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Der Staat ist kein Traum

Vor 20 Jahren erschien Blumfelds »L’État et Moi«. Die Stimme dieser Band fehlt

Am vergangenen Wochenende spielte die Hamburger »Diskursrock«-Band Blumfeld, benannt nach einer Kafka-Kurzgeschichte, ihr Berliner Reunionkonzert. Anlass war das 20-jährige Jubiläum ihres zweiten Albums »L’État et Moi«. Diese Platte ist längst ein Meilenstein in der deutschen Rockmusikgeschichte. Hieß es früher: »Keine Fehlfarben ohne Ton Steine Scherben« und »Kein Blumfeld ohne Fehlfarben«, so heißt es heute schon längst »Kein Die Nerven, kein Trümmer, ja eigentlich überhaupt kein deutschsprachiges Rockalbum ohne ›L’État et Moi‹ und dessen Vorgänger ›Ich-Maschine‹«.

Das Konzert verdeutlichte noch einmal, warum »L’État et Moi« auch international für Furore sorgte, obwohl im nicht deutschsprachigen Ausland wohl die Wenigsten der sprachlichen Raffinesse des Blumfeld-Sängers Jochen Distelmeyer folgen konnten: Der technisch anspruchs- und harmonisch eindrucksvolle Gitarrenrock brauchte sich damals nicht vor den angelsächsischen Branchenkönigen wie Sonic Youth, Dinosaur Jr., Superchunk, Built to Spill oder Yo La Tengo zu verstecken.

»L’État et Moi«, auf das sich das Konzertprogramm weitgehend beschränkte, erschien zu einem popmusikgeschichtlichen Zeitpunkt, als mit dem Aufstieg des Grunge und dem Tod des Nirvana-Sängers Kurt Cobain das Ableben der Rockmusik und die Ära des Post-Rock eingeläutet wurden. Inmitten von Rechtsrock einerseits und Grunge-Mode, Grunge-Bands und ödem Mittelklasse-Punk machte das Wort des »Mainstreams der Minderheiten« die Runde. Pop hatte seine subversive Kraft verloren. Den Underground gab es nicht mehr. Blumfeld zogen daraus beim nächsten Album »Old Nobody« die Konsequenz und formulierten ihre Gesellschaftskritik zunehmend in klarerer Sprache und einem musikalischen Gewand, das ihnen gar Vergleiche mit der Münchener Freiheit einbrachte.

Der Titel »L’État et Moi« war vor zwei Dekaden Programm. Keine deutsche Rockplatte hatte bis hierhin, und auch danach nicht, so oft den Staat ins lyrische Zentrum gesetzt. Und auch um das Ich geht es, jedoch in seiner historisch-gesellschaftlichen Bedingtheit. Distelmeyer singt: »Und der Staat ist kein Traum, sondern bleibt wie mein Kissen/ Ein mich gestaltender, die Fäden, die rissen/ Und Welt verwaltender Zustand,/ der sich durch mich und mich bewegt/ Durch Gedanken aus Stein, aus Licht eine Mauer,/ eine Sonne aus Eisen, eine Sprache aus Trauer.« Franz Josef Degenhardt, zu dessen 65. Geburtstag Blumfeld 1996 aufspielten, sang einmal von der »Trauer meiner Klasse, die mir manchmal noch so süß schmeckt«.

Zwar fühlte Distelmeyer als Lehrerkind auch die typische Melancholie der Kleinbürgerklasse, ihre Entfremdungsgefühle. Doch war seine Traurigkeit auch historisch bedingt: Das zweite große Thema auf »L’État et Moi« ist die Geschichte. Während der bürgerlich-liberale Zeitgeist in Gestalt von Francis Fukuyama deren »Ende« proklamierte, wagte es Distelmeyer, hegelianisch zu fragen: »Lügt denn die Welt? Und wenn nicht, ist sie am Ende im Rückstand gegenüber der Moral der Geschichte?«

In Berlin sang Distelmeyer - wenn nicht gerade sein Verstärker »sich ausgeraucht« hatte und ausgetauscht werden musste - anfangs scheinbar selbstdistanziert von dem entfremdeten Mittzwanziger, der diese traurigen Texte einst ersonnen hatte. Jedenfalls lässt sich so die Tatsache deuten, dass er den Texten ihre rotzige Eintönigkeit nahm, indem er im Stile der späten Blumfeld melodiöser und zumeist in Terzen oder Quinten um die Originalmelodie herumscharwenzelte. Auch eine anfängliche Unsicherheit war nicht zu übersehen, wenn der sprachgewandte Distelmeyer zunächst alles »toll«, »wunderbar« und »geil« fand. So richtig Fahrt schien er erst mit den zwei späteren Liedern »Ein Lied von zwei Menschen« und »Kommst du mit in den Alltag« aufzunehmen.

Auffallend auch, wie viel sich seit dem Erscheinen von »L’État et Moi« in der Welt verändert hat. »Ich krieg keinen Frieden, darum Krieg! Kein Frieden«, singt Distelmeyer in »Von der Unmöglichkeit, ›nein‹ zu sagen, ohne sich umzubringen«. 20 Jahre später ist der Krieg vierfach an Europas Grenzen: Ukraine, Syrien, Libyen, Irak. Und »der Staat«? »Organisiert er sein Verschwinden, indem er sich durch [uns] bewegt«? Während die Verinnerlichung der Marktdisziplin durch die Subjekte staatlich organisiert ist, wäre es schwierig, den 100 000 getöteten Zivilisten in Irak, den unterdrückten Antiausteritätsbewegungen in Südeuropa etc. ein Verschwinden des Staates nahezulegen. Das Einzige, was verschwindet, ist der Sozialstaat.

Im Zentrum von »L’État et Moi« stand jedoch ein Bekenntnis: »Wir sind politisch und sexuell andersdenkend«. Das blieb. Blumfeld wollten sich nicht mit der neoliberalen Hegemonie abfinden. Das war Punk. Während die Staatskapelle des rotgrünen Neoliberalismus, die Toten Hosen, in »Der Kanzler« ihr Ankommen im Kapitalismus in humorbefreiter, dumpfbackener Bräsigkeit vortrugen und ähnlich wie Die Ärzte offenbarten, dass sie außer Neonazis eigentlich alles Bestehende total dufte finden, schrien Blumfeld auf dem Höhepunkt der Hegemonie des Neoliberalismus gegen die »Diktatur der Angepassten« an. Auch entdeckten sie früher als andere die mit Schröders Agenda 2010 dramatisch aufgebrochene soziale Frage wieder.

Und dennoch legt sich über »L’État et Moi« ein gewisser Schleier des Unzeitgemäßen; denn die Probleme und Zweifel, die Distelmeyer beschreibt, sind nicht mehr die des Prekariats und der Generation Krise zwischen unbezahltem Praktikum, Werk- und Leiharbeitsvertrag, Scheinselbstständigkeit und befristeten Hochschulverträgen einerseits, Psychopharmaka, Burnout und Hartz IV andererseits. Kurz nachdem die Montagsdemonstrationen gegen die Agenda 2010 losbrachen und die Linkspartei ihren Aufstieg begann, erinnerte sich Distelmeyer in »Der sich dachte« noch einmal seines Linkswerdens. Danach löste man sich auf.

Und hinterließ eine Lücke. Die neuen sogenannten Deutschpoeten zwischen Clueso und Philipp Poisel sind zweifellos deutsch, aber wer sie mit Poeten wie Blumfeld vergleicht, sollte mit Germanistikstudium nicht unter zwölf Jahren bestraft werden. Der Gymnasiastenrocker Thees Uhlmann von Tomte war »als Kind schon scheiße«. Bosse sind die Helene Fischer des Gitarrenrockmiefs. Gisbert zu Knyphausen, Bernd Begemann und Niels Frevert spielen ohne intellektuellen Anspruch, aber dafür mit höchstem Selbstbewusstsein auf - und einem Horizont, der am eigenen Bauchnabel endet. Sie wird Distelmeyer antizipiert haben, als er sang: »Eine eigene Geschichte aus reiner Gegenwart sammelt und stapelt sich von selbst herum um mich, während ich durch die Gegend fahr’.«

Freilich, das Feuilleton jubiliert angesichts all des in billiger Ironie vorgetragenen Selbstmitleids: Lebensnahe Geschichten aus dem Alltag. Aber - so müsste man mit Blumfeld doch fragen: »Ist das alles, was das Leben fragt? Kommst Du mit in den Alltag?!« Hiergegen waren ja Nena, Grönemeyer und Westernhagen noch ein Feuerwerk der Gesellschaftskritik und des intellektuellen Anspruchs!

Schlimmer noch: Auch die, die sich noch politisch wähnen, wie z.B. Kettcars Marcus Wiebusch, tragen in Liedern wie »Der Tag wird kommen« im Duktus der Rebellion piefigsten kulturellen Linksliberalismus vor, der schon längst hegemonial geworden ist, haben aber sonst offenbar nichts Besseres zu tun als die sozialen Bewegungen im Oberlehrertonfall mit »Es gibt kein Außen mehr« zu demobilisieren. Kein Wunder, dass man den moralinsauren Mittelklässler in der Zeitschrift »Spex« nicht leiden kann und die Zukunft der Innovation und Subversion eher im proletarischen Austeritätselektrohass von Sleaford Mods sieht - oder im politischen Rap, dem zeitgenössischen Arbeiterlied jenseits der Elite-Popakademien der Kulturindustrie also.

Aber auch da, wo die politische Haltung vorhanden ist, sind die Mängel unübersehbar. Denn Haltung allein ist nicht alles. Kunst lebt dazu von Ästhetik und analytischer Tiefenschärfe. Nach dem Franz-Josef-Degenhardt-Gedenkkonzert brachte der »Tagesspiegel« dies in Bezug auf die »Kleingeldprinzessin« Dota Kehr auf den Begriff: Gegen die sezierende Schärfe der »marxistisch fundierten Gesellschaftskritik« eines Degenhardt sei mit Zeilen wie »viel zu viel Ärger und viel zu wenig Wut« und »Geld ist Tyrannei« »natürlich nicht anzukommen«. Ähnlich hätte man sich Turbostaat, Götz Widmann oder die - trotz alledem sympathischen - Kraftklub herauspicken können. Beim Blumfeld-Reunionkonzert merkte man noch einmal, wie sehr die Stimme dieser Band - mit ihrer Haltung, ihrer Intelligenz und ihrer ästhetischen Kraft - all die Jahre in der Brachlandschaft fehlte, die sich deutschsprachige Popmusik schimpft.

Nach Blumfelds Auflösung lag die Vermutung nahe, dass Distelmeyers Suchbewegung nach neuem ästhetischen Ausdruck den Degenhardt-Weg gehen würde: Von der Lyrik zur Epik. Anstelle des Distelmeyer-Debütromans erschien dann aber sein Soloalbum mit der zentralen Frage »Wohin mit dem Hass, den ich in mir spür’?« Noch immer hatte Distelmeyer seinen Frieden mit den Verhältnissen nicht gemacht und noch immer blieb er beim ästhetischen Ausdruck Liedgedicht. Und im Gegensatz zur österreichischen Band Ja, Panik, die 2011 mit einer Platte namens »Die Manifestation des Kapitalismus in unseren Leben ist die Traurigkeit« auf den Plan trat, hielt er es mit Bertolt Brechts Me-ti und wandelte sein melancholisches Mitleid sogleich in Zorn und damit Handlungsfähigkeit um.

Aber auch, weil es danach ruhig um Distelmeyer wurde, klaffte eben eine Lücke, die ästhetisch wie politisch von den Goldenen Zitronen, dem Liedermacher Kai Degenhardt, den zu alter Form zurückgekehrten Fehlfarben, dem Prekariatssoundtrack Die Türen oder der neuen Hoffnung Trümmer kaum zu füllen gewesen ist. Tom Morello von der kommunistischen US-amerikanischen Rapcore-Band Rage Against the Machine (RATM) sagte einmal schelmisch: »Ist es ein Zufall, dass RATM sich 2000 auflösten und dann die Bush-Administration an die Macht kam?« Die Frage ist müßig und doch zu stellen: Gäbe es den deutschen Krisenkorporatismus und Muttis »mitfühlenden Konservatismus«, wenn Blumfeld noch da wären? Sicherlich. Aber er wäre besser zu ertragen. Und zu bekämpfen.

Sind Blumfeld nach ihrem Reunionkonzert wieder auf den Geschmack gekommen? Gibt es eine Zukunft für diese Band? Am Ende des Konzerts, schien es, fühlte sich Distelmeyer richtiggehend wohl in seiner Haut. Es gab drei Zugaben. Fast meinte man, er würde sich - zögernd im grellen Licht in die Menge blickend - verabschieden: »Bis zum nächsten Mal«. Er sagte aber nur: »Wir haben uns gut unterhalten, oder?« Zweifellos. Aber das reicht nicht.

Ingar Solty, Jahrgang 1979, ist Mitarbeiter des Forschungsprojekts »The Question of Europe in an Era of Economic and Political Crises« an der York University in Toronto und Redakteur der Zeitschrift »Das Argument«. Er lebt gegenwärtig in Berlin.

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