Weimar, Weggefährten und das Warum

Wolfgang Held: Erinnerungen eines Schriftstellers in Aufzeichnungen, Reisebildern, Tagebüchern

  • Von Matthias Biskupek
  • Lesedauer: 2 Min.

Seine Bücher, oft für Kinder, hatten hohe Auflagen und mit einem Film schrieb er 1988 Zeitgeschichte: »Einer trage des anderen Last«. Wolfgang Held gehörte zu jenen Autoren, die treu und fest an der Seite ihrer Republik, der DDR, stehen wollten und auch deshalb sich als Funktionäre verstanden. Er sorgte mit dafür, dass Alters- und Krankensicherung für Freiberufler funktionierten; in Zeiten vor dem Herbst 1989 widersprach er auch Alleinrechthabern in seiner Partei, deren dummdreiste Politik bewirkte, dass sich das Land leerte.

Held ist nicht der Mann, sich im Nachhinein zu schmücken. Die Sammlung »Ich erinnere mich« ist ein Stück, über das man sagen darf: Das hat eine ehrliche Haut geschrieben. »Ich hatte nur gelernt, in Schwarz und Weiß zu unterscheiden. Dass es Grautöne gibt, musste ich … schmerzhaft lernen.«

Der leidenschaftliche Weimarer zeigt Leben punktuell: sozialdemokratischer Vater und kommunistischer Onkel, Buchenwald 1945, das leselustige Kind, dessen ständige Frage »Warum?«, Kämpfe wider Krankheiten. Im Abschnitt »Weggefährten« kommen vor allem Weimarer Kollegen vor, liebevoll gezeichnet: Louis Fürnberg und Armin Müller, Harry Thürk und Walter Stranka. Der Herausgeber des Bandes, Ulrich Völkel, hat zudem Tagebuchnotizen von 1974 bis zum Juli 1989 beigegeben. Held, kein Besserwisser, hätte im Januar 1989 niemals das Ende des Jahres so vermutet, wie es dann eintraf.

In Reisetagebüchern aus Ägypten, Irak, Syrien und Spanien wird deutlich, dass er zu den privilegierten Reisekadern gehörte. Doch er schaut hin. In arabische Verbandsbüros und prächtige Moscheen. Er sieht die Verkommenheit einer Führungskaste und versucht vergeblich, den Kurs seines Heimatlandes zu verstehen. Was aus einem gewiss korrupt regierten, letztlich aber Religionsfreiheit garantierenden und wirtschaftlich blühenden Land wie Irak derzeit geworden ist, hinterlässt bei der Lektüre von Helds Notizen aus dem Jahr 1977 ein bitteres Gefühl.

Das Buch ist mit Fotos und Handschriften reichlich ausgestattet, wer noch nichts von Wolfgang Held kennt, findet zudem Leseproben aus zwei seiner Romane und wird feststellen: Die Texte sind anschaulich und spannend. Immer noch und schon wieder lesbar.

Wolfgang Held: Ich erinnere mich. Aufzeichnungen, Reisen und Tagebücher. Herausgegeben von Ulrich Völkel. Eckhaus Verlag. 208 S., geb., 19,95 €.

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