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Paradies Plattenbau-Siedlung

Frankreich kündigt mehr Geld für Sozialwohnungen an

  • Von Robert Schmidt, Lyon
  • Lesedauer: 3 Min.
Über eine Milliarde Euro will Frankreich bis 2017 zusätzlich in soziales Wohnen investieren. Beim Kongress der Plattenbaubranche zeigte sich einmal mehr, wie wichtig den Franzosen das Thema ist.

Einige Journalisten mussten nach der Pressekonferenz noch einmal nachfragen, ob sie das richtig verstanden hatten. Sie hatten sich nicht verhört: Frankreichs Wohnungsministerin Sylvia Pinel hatte verkündet, dass ihre Regierung insgesamt mehr als eine Milliarde Euro zusätzlich für soziales Wohnen bereitstellen will.

Auf dem dreitägigen Jahreskongress der Union für soziales Wohnen (USH) in Lyon, an dem mehrere Tausend Experten teilnahmen, erklärte die Ministerin, dass in den kommenden drei Jahren 750 Millionen Euro extra in die Renovierung von Sozialwohnungen fließen sollen. Mit 300 weiteren Millionen sollen im selben Zeitraum jedes Jahr 5000 neue Sozialappartements entstehen. Dabei kommen in Frankreich bereits gut 70 Sozialwohnungen auf 1000 Einwohner - mehr als doppelt so viele wie in Deutschland. »Soziales Wohnen ist ein wichtiges Thema in unserem Land«, unterstrich die Ministerin bei der Vorstellung ihrer »Plattenbau-Initiative«.

Auch auf der anschließenden Messe war augenscheinlich, wie vielfältig die Aktivitäten rund um den Bau und den Betrieb von Plattenbauten im westlichen Nachbarland sind. In einem »Dorf der sozialen und solidarischen Innovation« präsentierten sich zahlreiche Akteure aus Rhône-Alpes, der Region um die Gastgeberstadt Lyon. So wurde im Lyoner Stadtteil Confluence am Mittwoch ein »Zwischenlandung« getauftes Wohnprojekt eingeweiht. In dem zehn Millionen Euro teuren Komplex gibt es ebenso viele Sozialwohnungen wie »normale« Appartements. Das Besondere: Die geringeren Einnahmen beim Verkauf an Vermieter von Sozialwohnungen wurden nicht wie üblich zu Lasten der Vermieter der restlichen Wohnungen erzielt, sondern bei der Planung und Umsetzung berücksichtigt. Koordiniert wurde das Projekt von der Genossenschaft Rhône-Saone Habitat. »Wir sind unabhängig und frei, neue Konzepte zu entwickeln«, unterstreicht deren Geschäftsführer Benoît Tracol gegenüber »nd«.

Das Beispiel Rhône-Alpes zeigt aber auch, dass Frankreichs Plattenbau-Siedlungen teils an die DDR erinnern. So beschäftigt der regionale Verband der Sozialwohnungen (ARRA) sogenannte chargé de secteurs, was sich gut und gerne mit »Abschnittsbevollmächtigte« übersetzen lässt. Während der ABV in der DDR aber Ansprechpartner der Bewohner für Polizeiangelegenheiten war, ist die französische Variante die Schnittstelle zu Hausmeistern und Putzkräften eines Wohnbezirks.

Wohngenossenschaften in Deutschland können kaum mit den französischen mithalten: In und um Lyon gibt es heute für Sozialwohnkomplexe zuständige, geringfügig beschäftige Hausmeister, Sozialassistenten, Haustechniker und Ansprechpartner für Mietfragen. Laut der USH haben in diesem Sektor gut 80 000 Franzosen ein Auskommen.

Die andere Seite der Medaille symbolisierten Champagner und Buffets auf der Branchenmesse. So bot ein französischer Unternehmer bei Lachshäppchen und Edelrotwein eine Videotelefonieanlage für Sozialwohnkomplexe an. Mit den Anlagen wolle man die Sicherheit in den Wohnanlagen erhöhen, versicherte der Firmenchef. Möglich ist aber auch, dass er die Großzügigkeit der französischen Politik missbraucht.

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