Wie Jule Vernes Reise um die Erde in 80 Tagen

Katrin und Hans Hiller von Gaertringen erkundeten die gesamte Berliner Museumsgeschichte

  • Von Marion Pietrzok
  • Lesedauer: 4 Min.

Nicht vollständig? Sollte tatsächlich ein Museum übersehen worden sein in dieser Darstellung der Berliner Museumsentwicklung von 1550 an bis heute? 227 Häuser haben Katrin und Hans Georg von Gaertringen in ihrer Geschichte der Berliner Museen aufgeführt: beginnend mit der Berlin-Brandenburgischen Kunst- und Naturalienkammer im Berliner Stadtschloss (gänzlich und offiziell aufgelöst wurde sie 1875) und von der Gründung des Alten Museums am Lustgarten 1830 als erstem Museum im modernen Sinne an, nämlich eigenständig und für jedermann zugänglich, bis hin zur Gegenwart, u.a. mit der Wiederkehr eines historischen Museumstyps: der öffentlichen Privatsammlung. Der letzte Eintrag gilt dem seit 2013 bestehenden Trabi-Museum in Berlin-Kreuzberg. Bescheiden räumen die Autoren die Möglichkeit ein, angesichts der Materialfülle Lücken gelassen zu haben. Die zu schließen, wenn es sie denn geben sollte, dürfte schwer sein.

Denn nicht, dass es bisher an Einzeluntersuchungen zu den Berliner Museen gefehlt hätte - das Verzeichnis der verwendeten Literatur ist beeindruckend. Aber eine historische Gesamtschau gab es bislang nicht. Es ist ein Novum, umso erstaunlicher, da die Berliner Museumslandschaft ein Pfund ist, mit dem die Hauptstadt wuchert. Es ist ein umfassendes Überblickswerk, auch manches vergessene Museum wurde von den Autoren neu entdeckt. Sein Vorzug gegenüber Reiseführern und anderen einschlägigen Materialien: Jede der Institutionen ist in den Kontext der gesellschaftlichen Bedingungen für Eröffnung oder Schließung der Sammlungs- und Ausstellungsstätten gebracht. Politische Hintergründe und Zwecksetzungen werden beschrieben. Überdies behält es die jeweilige Museumsarchitektur im Blick. Selbst solche scheinbar nebensächlichen, bei genauer Betrachtung sich jedoch als aussagekräftig erweisenden Details wie die Öffnungszeiten sind angegeben.

Die beiden Kunsthistoriker haben gründlich recherchiert, große wie kleine Museen aufgenommen und, wie gesagt, auch nicht mehr existierende. Doch man muss sich von der schieren Masse nicht erschlagen lassen. Es ist übersichtlich gegliedert: chronologisch sowie zusätzlich räumlich und thematisch. Also nach acht Hauptkapiteln geordnet - Preußen, Kaiserreich, Weimarer Republik, Drittes Reich, Nachkriegszeit mit der Trennung in Ost und West, Gegenwart seit 1989 und Stadtteilmuseen von 1897 bis 1991. Innerhalb dieser zeitlichen Ordnung sind auch Abschnitte der Darstellung nach Standorten und thematischen Einheiten strukturgebend, so zum Beispiel der Streifzug über die Museumsinsel oder durch das Kulturforum.

Das Buch ist auch ein Kunstführer, wenngleich ein etwas affirmativer, sobald es um die Kunst der jüngsten öffentlichen Privatsammlungen geht. Aber es hat durchaus den Wert eines Nachschlagewerkes. Und zwar eines unterhaltsamen und, wo geboten, kritischen. Beispiel: Das Museum für Meereskunde, das heute wohl niemand mehr kennt, 1906 gegründet (bis etwa 1940) und das damals eines der größten Museen der Stadt war, ergänzte die Sammlungen des Museums für Naturkunde, des Verkehrs- und Baumuseums, so die Autoren. Wie sehr es Wilhelm II. für die Akzeptanzbildung seiner Kolonialpolitik und der Aufrüstung der Kriegsmarine willkommen war, wird anschaulich geschildert. Man erfährt, dass zahlreiche ehemalige Ausstellungsstücke heute zur Sammlung des Deutschen Technikmuseums gehören bzw. sich im Militärhistorischen Museum in Dresden befinden. (Nebenbei: In der Nachauflage des Buches möge bitte das Wort Galionsfigur mit nur einem »l« geschrieben werden.)

Faktisches verbindet sich gut mit Anekdotischem: In dem Kurzartikel über das Kriminalmuseum (1890-1945) im Polizeipräsidium am Alexanderplatz findet man zum Beispiel sogar erwähnt, dass Charlie Chaplin es besuchte und dass er, nach all den Schrecklichkeiten, die er auf Fotografien gesehen hatte, gestand: »Ich war dankbar, als ich das Gebäude verlassen konnte.«

Das schwergewichtige, fast 500 Seiten dicke Buch sollte man sich nicht (!) ins Regal stellen. Auf bestem weißem Papier gedruckt, mit teils historischen informativen Fotos bestückt, aber auch mit den vielen, speziell für diese Publikation geschaffenen Aufnahmen von Anja Bleyl, die zusätzlich zum veranschaulichenden einen ästhetischen Anspruch haben, legt man den »Wälzer« gar nicht aus der Hand, so spannend sind die einzelnen Beiträge geschrieben, so voller Entdeckungen ist die Lektüre, selbst für jemanden, der im Metier - Berliner Museen - schon lange zu Hause ist.

Dass die Titel-Buchstaben auf dem hellgrauen Pappeinband verführerisch metallisch schimmern und glänzen, hat wohl seine Berechtigung: Was vom Thema her von manchem vielleicht für trockenes Grau gehalten wird, ist hier glänzend ausgebreitetes Lebendiges in allen Regenbogenfarben. So, wie man mit Jules Vernes in 80 Tagen um die Erde reisen kann, erobert man sich die alte und die neue Berliner Museumslandschaft per Geschichtelesen in 227 Häusern.

Katrin Hiller von Gaertringen, Hans Georg Hiller von Gaertringen: Eine Geschichte der Berliner Museen in 227 Häusern. Mit Fotografien von Anja Bleyl. Deutscher Kunstverlag. 472 Seiten, 203 farbige sowie 72 schwarz-weiße Abbildungen, gebunden, 39,90 €.

nd Journalismus von links lebt vom Engagement seiner Leser*innen

Wir haben uns angesichts der Erfahrungen der Corona-Pandemie entschieden, unseren Journalismus auf unserer Webseite dauerhaft frei zugänglich und damit für jede*n Interessierte*n verfügbar zu machen.

Wie bei unseren Print- und epaper-Ausgaben steckt in jedem veröffentlichten Artikel unsere Arbeit als Autor*in, Redakteur*in, Techniker*in oder Verlagsmitarbeiter*in. Sie macht diesen Journalismus erst möglich.

Jetzt mit wenigen Klicks freiwillig unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung