Mehr Zurückhaltung, bitte!

Jonas Gabler hält weniger Polizei beim Fußball für einen richtigen und mutigen Schritt

Der nordrhein-westfälische Innenminister Ralf Jäger (SPD) hat Anfang August erklärt, er wolle zum Start der Bundesligasaison einen vierwöchigen Versuch starten, um das Polizeiaufkommen rund um Fußballspiele der ersten drei Profiligen zu reduzieren. Konkret geht es darum, insbesondere bei Spielen mit geringer Risikobewertung weniger Beamte und diese auch weniger sichtbar einzusetzen.

Dieser Vorschlag wird seitdem heiß diskutiert. Manche Stimmen warnen, sprechen von einem »fatalen Signal«. Aber der Vorschlag findet auch Zustimmung, z.B. in Baden-Württemberg, wo die Polizei genau wie in Nordrhein-Westfalen besonders unter der Last der Fußballeinsätze ächzt: Es heißt, dass etwa ein Drittel der Einsatzzeiten der Bereitschaftspolizei auf Fußballeinsätze entfällt - eine schier unglaubliche Zahl, die immer wieder zu (Kosten-)Debatten führt, nicht erst seit dem Vorstoß des Bremer Senats, der Deutschen Fußball Liga (DFL) Polizeieinsätze teilweise in Rechnung zu stellen. Anstatt aber diese Kosten einfach wegzuschieben - und sich dabei auf verfassungsrechtlich unsicheres Terrain zu begeben -, kann berechtigterweise gefragt werden, ob es nicht Möglichkeiten gibt, die Ausgaben zu senken, also die Polizei effizienter einzusetzen.

Tatsächlich war der Vorstoß von Herrn Jäger längst überfällig. Der Umfang der Polizeieinsätze hat in den vergangenen Jahrzehnten kontinuierlich zugenommen und stieg dabei schneller als die Zahl der Zuschauer und die Zahl der polizeilich registrierten Gewalttäter. Sicherlich hat die erhöhte Polizeipräsenz (neben modernen Stadien und nicht zuletzt neben der sozialpädagogischen Intervention in Form von Fanprojekten) dazu beigetragen, die Kreise der in den 80er und 90er Jahren wütenden Hooligans einzuengen. Aber gerade in den vergangenen fünf Jahren konnte auch ein weiter ansteigendes Polizeiaufgebot nicht verhindern, dass es mehr registrierte Straftaten und mehr Verletzte gab. Es scheint, dass das Prinzip »Viel hilft viel« an seine Grenzen gekommen ist.

Vielleicht ist sogar das Gegenteil der Fall: Unter den Fans, die in der großen Mehrheit nach wie vor friedlich sind, hat sich das Feindbild Polizei in den vergangenen Jahren verbreitet und verfestigt. Viele Fans fühlen sich mehr und mehr eingeengt, die Omnipräsenz und das konsequente Auftreten der Polizei wird immer häufiger als unverhältnismäßig wahrgenommen - fast jeder Fußballfan, der auch zu Auswärtsspielen seiner Mannschaft fährt, kann von Negativerfahrungen mit der Polizei berichten. Diese ansonsten friedlichen Fans solidarisieren sich bei polizeilichen Maßnahmen zunehmend gegen die Beamten - zunächst nur verbal, in jüngster Vergangenheit aber auch mit Taten und Gewalt. Die Berichte der »Zentralen Informationsstelle Sporteinsätze« der Polizei beklagen diese Zunahme an Solidarisierungseffekten seit vielen Jahren. Die Antwort darauf war in der Vergangenheit stets eine weitere Erhöhung der Polizeipräsenz.

Dem liegt vermutlich eine fußballspezifische Dynamik zugrunde. Die Sicherheit von Fußballspielen ist seit vielen Jahren ein immer wiederkehrendes Thema der medialen Berichterstattung. Anders als andere bandenartige Auseinandersetzungen stehen Fußballrandale im medialen Fokus, da der Fußball im Fokus der Öffentlichkeit steht. Bei Gewaltvorfällen wird dann schnell und laut die Frage nach dem Schuldigen gestellt, und kaum ein Einsatzleiter der Polizei will sich vom Vorgesetzten vorwerfen lassen, unvorsichtig gehandelt und an Polizeikräften gespart zu haben. So gesehen ist es gut möglich, dass die ansteigende Zahl von Polizeieinsätzen auf den besonderen öffentlichen Fokus zurückzuführen ist, der dem Fußball zuteil wird.

Auch wenn dieser Hintergrund öffentlich nur wenig benannt ist und vielleicht tatsächlich nicht ausschlaggebend für die Initiative war, der mutige Vorstoß von Herrn Jäger hat das Potenzial, die hier beschriebene Dynamik zu durchbrechen: Als oberster Dienstherr im Land Nordrhein-Westfalen hat er die verantwortlichen Polizeiführer ermutigt, kritisch zu hinterfragen, ob die Beamten effizienter eingesetzt werden können. Er hat damit von oberster Stelle Rückendeckung versprochen, wenn sie entgegen dem allgemeinen Trend von großer Polizeipräsenz bei einigen Spielen auf Beamte verzichten. Dieser Schritt kann eine Signalwirkung haben und dazu beitragen, den Eskalationsprozess zwischen Fans und Polizei zu durchbrechen - und damit für mehr Sicherheit sorgen.

Jonas Gabler ist Politologe und Fanforscher an der Universität Hannover.

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