Teure Freude für 60 000 Angestellte

Für VW ist Fußball das Kerngebiet im Sponsoring, nicht nur beim werkseigenen VfL Wolfsburg

  • Frank Hellmann
  • Lesedauer: 4 Min.
Volkswagen baut nicht nur Autos, sondern auch an erfolgreichem Spitzenfußball. Das führt zu teuren Transfers. Die Rechtfertigungen für Millioneninvestitionen in Wolfsburg gefallen nicht jedem.

Düsseldorf. Dass es auf der Hauptbühne des Congress Center Düsseldorf nicht zum Geheimnisverrat kommen würde, war vorher zu erwarten. Zahlen, berichtete Stephan Grühsem, die rote Krawatte locker fallend, die Beine lässig übergeschlagen, vergesse er immer, wenn er solche Säle betritt. Und doch war der Generalbevollmächtigte für Kommunikation, Außenbeziehungen und Investor Relations der Volkswagen AG gekommen, um vor großer Zuhörerschaft auf der Sportbusinessmesse »Spobis« mal einiges geradezurücken. Warum war der Autobauer so versessen darauf, André Schürrle mit einem 60-Millionen-Paket zum VfL Wolfsburg zu locken? »Unser Anspruch ist attraktiver, internationaler Spitzenfußball. Und das ist im Jahre 2015 sehr kostenintensiv.« Der stellvertretende VfL-Aufsichtsratsvorsitzende rechtfertigte sich am vergangenen Montag unter anderem damit, »dass wir 60 000 in der Autostadt arbeitenden Menschen am Wochenende eine Freude machen wollen.« Überdies gelte es hohe Ziele zu verfolgen: »Wir wollen den zweiten Platz absichern. Es ist ganz wichtig für die Weiterentwicklung, dass wir in der Champions League spielen.«

Es war das erste Mal, dass einer der strategischen Entscheider sich öffentlich nach dem kritisch beäugten Transfer des Weltmeisters so ausführlich positionierte. Der langjährige Handelsblatt-Redakteur legitimierte die Ambitionen übrigens auch damit, »dass wir älter als der 1. FC Köln sind.« Thesen, über die Heribert Bruchhagen nur lächeln konnte, der sich an der Seite von DFL-Geschäftsführer Andreas Rettig Vorträge zum Thema »Investoren im Fußball« angehört hatte. Der 66-jährige Vorstandschef von Eintracht Frankfurt verwies darauf, dass gerade erst in der Vorwoche keine 200 zahlenden Anhänger den VfL nach Frankfurt begleitet hätten. Dieser Auswärtsbesuch an einem Dienstagabend »war der schwächste seit dem Umbau der Arena vor zehn Jahren.« Und auch dies merkte er zur Stärke der Werksvereine an. »Als ich noch beim DJK Gütersloh Fußball gespielt habe, haben wir sowohl gegen Bayer Leverkusen als auch den VfL Wolfsburg gewonnen.«

Für Bruchhagen bleiben die hundertprozentigen Konzern-Töchter in der Bundesliga »Verdränger«. Während die Eintracht sich 2008 immens gestreckt habe, »um ein Invest von sechs Millionen Euro mit 3,6 Millionen Ablöse, 40 000 Monatsgehalt für den Brasilianer Caio aufzubringen«, könnte Wolfsburg heutzutage einfach das Sechsfache ausgeben. Branchenkenner gehen davon aus, dass das gesamte VW-Engagement für die VfL Wolfsburg Fußball GmbH bei mittlerweile 70 Millionen Euro liegt; allein der Personalkostenetat für den Bundesligakader soll bereits 80 Millionen weit übersteigen.

Grühsem verkündete derweil, er könne all die Anfeindungen nicht mehr hören, »da ist einiges aus dem Lot geraten.« Die Debatte zwischen Traditions- und Werksklub träfe nicht den Kern, denn: »Der Fußball lebt von Spitzenleistung. Der Fußball braucht Investments.« Man solle hierzulande doch froh sein, dass die Bundesliga boome. Deutschlands größtes Unternehmen mit 200 Milliarden Jahresumsatz hat für sein Sponsoring den Fußball als Kerngebiet ausgemacht, und das wird ungeachtet aller Sparprogramme auch so bleiben. Mit den Tochtermarken werden ja Zweitligisten wie Eintracht Braunschweig (Seat) oder FC Ingolstadt (Audi) unterstützt, als Sponsor ist VW beispielsweise beim FC Schalke 04 oder Werder Bremen längerfristig engagiert. Grühsem stellte aber klar, es sei nicht daran gedacht, beispielsweise Anteile beim SV Werder zu erwerben. Der 52-Jährige verriet nebenbei, dass es bei Schürrle unlängst auch »nationale Mitbewerber« gegeben habe. »Und bei einem internationalen Spitzenfußballer, Anfang 20, Nationalspieler sprechen wir über Ablösesummen, die bei 18, 20 Millionen anfangen.«

Keine Angst hat der VW-Manager, einer der engsten Vertrauten von Vorstandsboss Martin Winterkorn, dass das Financial Fairplay solchen Zukäufen in Zukunft einen Riegel vorschiebt. Derzeit befindet sich die Uefa-Kontrollkammer im Austausch mit den VfL-Verantwortlichen - Grühsem sprach von »routinemäßiger Beobachtung.« Und: »Wir werden gefragt, wir liefern Antworten. Wir sind der Meinung, dass wir in keinerlei Konflikte geraten dürften.« Die Fußball-GmbH veröffentlicht ihre Geschäftszahlen nicht, muss aber als Europa-League-Teilnehmer gegenüber der Uefa alles offenlegen. Die Kardinalfrage lautet: Ist der deklarierte Werbeaufwand wirklich angemessen? Und fließt die besondere Verquickung zwischen Konzern, Stadt und Klub in die Betrachtung als Wert ein?

Dass Bayer Leverkusen - wo der VfL Wolfsburg am Samstag antritt - ungleich transparenter mit der Subvention umgeht, die sich auf 25 Millionen Euro pro Jahr beläuft, wird von VW-Vertretern mit einem Stirnrunzeln gesehen. Erst seit die Champions-League-Einnahmen wieder sprudeln, werde dies unter dem Bayer-Kreuz so gehalten. Die Strategie: Auch der VfL soll sich dauerhaft an diesen Fleischtöpfen laben, dann kann die Mutterfirma vielleicht die Zuwendungen zurückfahren. Und laut Grühsem sei der zweitgrößte Autobauer der Welt ja kein anonymer Geldgeber, sondern an Nachhaltigkeit interessiert und deshalb auch »groß im Nachwuchsbereich« unterwegs. Bruchhagen kann das nur bestätigen: Gerade hat der VfL der Eintracht die U 16- Zwillinge Gian-Luca und Davide Itter abgeworben. Inklusive aller Vereinbarungen gehe es angeblich um eine sechsstellige Summe.

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