DDR-Revue mit dunklen Flecken

»Der Turm« nach Uwe Tellkamps Roman am Staatstheater Schwerin

Der Roman von Uwe Tellkamp ist eine Art Hamlet-Geschichte. Junger Intellektueller, Sohn eines Dresdner Arztes, Angehöriger zwar nicht der offiziell herrschenden Arbeiterklasse, aber doch des tonangebenden Milieus, auf einer tausendseitigen Reise durch die 80er Jahre der DDR zu sich selbst. Der Untergang des Staates ist so etwas wie die Ziellinie. Was liegt dahinter? Viel Neues und Altbekanntes, aber das ist nicht mehr das Thema von »Der Turm«.

Die Romanfigur Richard Hoffmann ist so etwas wie das Alter Ego Uwe Tellkamps, ein Generationen-Ich. Abiturient und gut behüteter Sohn eines nicht ganz ehrlichen Vaters, der sich eingerichtet hat und dabei Kompromisse machte. Nötige oder unnötige? Was bleibt davon in der Erinnerung des Sohns? Das Wissen um sein Herkommen, die Widersprüche, die darin liegen, nachwachsender Spross der Elite einer Gesellschaft von Untergehern zu sein, die wie selbstverständlich davon ausgeht, dass auch Richard zu ihr gehört, irgendwie jedenfalls, mitsamt den stillschweigend akzeptierten Zynismen, die vor Verletzungen schützen sollen. Aber Richard pendelt zwischen Idealismus und Ideologie, Karriere und Verweigerung, Treue und Verrat - und muss nebenbei noch all das erfahren, was jeder an der Schwelle zum Erwachsenwerden erfährt.

Bei Goethe gibt es die »Turm-Gesellschaft« im »Wilhelm Meister«, eine Gesellschaft höchst merkwürdiger Individuen, eine Art Künstler- und Gelehrtenrepublik, ein Traumstück vom besseren Selbst, das Raum für Albträume bietet. Als eine solche Art Insel, die den Schiffbrüchigen rettet und isoliert zugleich, wird uns am Staatstheater Schwerin das Personal des Turms präsentiert. Richard beim 50. Geburtstag seines Chirurgen-Vaters mit Cellokasten auf dem Rücken und Fliege um den Hals. Das ist das bürgerliche Ferment des Herkommens, auf dem Tellkamp in seinem Buch bestand, der Einblick in ein Milieu, das so gar nicht ins West-Klischee vom proletkultigen Ostler passte.

Auf dem Weißen Hirsch wohnten und wohnen nun mal jene, die sich an die Spitze der Gesellschaftspyramide setzten oder gesetzt wurden, vom früheren Stalingrad-General und Paten der NVA Paulus bis Manfred von Ardenne, dem Baron im Dienste der DDR-Forschung.

Nun haben Bücher, die den Nerv der Zeit treffen (und das tat »Der Turm« 2008 zweifellos) wie alles, was eine Wirkung ausstrahlt, auch eine Halbwertzeit, danach ist dann das Spektakuläre weg. Die Nachverwertung beginnt mit Verfilmung und Theateradaption. Von »Der Turm« hat John von Düffel die Bühnenfassung produziert. Düffel adaptiert alles, von der antiken Tragödie bis zum noch ungeschriebenen Roman, es passt immer auf jede Bühne und ist garantiert erfolgreich. Ein Markenartikel, mit vielen DDR-Kalauern und Witzen. Das ist mitunter tatsächlich witzig, etwa wenn im Staatsbürgerkundeunterricht die Frage exekutiert wird, warum der Sozialismus gesetzmäßig siegen muss. Weil schon Goethe lieber in Weimar wohnte als in Frankfurt am Main? Das, was als Kabarett noch durchginge, ist als Theater allerdings ohne eigenes Gewicht.

So ist »Der Turm« neben dem Wie-kommt-auch-mein-Kind-aufs-Gymnasium-Dauerbrenner »Frau Müller muss weg« zur Säule des deutschen Stadttheaters geworden. Von Dresden über Potsdam bis Greifswald muss man danach suchen, wo er noch nicht gespielt wurde. Nun ist das Staatstheater Schwerin dran, aber das hat eine Entschuldigung: Im Frühjahr stehen noch zwei schwierige Premieren an, Heiner Müllers »Germania. Tod in Berlin« und Ibsens »Volksfeind«. Keine Publikumsfeste, sondern das, wofür das Theater in diesem Land seine Subventionen bekommt: Bildungsarbeit am freiliegenden Nerv der Gesellschaft. Da soll »Der Turm« vorher wohl noch für gute Stimmung und viele Zuschauer sorgen - so jedenfalls wirkt diese Inszenierung von Peter Dehler vom ersten bis zum letzten Moment: reichlich folkloristisch abgezweckt. Eine DDR-Revue mit dunklen Gedenkflecken.

Richard ist ein Simplicissimus im Land der Intrigen und Ausverkäufer einer Idee: Jochen Fahr macht seine Sache recht passabel, wenn er auch gelegentlich wie ein hyperaktives Kaninchen wirkt, besonders in den hier zelebrierten NVA-Szenen (die wie aus Leander Haußmanns Film adaptiert scheinen), wo er unterm Stahlhelm wie befohlen »ausdruckslos aber angespannt« zu gucken probiert. Nicht nur für die Tellkamp-Generation der 80er Jahre war die NVA der große Kulturschock. Dieser Hort der Perversionen aller Art sollte eine sozialistische Armee sein? Ich erinnere mich, dass ich vor der Armee von der Antwort einer Schulfreundin entsetzt war, als der Abiturient und Agitator der FDJ-Gruppe sie belehrte: »Ein schlecht gemachter Sozialismus ist immer noch besser als ein gut gemachter Kapitalismus.« Und sie einfach erwiderte, das glaube sie nicht. Nach der Armee hätte ich so etwas gefährlich Blauäugiges nicht mehr gesagt: das ist die heilsame Macht bitterer Erfahrung. Jedoch ruft dieser Abend hier in Schwerin nicht das unerträgliche Zugleich widerstreitender Erinnerungen auf. Es bleibt ein gefällig bunter, effektsicherer Bilderbogen, der den Zuschauern nie weh tut, sie im Gegenteil bestens unterhält - fast schon im Stile einer Revue. Denn schließlich ist das alles ja schon so lange her. »Dieser Kant mit seiner scheißverlogenen ›Aula‹!« schreit Richard einmal: Nun ja, heute scheint er zusammen mit Tellkamp im gleichen Schubfach abgelegt, beschriftet mit: Das unglückliche Bewusstsein der Deutschen in wechselnden Zeiten und Gesellschaften.

Es war übrigens der frühere Schweriner Intendant Christoph Schroth, der in den sechziger Jahren als Regieassistent in Halle erlebte, wie die »Aula« (mit Kurt Böwe) dort in einer Bühnenadaption zum Publikumsrenner wurde. Das fand er sehr unangenehm, hier sei das »DDR-Selbstbestätigungstheater« erfunden worden. Tellkamp/Düffels »Turm« scheint mir inzwischen in die Kategorie »bundesdeutsches Selbstbestätigungstheater« zu gehören. Gestern war es schlimm, mit dem Gestern ist zum Glück auch das Schlimme verschwunden. Aber wo ist es hin?

Man spielt das Spiel »Böse Repräsentanten gegen gute Dissidenten« zumeist auf einer antikisierten Treppe (Bühne und Kostüm: Susanne Richter) oder marschiert und robbt NVA-mäßig durch den Sumpf davor. Gleich zu Beginn ist hier bereits der Grundton vorgegeben, als sich Beethoven-Schillers »Freude schöner Götterfunken« mit »Spaniens Himmel« ständig gegenseitig musikalisch ins Wort fällt - und am Ende noch mal, als alle mit Kerzen (Ikone des 89er Herbstes) an der Rampe stehen und mit befreitem Lächeln flüstern: »Wahnsinn!« Habe ich da die Ironie überhört oder war das ernst gemeint?

Gerade las ich einen interessanten Bekenntnis-Satz zu den Intellektuellen in der DDR: »Man kann nicht jahrelang in der Irre leben, um sich dann mit einem Kraftakt wieder ins rechte Gleis zu rücken. Nein, so einfach ist das nicht. Es muß einem schon durch und durch gehen und wehtun, und das alte Mobiliar muß gründlich in Trümmer geschlagen werden, wenn es geschehen soll, daß man doch noch von Grund auf umgekrempelt werden soll.« Das ist aber nicht von Tellkamp, sondern vom vielgescholtenen Dieter Noll, der 1979 mit »Kippenberg« den respektablen Roman eines Intellektuellen schrieb, den heute niemand mehr kennt.

Nächste Vorstellung: 29.3.

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