Nur das Studium zählt

Junge Vietnamesen in Deutschland im Konflikt zwischen patriarchaler Familientradition und eigenen Vorstellungen über ihren Bildungsweg. Von Marina Mai

Der Berliner Bezirk Lichtenberg ist die größte vietnamesische Kommune in Deutschland. 4500 vietnamesische Staatsbürger und geschätzt 2000 vietnamesischstämmige Menschen mit deutschem Pass leben hier. Da ist es nur nachvollziehbar, dass das Bezirksamt gern Mitarbeiter haben möchte, die die vietnamesische Sprache sprechen, die Kultur kennen und darum die vielen vietnamesischen Zuwanderer viel besser erreichen können, als andere Mitarbeiter.

Doch um den entsprechenden Nachwuchs bemüht sich die Verwaltung oft vergeblich. »Wir hatten die Situation, dass sich bis 2009 keine vietnamesischen Jugendlichen um einen Ausbildungsplatz bei uns beworben haben«, sagt Claudia Kinzel, die Ausbildungsbeauftragte des Bezirkes. »Das wunderte uns, weil wir wissen, dass gerade vietnamesische Schüler sehr leistungsorientiert sind.«

Phuong Kollath, eine vietnamesische Pädagogin, versucht eine Erklärung: »In vietnamesischen Familien ist die Entscheidung über die berufliche Zukunft von Jugendlichen eine Entscheidung, die nicht der Jugendliche allein sondern die gesamte Familie trägt.« Und in konfuzianistischen Familienstrukturen heißt das oft: Das Familienoberhaupt entscheidet, nicht der Jugendliche selbst, um den es geht. Das Familienoberhaupt ist aber in Vietnam aufgewachsen und trifft die Entscheidung aufgrund der Arbeitsmarktsituation in Vietnam. Und dort gelte, so Kollath: »Nur das Studium zählt.«

So komme es, dass sich die oft leistungsstarken vietnamesischen Abiturienten auch noch auf wenige Studienfächer konzentrieren. Auf solche Fächer, die in Vietnam eine glänzende Zukunft garantieren würden: BWL, Medizin, Pharmazie und Informatik. Berufe, wie Lehrer, Krankenschwester, Polizist, für die in Deutschland händeringend Nachwuchs mit vietnamesischen Sprachkenntnissen gesucht wird, können damit nicht ergriffen werden. Und: Während viele Vietnamesen in der Schule glänzen, ist das im Studium nicht mehr so. Beratungsstellen in Berlin wissen von zahlreichen Studienabbrechern unter Vietnamesen, die dann letztlich doch im Laden der Eltern landen.

»Für uns war es eine neue Erkenntnis, dass die Eltern über die berufliche Zukunft ihrer Kinder entscheiden. Und wir überlegten, wie kommen wir an die Eltern ran«, sagt Claudia Kinzel. Durch zweisprachige Informationsveranstaltungen sprach man die Eltern der Jugendlichen direkt an. Mit öffentlichen Informationen allein, z.B. dem Verteilen von Flugblättern, mit denen etwa die Berliner Landesregierung, das Handwerk oder Wohnungsunternehmen um vietnamesische Auszubildende werben, lässt sich kein persönliches Vertrauen aufbauen und damit ein Erfolg erzielen. Und so gab es ab 2009 tatsächlich Bewerbungen von vietnamesischen Abiturienten um einen Ausbildungsplatz im Bezirksamt Lichtenberg.

Tran Tu Trang hat dort eine Ausbildung absolviert und berichtet: »Ich wollte einen sozialen Beruf erlernen und nicht so gern studieren. Aber es war schwierig, meine Eltern davon zu überzeugen.« Insbesondere, weil sie eine Ausbildung im öffentlichen Dienst absolvieren wollte. Vietnamesische Eltern assoziieren Behörden mit Korruption und nicht mit einer sicheren Anstellung auf Lebenszeit. »Ich habe meine Eltern zu Informationsveranstaltungen mitgenommen. Aber den Ausschlag brachte ein Zeitungsartikel über arbeitslose Akademiker in Deutschland, den mein Vater in einer vietnamesischsprachigen Zeitung gelesen hatte«, sagt die junge Frau. Deutschsprachige Medien lesen vietnamesische Zuwanderer der ersten Generation kaum.

Luong Thanh Thuy vom vietnamesischen Studentenverband in Berlin kennt viele unmotivierte vietnamesische Studenten in Wirtschafts- und Technikfächern. »Wenn der Beruf nicht Leidenschaft ist, sondern der Wunsch der Eltern, schaffen viele Studenten das Studium nicht.« Hinzu käme: Für die von Vietnamesen präferierten Studienfächer gäbe es auf dem Berliner Arbeitsmarkt oft keine Chance. »Wer BWL oder Maschinenbau studiert, hat die Wahl zwischen einem Berliner Kleinunternehmen mit unsicheren Aussichten oder der Abwanderung nach Süddeutschland«, weiß die junge Frau. Doch auch das werde von vielen Eltern nicht akzeptiert. »Die wünschen sich, dass die Kinder in ihrer Nähe bleiben und dort Familien gründen. Heirat und das erste Kind wird oft gleich nach dem Abschluss des Studiums erwartet.«

Thi Phuong hat den Beruf der Krankenschwester erlernt. Der Traumberuf, den sich ihre Eltern für sie gewünscht hätten, sei das nicht gewesen, sagt sie. Aber die junge Mutter zählt einen Vorteil des Berufes auf, den auch familienorientierten Vietnamesen der ersten Einwandergeneration überzeugen müsste: »Ich finde überall Arbeit. Wenn mein Mann wegen des Jobs umziehen muss, brauchen wir keine Fernbeziehung zu führen.«

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