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Träumen von einem Wandel

Der Erfolg der Europäischen Makkabi-Spiele in Berlin soll nun nachhaltig genutzt werden

Am Dienstag gingen die 14. Europäischen Makkabi-Spiele in Berlin zu Ende. Es wurde gefeiert. Zurecht, findet auch Alon Meyer, Präsident von Makkabi Deutschland: »Es waren die schönsten Spiele.«

Das Anliegen und die Begeisterung der Organisatoren verdichteten sich am Montagabend in Charlottenburg. Die Sömmeringhalle im Westen Berlins war sehr gut gefüllt. Ehemalige Größen des Basketball-Bundesligisten Alba Berlin und des israelischen Serienmeisters Maccabi Tel Aviv trafen auf aktuelle Makkabi-Spieler. Mit dabei: Ikonen wie Ademola Okulaja, Pascal Roller, Eran Bergstein oder Doron Jamchi - der vielleicht wichtigste Spieler Israels. »Let’s Play Together« hieß das Motto in der Sömmeringhalle bei den ersten Europäischen Makkabi-Spielen in Berlin. An einem bunten, lauten, spaßigen Abend lernten sich Juden und Nicht-Juden besser kennen.

Fast 2300 Sportler aus 38 Ländern haben die größte jüdische Veranstaltung des Kontinents in den vergangenen neun Tagen zu »einem riesigen Erfolg« werden lassen, sagt Yaser Sisa, der Vizepräsident des türkischen Makkabiverbandes: »Unser Verband ist der einzige, der hier aus einem islamischen Land vertreten ist. Wir bewerben Makkabi in der Türkei nur in der jüdischen Gemeinde, wir können damit nicht groß an die Öffentlichkeit gehen. Deshalb ist es ein Vergnügen, diese offenen Spiele in Berlin zu erleben.«

Diese Worte sind für Alon Meyer, den Präsidenten von Makkabi Deutschland, wohl das größte Kompliment. Der Dachverband der 37 deutschen Ortsvereine möchte einen Wandel prägen: Vom in sich gekehrten Judentum zu einem offenen, verbindenden Judentum. So seien von den 15 Mitarbeitern im Organisationsbüro nur drei jüdischen Glaubens. Von den 300 freiwilligen Helfern während der Spiele haben fünfzig eine jüdische Herkunft. Besonders deutlich wurde die Öffnung am Freitagabend beim Kabbalat Schabbat, dem Beginn des jüdischen Ruhetages. Weit mehr als 2000 Menschen nahmen an der Feier im Hotel Estrel teil, wo fast alle Sportler und Betreuer untergebracht waren. Ein Rekord für das Guinness-Buch. »Orthodox, Liberal, Traditionell - alle Richtungen waren vertreten«, erzählt Meyer. »Viele Helfer brachten ihre Familien mit. So konnten wir durch Begegnungen mehr Verständnis für einander schaffen. Ich bin mir sicher, dass jüdisches Leben dadurch noch selbstverständlicher wird.«

Meyer macht sich keine Illusionen: Die meisten Wettbewerbe in den 19 Sportarten fanden unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt, begleitet von 600 Polizisten und Dutzenden privaten Sicherheitskräften. Auch in Berlin wurden Teilnehmer, die durch Davidstern oder Kippa als Juden erkennbar waren, antisemitisch beleidigt. Dennoch möchte der 41 Jahre alte Frankfurter ein positives Fazit ziehen: »Für mich waren es die schönsten Spiele. Wir hätten sie gern noch mehr für nichtjüdische Sportler geöffnet, aber das lassen die Regeln nicht zu.« Im Marathon und Triathlon waren auch Nicht-Juden dabei, ebenso im Basketball und Fußball.

Bei den vergangenen Europa-Spielen in Antwerpen, Rom und Wien waren zur Eröffnung meist nur die Sportler mit ihren Angehörigen vertreten. In Berlin feierten 10 000 Zuschauer den Startschuss in der Waldbühne, im Internet verfolgten weitere 40 000 die Übertragung. In Redebeiträgen, aber auch in Musik und Showeffekten spielte die Geschichte die zentrale Rolle: der 70. Jahrestag des Kriegsendes und der 50. Jahrestag der Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen Israel und Deutschland. Viele der jungen Athleten wurden unruhig während der politischen Grußworte, sie feierten in kleinen Gruppen ihre eigene, ausgelassene Party - ohne symbolische Aufladung.

Was bleibt von den Spielen, wenn die pathetischen Worte verklungen sind? Die jüdische Gemeinschaft in Deutschland gilt als die am schnellsten wachsende weltweit, auch wenn die Zuwanderung zurückgegangen hat. Etwa 200 000 Juden leben in Deutschland, die Hälfte ist in 108 jüdischen Gemeinden organisiert. Die großen Gemeinden in Berlin, Frankfurt am Main oder München arbeiten seit langem mit Sportvereinen und -verbänden zusammen. Bei den kleineren Gemeinden ist das nicht so, es fehlen finanzielle Mittel, Räume und Netzwerke. »Sport hilft uns, vor allem junge Menschen zu erreichen«, sagt Judith Neuwald-Tasbach, die Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde in Gelsenkirchen.

Gelsenkirchen hat 260 000 Einwohner. Die Jüdische Gemeinde zählt nur 400 Mitglieder, ihr Durchschnittsalter: 56 Jahre. Judith Neuwald-Tasbach hat viele Partner aus Politik und Kultur gewonnen. Sie organisiert Ausstellungen oder Tanzveranstaltungen, in ihrem Umfeld haben sich Theater- und Musikgruppen gebildet. Im Sport hat sie mit dem Fußball-Bundesligisten FC Schalke 04 viele Veranstaltungen auf den Weg gebracht, auch deshalb ist die Jüdische Gemeinde in der Stadtgesellschaft erstaunlich präsent. »Lange war unsere Gemeinde ganz ruhig«, erzählt Neuwald-Tasbach. »Nun sehen wir immer mehr, dass uns die Emotionalität des Sports bei der Kommunikation hilft.« Sie hofft, dass andere Gemeinden nun neugierig geworden sind und einen Schritt auf die Sportvereine zugehen. Und sie hofft auch, dass die Sportverbände genauso reagieren. Erst dann wären die Makkabi-Spiele nicht nur ein kurzfristiger, sondern auch ein nachhaltiger Erfolg.

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