Annäherung an Geschichte

Vor 25 Jahren gründete sich die Historische Kommission der PDS

nd: Meines Wissens war die Historische Kommission der PDS vor 25 Jahren das erste fachliche Gremium der mit dem Sonderparteitag der SED/PDS im Dezember 1989 ins Leben gerufenen neuen Partei. Wer ist auf die Idee gekommen?
Hofmann: Die Auseinandersetzung mit Geschichte war ein wesentlicher Bestandteil der angestrebten Erneuerung der Partei. Delegierte aus Gera hatten auf dem außerordentlichen Parteitag vorgeschlagen, »zur Weiterführung der grundsätzlichen Klärung objektiver Bedingungen und subjektiver Einflüsse bei der Ausbreitung stalinistischer Praktiken in unserer Partei und Gesellschaft eine Geschichtskommission beim Präsidium des Parteivorstandes zu bilden«. Die Vorbereitung lag in der Hand von Klaus Höpcke, der die Kommission Kultur und Wissenschaftspolitik leitete. Auf einen Aufruf im »Neuen Deutschland« meldeten sich zahlreiche Historikerinnen und Historiker sowie historisch Interessierte. Aus diesem Personenkreis berief das Präsidium 28 Kommissionsmitglieder. Diese wählten die Geschichtslehrerin Christine Kindt und den Geschichtsprofessor Klaus Kinner an die Spitze der Kommission. Kurz darauf übernahm Helga Schultz die Funktion von Christine Kindt.

Die Kommission sollte, so ihr Anspruch beim Start, »eine vorurteilsfreie Aufarbeitung der widersprüchlichen Geschichte seit 1917 vornehmen«. Ist das gelungen?
Die Kommission versteht die »Aufarbeitung der widersprüchlichen Geschichte« als einen Diskussionsprozess. Schranken parteioffizieller Geschichtsbilder waren zu durchbrechen. Dazu unterbreitet die Kommission Diskussionsangebote. Zu einigen gab es bei Mitgliedern und Sympathisanten heftige und kontroverse Debatten. Insofern ist von dieser Zielstellung einiges erreicht. Ein Endpunkt ist aber noch nicht abzusehen und auch nicht wünschenswert. Wir brauchen die lebendige und auch streitbare Diskussion um unser Selbstverständnis.

Hört der Parteivorstand auf die Kommission? Werden deren Stellungnahmen von den führenden Genossen gelesen?
Diese Frage ist besser an den Parteivorstand zu stellen. Von einigen weiß ich aus Gesprächen und Reaktionen, dass sie die Stellungnahmen nutzen. Unsere Ausarbeitungen und Empfehlung sind aber an alle Leitungsebenen, Mandatsträger und die gesamte Mitgliedschaft adressiert. Die müssen selbst entscheiden, was ihnen für ihre politische Arbeit jeweils wichtig ist.

Wie erklären Sie es sich, dass der Linkspartei immer noch und immer wieder von anderen Parteien oder gesellschaftlichen Kräften vorgeworfen wird, sich ihrer Vergangenheit nicht zu stellen?
Ignoranz und gewollte Unkenntnis bieten den Vorteil, Vorwürfe und Vorurteile zu kultivieren. Das ist Kalkül der politischen Auseinandersetzung. Keine andere Partei mit DDR-Vergangenheit hat sich so intensiv und kritisch mit ihrer eigenen Geschichte auseinandergesetzt. Wer allerdings erwartet, dass die Linkspartei die Wertungen ihrer politischen Kontrahenten kritiklos übernimmt, muss enttäuscht werden.

Die Debatte über den Begriff »Unrechtsstaat« schlug im vergangen Jahr in Zusammenhang mit der Bildung der von Bodo Ramelow geführten Landesregierung in Thüringen erneut hohe Wellen. Die Historische Kommission hat sich da etwas zurückgehalten - aus politischer Rücksichtnahme?
Der Begriff »Unrechtsstaat« ist eine politisch stigmatisierende Bezeichnung. Die Historische Kommission hält ihn für den wissenschaftlichen Diskurs für ungeeignet. Unsere Bedenken haben wir in der erwähnten Debatte nochmals vorgetragen. Dies waren Argumente zur Diskussion. Die Kommission ist ein beratendes und kein beschließendes Organ, das darüber urteilt, was Landesverbände zu tun haben. Das würde auch dem Statut widersprechen. In Thüringen waren politische Entscheidungen zu treffen. Das haben die zuständigen Gremien in Thüringen getan.

Wie ist es um die Wirksamkeit der Kommission in der breiten Öffentlichkeit bestellt? Hat sie überhaupt eine Chance gegen offiziöse oder offizielle Geschichtsbilder, die über die Schulen, die Zentrale für Politische Bildung und die Medien verbreitet werden?
Breite Öffentlichkeit kann nur herstellen, wer Platz und Erwähnung in den Medien findet. Mitglieder der Kommission haben sich mit Publikationen zu Wort gemeldet. Erinnert sei hier z. B. an Wilfriede Otto, Helmut Bock, Günter Benser und Klaus Kinner. Für eine pluralistische und demokratische Gesellschaft ist es wichtig, dass auch Meinungen abseits vom Mainstream artikuliert und reflektiert werden. Wir wollen deshalb auch weiterhin Sichten auf Geschichte anbieten, die zu Fragen an offizielle Geschichtsbilder ermuntern.

Wie wichtig sind Ihnen Geschichtskapitel außerhalb der Arbeiterbewegung und der europäischen Geschichte?
Schwerpunkt bleibt die Arbeiterbewegung in ihrer Vielfalt. Doch auch andere Themen - wie z. B. der Erste und Zweite Weltkrieg oder die deutsche Zweistaatlichkeit - sind behandelt worden. Zum Putsch in Chile im September 1973 haben wir 2003 eine Erklärung abgegeben. Geschichte kann nicht von internationalen Zusammenhängen abstrahieren. Die Historische Kommission ist übrigens Mitglied der Internationalen Tagung der Historiker(innen) der Arbeiter und andere sozialer Bewegungen, die sich in den letzten Jahren verstärkt globalen Themen zuwendet.

Im Oktober 2007 hat sich die Historische Kommission in Leipzig de facto noch einmal gegründet. Warum war das nötig?
Die Historische Kommission ist ein berufenes Gremium. Deshalb musste die Verschmelzung von WASG und Linkspartei.PDS im Juni 2007 zur Partei DIE LINKE auch für sie Konsequenzen haben. Der neue Parteivorstand beschloss, die Arbeit der Kommission fortzusetzen und ihre Mitglieder neu zu berufen. Mehr Mitglieder aus dem Westen der Bundesrepublik konnten für die Mitarbeit gewonnen werden, was die Diskussion um andere Sichten und Erfahrungen bereichert. Die Kommission hat sich verjüngt. Übrigens hatte es schon einmal 2001 eine Neuberufung gegeben.

Gibt es Kontakte zur Historischen Kommission der SPD?
Ja, vor allem persönliche Kontakte und wissenschaftlichen Austausch zwischen einzelnen Mitgliedern beider Kommissionen. Es wären aber auch weitere Formen denkbar.

Kommentieren Sie bitte den Satz von Voltaire: »Geschichte ist die Lüge, auf die man sich geeinigt hat.«
Geschichtsbilder sind stets eine Annäherung an Geschichte, beeinflusst von persönlichen Erfahrungen, Weltanschauung und politischen Intentionen. Sie sind auch nicht frei von Selbsttäuschung und Verdrängungsritualen. Inwieweit sich Geschichtsbild und historische Wahrheit annähern können, hängt sehr von einer vorurteilsfreien Forschung und Diskussion ab sowie von der Bereitschaft der Gesellschaft, sich Einsichten zu stellen.

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