Für Flüchtlinge wird das Zelt zum Winterquartier

Sinkende Temperaturen sorgen zunehmend für Probleme in improvisierten Unterkünften

Zelten bei Eis und Schnee: Weil es an Gebäuden fehlt, leben Flüchtlinge in großen Zelthallen. Diese sind häufig völlig überbeglegt. Als warme Herberge taugt das improvisierte Dach über dem Kopf nicht.

Freiburg/Ellwangen. Flip-Flops sind im Flüchtlingslager das gängige Schuhwerk, die Bewohner sind es gewohnt aus ihrer Heimat. Noch geht das, doch die Temperaturen sinken. Schuhe und Winterjacken liegen im Kleiderlager, bereit zur Abholung. Die Flüchtlinge, die den Weg nach Deutschland gefunden haben, müssen sich an die kalte Jahreszeit erst noch gewöhnen. Einige von ihnen haben kein festes Dach über dem Kopf. In Freiburg und anderen Städten sind im Flüchtlingslager große Zelte ihr Quartier, auch im Winter.

»Im Vergleich zu einem fest gebauten Haus ist ein Zelt im Winter natürlich die zweitbeste Wahl. Aber wir sind gerüstet«, sagt Karl Dorer. Der Verwaltungsbeamte leitet die Landeserstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge in Freiburg. Es ist die größte Zeltstadt für Flüchtlinge im deutschen Südwesten. Auf einem Sportplatz hat das Land drei große Zelthallen gebaut. In Zeiten der Flüchtlingskrise war auf die Schnelle kein Gebäude zu finden. Die großen Hallen mit Zeltplanen als Dach kommen sonst beim Messebau zum Einsatz.

Ausgelegt sind sie für insgesamt bis zu 500 Flüchtlinge. Nun sind 920 Flüchtlinge da, 14 unterschiedliche Nationalitäten leben hier. Die großen Zelthallen werden auch im Winter ihre Unterkunft sein.

Für die kalte Jahreszeit sind sie nachgerüstet worden. Die Zelte, sagt Dorer, seien jetzt winterfest, die Zeltdächer hielten auch bei größeren Schneemengen. Denn die Winter im Schwarzwald können hart werden. Vier überdimensionale Ölheizungen pro Zelt wurden installiert. Sie blasen warme Luft ins Innere. »20 bis 22 Grad Hallentemperatur werden immer gewährleistet, auch bei Außentemperaturen im Minusbereich.« Ökologisch sei die Art, zu heizen, nicht. Aber darum gehe es nicht in dieser Notsituation.

Das Kleiderlager in der Zeltstadt ist gut gefüllt. »Wir haben mehr, als wir brauchen. Die Spendenbereitschaft der Bevölkerung ist enorm«, sagt die stellvertretende Leiterin der Einrichtung, Anna Khalil. Dicke Oberbekleidung und Herrenschuhe seien derzeit besonders gefragt. Doch Wärme alleine ist kein Kriterium. Es werde von den Bewohnern auch einiges abgelehnt oder später weggeworfen, weil es nicht modisch genug oder keine angesehene Marke sei, berichten die Mitarbeiter. »Es gibt Ansprüche, die mitunter groß sind«, sagt Khalil. Auch das gehöre zum Alltag in der Flüchtlingshilfe.

Noch halten sich die Flüchtlinge oft im Freien auf. »Wir fühlen uns wohl«, sagt ein junger Mann aus Syrien, der hier lebt. Doch wenn der Winter kommt, kann es ungemütlich werden. Die Container, in denen sich Toiletten, Duschen und Waschräume befinden, stehen im Freien. Und viele Flüchtlinge kommen aus Ländern, in denen es weiße oder kalte Winter nicht gibt. »Für Flüchtlinge aus Afrika zum Beispiel wird es eine neue Erfahrung werden«, sagt Dorer. Menschen aus Afghanistan oder Syrien wissen, was Winter bedeuten kann.

Ob der Flüchtlingsstrom im Winter abebben wird, sei fraglich, sagt Dorer. Neben den Zelten werden in Freiburg jetzt Container gebaut für Aufenthalts- und Gruppenräume. Damit niemand im Freien bleiben muss.

In der Erstaufnahmeeinrichtung in Ellwangen (Ostalbkreis) wurden zwischen den Gebäuden der alten Kaserne kleine Zeltstädte errichtet. Ursprünglich sollten 500 bis maximal 1000 Menschen in der ehemaligen Kaserne unterkommen, mittlerweile leben hier 3600 Flüchtlinge. »Wir haben eine siebenfache Überbelegung«, sagt der Leiter Berthold Weiß. Nach und nach wurden daher mehr als 30 beheizte, weiße Wohnzelte mit einer Plane als Boden aufgestellt. In die kleinen Zelte passen 12 Mann, in die großen 60. Stockbetten reihen sich dort eng an eng. Es ist stickig, ein Gebläse füllt die Räume mit trockener, heißer Luft. Die Flüchtlinge hängen ihre Betten mit Decken und Laken ab, um sich einen kleinen Rest Privatsphäre zu sichern.

»Wenn die Flüchtlingsströme zurückgegangen wären, hätten wir die Zelte leicht wieder abbauen können«, begründet Weiß die Entscheidung. Doch es kam anders, die Flüchtlinge kommen weiter. Für den Winter will der Leiter der Einrichtung aber auf die Zelte verzichten und dafür weitere Gebäude der Kaserne belegen. »Trotz Beheizung und allem drum und dran ist uns lieber, wenn die Flüchtlinge unter einem ordentlichen Dach in einem richtigen Gebäude untergebracht sind.« dpa/nd

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