Süchtig nach Pornos

In Selbsthilfegruppen wagen Männer den Schritt weg von digitaler Lust.

  • Von Alexander Isele
  • Lesedauer: 8 Min.

Drei Sekunden hat K. Zeit, wieder wegzuschauen, sollte er irgendwo ein Bild oder Film mit nackter Haut entdecken. Drei Sekunden sind ok, länger nicht. K. ist in einer Selbsthilfegruppe für Sex- und Pornosüchtige. Für sich selbst hat er definiert, dass das Betrachten von nackten Menschen für länger als drei Sekunden Konsum von Pornografie bedeutet. Ganz schön schwierig, wo Nacktheit doch allgegenwärtig in unserer Kultur ist, sie genutzt wird, um Waren anzupreisen und zu verkaufen.

Zu Hause am PC, unterwegs mit dem Tablet oder dem Smartphone sind Bilder und Filme von sexuellen Handlungen nur ein paar Klicks entfernt, ständig abrufbar und einladend, sich für ein paar Minuten oder Stunden in sexueller Erregung treiben zu lassen. Mittlerweile finden sich immer mehr - vor allem Männer -, die ein Problem mit dieser ständigen Verfügbarkeit haben. Menschen, die festgestellt haben, dass ihnen der ständige Konsum von Pornografie nicht gut tut. Dass er ihr Denken und Handeln bestimmt, sie einer Dranghaftigkeit unterlegen sind, immer wieder zu Pornografie zu greifen. Die in der analogen Welt die gleichen Denkmuster anwenden wie in der digitalen.

Angelehnt an die Anonymen Alkoholiker gibt es Selbsthilfegruppen zu diesem Thema. In Berlin vermittelt SEKIS, die »Selbsthilfe Kontakt- und Informationsstelle«, Kontakte. K., mittleres Alter, trifft sich seit zehn Jahren mehrmals wöchentlich mit anderen Betroffenen, um sich auszutauschen und einander zu stützen. »Im besten Fall bekommt man eine Nummer, die man im Notfall anrufen kann, um nicht rückfällig zu werden.« Seinen Weg zur Gruppe fand er, im Unterschied zu anderen, nicht aus akutem Leid heraus. K. konnte seinen »Stoff« nicht klar benennen, es war eher so, dass er auf der Suche danach war, herauszufinden, was ihn in unbefriedigende Beziehungen treibt. Dass sein Sexualverhalten und auch Pornografie dahinter stehen, wurde ihm erst nach einer Weile bewusst; für ihn ein erster großer Schritt, sich eine Abhängigkeit einzugestehen, sie nicht weiter zu leugnen. Heute versteht er bestimmte Abläufe, die dazu führen, die Dosis zu steigern, die Kontrolle zu verlieren: »Auch nach zehn Jahren bleiben bestimmte Bilder im Kopf, die immer eine Rückfallgefahr darstellen.« Bilder, die aus der digitalen Welt in die analoge mitgenommen werden. Die einen Blick erzeugen, der das Gegenüber sofort auf diese oder jene sexuelle Handlung abscannt.

Pornografie kann tiefe Reaktionsmuster im menschlichen Gehirn festschreiben. YourBrainOnPorn.com klärt über die Effekte von Internetpornografie auf das Gehirn auf. Die Betreiber bezeichnen sich selbst als eine Gruppe von Männern, die es geschafft haben, von Internetpornografie und den damit verbundenen Problemen loszukommen. Dabei argumentieren sie nicht moralisch, sondern anatomisch: Das menschliche Gehirn ist nicht gemacht für Hochgeschwindigkeitspornografie.

Zentral für ihr Argument ist der Ausstoß von Dopamin, ein Hormon, das nicht beim Orgasmus freigesetzt wird, sondern vorher, bei der Erregung. Dopamin ist zuständig für das Suchen und Finden von möglichen Sexualpartnern, für Erwartungen und Vorfreude. Untersuchungen mit Ratten haben ergeben, dass der Dopamin-Ausstoß mit dem immer gleichen Sexualpartner abnimmt, ein Gewöhnungseffekt eintritt, bis das Interesse an Paarung gänzlich verloren geht. Gibt man aber immer wieder neue mögliche Partner in den Käfig, so wird ständig Dopamin ausgeschüttet, die Ratten verausgaben sich im Liebesleben bis zur völligen Erschöpfung.

Internetpornografie bietet eine unendliche Anzahl an möglichen neuen Partnern an, und mit jedem Klick wird Dopamin ausgestoßen. Erst mit dem Orgasmus werden Opioide freigesetzt, die für Befriedigung sorgen. Das nervliche Belohnungssystem ist empfänglicher für Dopamin als für Opioide, so dass das »Möchten« wichtiger wird als das »Bekommen«.

Unbegrenzte Paarungsmöglichkeiten führen zu einem unbegrenzten Dopaminausstoß, der im Gehirn zu einer »supernormalen Stimulierung« führt. Während man Pornografie konsumiert, masturbiert man aktiv. Zellen legen Nervenleitungen an, die auf bestimmte Signale reagieren. Dies führt zum einen zu einer sexuellen Konditionierung, da nicht nur neue Partner für den Dopaminausstoß benötigt werden, sondern auch neue Sexpraktiken - um der Langeweile zu entgehen, braucht es Neues, Abwechslung. Eine »supernormale Stimulierung« bedeutet, dass man für die eigene Erregung mehr braucht, als natürlich vorkommt.

Zum anderen führen die neuen Nervenbahnen zu Veränderungen des Gehirns, die Sucht transkribiert sich buchstäblich ins Gehirn. Eine gewisse Sensibilisierung für eine Art von Stimulierung setzt ein (Pornografie, aber auch das Klicken der Maus oder das Summen des Computers können zu Erregung führen), einhergehend mit einer Desensibilisierung für andere Arten von Sexualität - nicht selten verlieren Pornografieabhängige das Interesse an echten Partnern.

Der in Berlin praktizierende Sexualtherapeut Joachim Reich kennt Fälle, in denen Konsumenten von Pornografie nicht mehr fähig sind, ohne künstliche - digitale - Stimulanz zum Höhepunkt zu kommen. Für ihn eines der zentralen Probleme, die in den nächsten Jahren aufgrund der ständigen Verfügbarkeit von Internetpornografie zunehmen werden. Das Internet vereint drei Faktoren, die ineinander greifen und für suchtanfällige Personen ein Eingangstor in die Pornografieabhängigkeit sein können: Anonymität, Verfügbarkeit und sehr schnelle Befriedigung. »Man kann in der Mittagspause mit dem Handy aufs Klo, und über Wlan in drei Minuten einen Orgasmus haben. Das ist revolutionär, das gab es früher nicht,« so Reich. Für ihn ist die Frage nach Abhängigkeit immer zuerst verbunden mit der Frage nach der Motivation dahinter. Dabei ist die offensichtliche Antwort, man masturbiere zu Pornografie, weil man geil ist, meist nicht zutreffend. Masturbation wird zu einer Freizeitgestaltung - die Motivation: Langeweile. Oft kommt auch noch Stress hinzu, runterkommen von der Arbeit, Frustration. Auch deshalb ist Reich zögerlich, wenn von Sucht die Rede ist. Von der Motivation ausgehend, wird die »interessante Freizeitgestaltung« für ihn erst dann zur Sucht, wenn sie dranghaft wird: »Habe ich selber den Eindruck, ich bin nicht mehr Herr meiner selbst, werde sozusagen gesext und kann nicht mehr stoppen? Baue ich mein Leben um die Sucht? Vernachlässige ich Beziehungen, isoliere ich mich?« Das ist der Punkt, an dem Betroffene zu ihm in die Praxis kommen, so Reich: »Wenn sie merken, dass sie ihr Leben nicht mehr auf die Reihe kriegen.«

K. hat in den vergangenen zehn Jahren fünf Rückfälle gehabt, er spricht von einer Wellenbewegung, die einhergeht mit dem Ziel, das eigene Leben zu ändern. »Verhaltensmuster zu verändern braucht eine lange Zeit, man muss Dinge neu lernen, die man vorher nicht kannte.« Aber wenn man sich darauf einlässt, sind die Erfolgschancen groß. Dazu hat er in der Gruppe seine eigene »Nüchternheit« definiert. Das Problem ist, dass Pornografie in der Gesellschaft allgegenwärtig ist. Dafür hat er sich ein Liste gemacht, auf der neben Handlungen, die er nicht machen will - zum Beispiel Pornografie anzuschauen - positive Alternativen stehen: schön ausgehen, Kunst, Theater, oder sich etwas schönes kaufen. Sonst gilt die Drei-Sekunden-Regel. Auf der Liste stehen auch, welche Orte er meiden will, weil sie einen Rückfall wahrscheinlicher machen. K. hat für sich seine Verhaltensmuster analysiert: »Was hinter meinem Verhalten stand, ist ein Missbrauch, um im Alltag von bestimmten Gefühlen, Situationen, Stress etc. abgelenkt zu werden.« Sich diesen zu stellen, das schafft er mit Unterstützung der Gruppe besser, und verhindert so in alte Sexualverhaltensweisen zurückzufallen.

Auch R. geht regelmäßig zu den Treffen. Der Endzwanziger ist einer der Jüngsten der Gruppe, seine Entscheidung kam mit dem Erreichen des ultimativen Tiefpunktes, nachdem er seine Freundin mehrmals betrogen hatte und aus einer der Affären ein Kind entstand. Für ihn war Selbstbefriedigung, Pornografiekonsum, Fremdgehen, der Gang zu Prostituierten, Sex an öffentlichen Orten … einem Zwang unterlegen, den er nicht beherrschen konnte. Sex, Masturbation und Pornografie waren Mittel, um negative Gefühle zu verarbeiten: der Umzug weg von seinen Freunden im Kindesalter, der Tod der Oma. R. macht keinen Unterschied zwischen Sex- und Pornografiesucht - beides nährt sich gegenseitig. Seit eineinhalb Jahren ist er im Programm und bemerkt eine sehr starke geistige und seelische Veränderung an sich. Gefühle, auch aus seiner Kindheit, werden klar, und auch, wie er immer versucht hat, sie mit sexuellen Handlungen zu verdrängen.

R. vergleicht die Nüchternheit, die sich bei ihm eingestellt hat, wie die Nüchternheit nach einem Alkoholkater. »Ich weiß jetzt, dass ich meine Gefühle nicht schlecht machen muss, sondern sie einfach akzeptieren kann.« Er weiß für sich, auf Hilfe von außen angewiesen zu sein: »Wenn ich nicht zu den Treffen gehe, verfalle ich der Illusion, es alleine zu schaffen, und falle sofort in alte Muster zurück.« Nicht zuletzt zwingen ihn die Treffen in der Gruppe zu einer Beschäftigung mit sich selbst. Und er merkt, wie die Abstinenz und die damit verbundene Klarheit im Kopf ihm dabei helfen, seine depressiven Phasen zu überstehen. Abstinenz fällt ihm nicht leicht, aber für ihn ist sie die »Basis für Veränderung«.

Joachim Reich sieht keine Standardlösung, wie man seine Sucht behandeln sollte. Am wichtigsten ist, sich darüber Gedanken zu machen, was hinter dem Verhalten liegt. Wieso habe ich Stress, Druck, wieso fühle ich mich über- oder unterfordert? Muss ich fundamental etwas verändern, oder reicht es, meinen Tagesablauf zu verändern, oder den Laptop einsehbar zu platzieren? Für die Gesellschaft sieht er die Gefahr einer heranwachsenden Generation Jugendlicher, die mit zehn Jahren die erste Sexualsozialisation mit Gang-Bang Clips erfährt, ohne dass diese Erfahrungen eingeordnet werden. Für R. ist es aber nicht nur ein Problem kommender Generationen: Pornografiekonsum und die Folgen sind ein Thema, »mit dem sich viele in meinem Alter beschäftigen sollten.«

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