nicht um einen Fakt. Die Tatsache, dass für Äußerlichkeiten - die Schnabelform, die Fellmusterung, die Hautfarbe - später tatsächlich auch genetische Entsprechungen gefunden wurden, änderte an der Abstraktheit gar nichts.

Die »Rassenforschungen« kolonialer Herrschaftsmächte und nationalsozialistischer Ideologen dagegen waren nie abstrakt, sondern ordneten dem Begriff Rasse eine faktische Grundlage zu, derzufolge sich Menschen unterschiedlicher Rassen auch unterschiedlichen Entwicklungsstufen zuordnen lassen sollten. Es ging um Herrschaftshierarchien aufgrund von Unwissenheit. Der Rassismus unserer Zeit spiegelt diese selbstgefällige Fehlinterpretation von Unterschieden auf ganz besonders dumme Art. Nicht minder dumm, aber wesentlich verbreiteter ist allerdings die Angst, dass Analysen der genetischen Vielfalt des Menschen dem Rassismus neues Futter liefern könnte. Was recht bedauerlich ist, weil eben gerade diese Wissenschaft in den vergangenen Jahren gezeigt hat, wie wenig Rassismuspotenzial in den menschlichen Genen eigentlich vorhanden ist.

Bereits im März 2001 etwa veröffentlichte das Wissenschaftsmagazin »Science« eine Sonderausgabe zum Thema Evolution des Menschen. Darin kommt unter anderem Svante Pääbo vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig zu Wort. Pääbo, derzeit wohl der weltweit anerkannteste Experte für Evolutionsgenetik, beschreibt darin, was die Forschung vor allem über die einzigartige genetische Durchmischung der Menschheit herausgefunden hat. Zwar gebe es zwischen den geografischen Gruppen Unterschiede in einigen wenigen Genen, vor allem jenen für äußere Eigenschaften. Der äußere Schein aber trügt immer. Der weit größte Teil des menschlichen Erbguts zeigt, dass die Menschheit schon immer eine große, ziemlich gut durchmischte Familie war. Ob nun mit oder ohne Rassen.

Am Ende wäre es vielleicht also besser, entweder ganz auf den Rassebegriff zu verzichten, weil Herkunft und Abstammung im Grunde das Gleiche meinen. Oder aber man bleibt bei der alten Formulierung. Dann überließe man den Rassebegriff auch nicht endgültig jenen, die ihn zur Diskriminierung missbrauchen.

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