Der Träumer von Nymburk

Bohumil Hrabal 100

Auch wenn sie womöglich selbst noch nicht dort waren, Leser von Bohumil Hrabal haben sich in Gedanken schon oft in das »Städtchen am Wasser« versetzt. Nymburk in der Mittelböhmischen Region war des Schriftstellers Kindheitslandschaft, wurde zum Mittelpunkt seiner poetischen Welt. Am 28. März 1914 in Brno geboren, war er als Sechsjähriger mit der Familie dorthin gekommen.

Noch heute scheint hier auf eigenartige Weise das uralte Böhmen lebendig zu sein. Die alten Stadtmauern bewehren die Stadt die einst König Premysl Otakar II. gründete. Aber nicht nur die ferne Historie lebt hier, sondern jene Geschichte, die Bohumil Hrabal in vielen Geschichten beschrieben hat. Hier an der alten Brauerei hat er sein böhmisches Lebensgefühl erworben, hier am Elbufer die Spiele der Kindheit genossen und die Spaziergänge der Jugend. »Dies Leben ist schön, zum Verrücktwerden schön! Nicht, daß es das wäre, aber ich sehe es so.«

Hrabals magischer Realismus lebt aus dieser böhmischen Grundierung, dem ironischen Lebensgefühl, mit dem man die Weltenbrände bestehen kann. Kennengelernt habe ich ihn zuerst aus einem Film, den der junge Jiři Menzel nach einer Erzählung von Hrabal gedreht hat: »Scharf beobachtete Züge«, jene ironische Geschichte des jungen Bahnwärters Miloš, den Václav Neckár spielte, der auf tragikomische Weise in die Ereignisse der deutschen Besetzung verstrickt wurde, ein Glanzstück des jungen tschechischen Kinos in der Zeit des Prager Frühlings. Und 1968 ein Oscar für Menzels Film. Da saß ich denn im Frühsommer jenes Jahres 1968 auch im Narodni Dum in Prag mit meinem Freund Josef Škvorecký und eben diesem Bohumil Hrabal, und wir tranken Pilsner Bier und sprachen über die Hoffnung und Gefährdung dieser Tage. Hrabal lächelte zumeist still vor sich hin.

Er war einer dieser Schwejks, wie sie Böhmen immer wieder hervorbrachte. War er nicht Doktor der Rechte und hatte doch als Handelsreisender, Stahlarbeiter und Altpapierhändler gelebt, bis seine ersten Bücher erschienen. Und die haben wir nicht vergessen. Eines davon: »Tanzstunden für Anfänger und Fortgeschrittene«, vielleicht ein Titel für sein ganzes Werk. Und oft genug dann die Erinnerungen an Nymburk »Das Städtchen, in dem die Zeit stehen blieb« und die »Nymburker« Trilogie, die erst nach dem Publikationsverbot von 1968 erscheinen konnte. Oder der verschmitzte Roman »Ich habe den englischen König bedient«, ganz im Duktus des mündlichen Erzählens geschrieben.

Bohumil Hrabals Tod scheint zu seinem Leben zu passen: Am 3. Februar 1997 fütterte er im 5. Stock des Prager Krankenhauses »Na Bulovce« die Tauben und ist dabei aus dem Fenster gestürzt. Ein Unfall, doch fast möchte man ihm zutrauen, dass er sich diese Situation selbst entworfen hat. Eine Hrabal-Geschichte, er hätte sie schreiben können. Und auch wenn es scheint, als habe man ihn mittlerweile als Autor fast vergessen: Der Träumer von Nymburk wird wiederkommen, wenn er denn gerufen wird, wenn ihn die Leser brauchen.

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