Selbsternannter Weltretter

Hans-Werner Sinn, Deutschlands umtriebigster Ökonom, geht in den Ruhestand. Von Gabriele Oertel

  • Von Gabriele Oertel
  • Lesedauer: 4 Min.

Die letzte »normale« Woche liegt hinter Hans-Werner Sinn. Am kommenden Montag geht für den 67-Jährigen das - wenn auch bis in den März 2016 andauernde - große Winkewinke los: mit einer Abschiedsvorlesung an der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität. Der Präsident des renommierten ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung Prof. Dr. Dr. h.c. mult. wolle einen Rückblick »auf die ihm besonders in Erinnerung gebliebenen wirtschaftspolitischen Ereignisse der vergangenen fünfzig Jahre« versuchen, heißt es in der Einladung. Und das kann dauern!

Denn der Mann mit dem eigenwilligen Bart, der von den Medien wahlweise als Deutschlands einflussreichster, wichtigster oder widerspenstigster Ökonom bezeichnet wird, hat seit Jahren kaum ein Thema ausgelassen, um sich öffentlich zu äußern. Ob Deutsche Einheit oder VW-Skandal, Griechenland, Eurokrise oder jüngst sein Plädoyer gegen den Mindestlohn für Flüchtlinge - Sinn sitzt wie beim Wettlauf von Hase und Igel immer schon vor irgendeinem Mikrofon, breitet wortreich wie -gewaltig seine volkswirtschaftlichen Weisheiten aus und hat sichtbar Freude daran, gegen den Strich zu bürsten.

Mal legte er sich mit Kohls Vereinigungspolitik an, mal sagte er der Bundesrepublik eine Staatskrise voraus, mal geißelte er die Eurorettungspolitik, mal die ungebildeten und unproduktiven Flüchtlinge. Der Mann aus Westfalen polarisiert, wo er kann, und es macht ihm offensichtlich nichts mehr aus, mit schöner Regelmäßigkeit das Etikett »neoliberal« verpasst zu bekommen.

Das war vor Jahren noch anders. Als der Professor für Nationalökonomie und Finanzwissenschaft 2003 im »neuen deutschland« eine Satire lesen musste, in der sein Plädoyer für eine Lohnsenkung in Ostdeutschland aufgespießt worden war, bat er um die Möglichkeit, sich zu erklären. Herausgekommen ist ein Interview, in dem Sinn die Ossis von hoch droben belehrte, dass der Markt nun einmal nicht gerecht sei. »Jeder muss sich nach der Decke strecken. Wir sind nicht im Schlaraffenland«, ließ der Mann, den die »Zeit« einmal als ökonomischen Seismographen der Republik geadelt hatte, damals die nd-Leser wissen. Um nach Abschaltung der Mikrofone bedauernd festzustellen, wie wenig er immer verstanden werde und dass er doch eigentlich nicht mehr und nicht weniger als die Welt retten wolle. Die Situation entbehrte nicht gewisser Komik, auch wenn der Professor aus München diesen Anspruch tatsächlich ernsthaft erhebt. Nicht zuletzt ließ er sich vom »Südkurier« mit dem Spruch »Ökonomen sind Weltverbesserer« zitieren. Und beinahe achselzuckend fügte er hinzu, dass man hierzulande sowieso immer in die rechte Ecke gestellt würde, wenn man auf Sachzwänge hinweise.

Ob ihm seine Einordnung in die »rechte« oder »linke« Ecke inzwischen egal ist, ob er tatsächlich irgendwann einmal mit der AfD liebäugelte (wie einige in der damaligen Lucke-Partei beteuerten) oder sie von Anfang an nicht leiden konnte (wie Sinn mehrfach versicherte), und ob er sich wirklich dereinst einen Trabi zugelegt hatte, weil er »das Autochen so süß fand« - all das ist bislang das Geheimnis des umtriebigen Mannes geblieben. Was ja nicht so bleiben muss. Kaum vorstellbar, dass Sinn sich nicht das eine oder andere Thema für die nun bald beginnende Rentnerzeit aufgehoben hat, mit dem er sich auch künftig medial inszenieren kann.

Fest steht, von irgendwelchen Schubladen hält Sinn nicht viel. Deshalb hat er unlängst auf einer Veranstaltung mit dem ehemaligen griechischen Finanzminister Yanis Varoufakis, der bekanntlich auf der anderen Seite der Barrikade verortet ist, Gemeinsamkeiten der »ökonomischen Sprache« entdeckt und sich durchaus anerkennend gezeigt, dass der Wissenschaftler aus Athen seinen Elfenbeinturm verließ, um - zumindest zeitweilig - Politik zu machen.

Sinn ist dieses Wagnis nie eingegangen. So sehr er sich auch in die politischen Debatten einmischt und bisweilen völlig ungebeten Ratschläge an jene verteilt, die seine mitunter rigiden und von wenig Empathie getragenen Vorstellungen vor Parlamenten und Wählern zu vertreten haben - er hat stets die Vorzüge der Unabhängigkeit der Wissenschaft zu schätzen gewusst. Denn so sehr seine Auffassungen zu Niedriglöhnen im Osten, rentenmäßiger Bestrafung von kinderlosen Paaren oder der Aussetzung von Mindestlöhnen für Flüchtlinge auch regelmäßig für Aufregung und Empörung sorgten - sie nährten im schlimmsten Fall seinen Ruf als »Erklärbär«, »Krisendeuter«, »Störenfried« und »Wahrsager«, trugen ihm aber erst jüngst die Ehrung als »Hochschullehrer des Jahres« und die Würdigung als »Freigeist« ein.

Ob dies so geworden wäre, hätte er - wie in frühen Studentenjahren - seine Auseinandersetzungen mit Karl Marx oder seine Suche nach dem dritten Weg zwischen Kapitalismus und Sozialismus durch intensive Beschäftigung mit Jugoslawiens Arbeiterselbstverwaltung fortgesetzt, darf heftigst bezweifelt werden. Aber derlei Gefahr hat Sinn frühzeitig erkannt. Das, so war es im November 2015 in der »Süddeutschen Zeitung« zu lesen, seien »Flausen« gewesen, die ihm das Ökonomiestudium gehörig ausgetrieben habe.

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