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Jedes Spiel ein Heimspiel

Zum ersten Mal duellierten sich Gefangene online in einem internationalen Schachturnier. Vier Insassen der JVA Tegel in Berlin waren dabei

Von Johanna Treblin

Die vier Männer sitzen mit dem Rücken zur Tür, ihre Gesichter sind auf die Laptops vor ihnen gerichtet. Vom Gewisper in ihrem Rücken lassen sie sich nicht stören. Auf den Bildschirmen sind Schachbretter zu sehen, mit der Maus bewegen die Männer Türme, Springer, Bauern. Alle vier sind Gefangene in der Justizvollzugsanstalt (JVA) Tegel in Berlin. Sie nehmen am ersten Internationalen Online-Schachturnier für Gefangene teil. Zum Start spielen die Berliner gegen eine Auswahl Italiens.

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»Wir sind quasi die deutsche Nationalmannschaft«, sagt Frank van Hasselt. Er ist eigentlich Mitarbeiter einer Nichtregierungsorganisation in Großbritannien. Dank Videokonferenzen und Co. kann er aber von Berlin aus arbeiten und sich nebenbei in der JVA Tegel ehrenamtlich um eine Schachgruppe kümmern. Er selbst spielt schon seit Jahrzehnten. Zusammen mit Jarek Fuczek gründete van Hasselt vor ein paar Jahren den Verein Chess Nation. Damit wollen sie Menschen zusammenbringen und die soziale Integration fördern, wie sie es nennen. Zunächst organisierten sie Spiele in einem Kinderclub und in einem Café in Berlin-Neukölln. Dann kamen sie auf die Idee, Schach in Gefängnisse zu bringen. Und stellten fest: In Tegel gab es bereits eine Gruppe.

Raucherpause im Hof. Patrick grinst, er hat gerade gewonnen. Jedes Team stellt vier Spieler, die zeitgleich gegen ihre jeweiligen Gegner antreten. Es siegt das Team, das mehr Partien pro Runde gewinnt. Im Moment führen die Deutschen 2:1. Auch im letzten Duell sieht es gut aus. »Die Italiener sollten wir in der Tasche haben«, sagt Patrick. Und tatsächlich: Kurz darauf kommt Jarek Fuczek in den Hof: »Wir haben 3:1 gewonnen!«

Intelligent und sicher

Das Schachturnier ist Teil des Projekts »Chess for Freedom« (Schach für die Freiheit). »Schach ermöglicht es den Insassen, auf intelligente und sichere Weise Zeit zu verbringen und soziale Kontakte zu knüpfen«, heißt es auf der Webseite. Außerdem könne es dazu beitragen, »häufige Symptome wie Depressionen, Stress und Angstzustände zu verringern«. Aus dieser Idee heraus habe der Internationale Schachverband (Fide) dieses Jahr gemeinsam mit dem Cook County Sheriff’s Office (Chicago, USA) das Programm gestartet. Sheriff Thomas Dart spielt selbst Schach und startete bereits 2012 ein Projekt im Gefängnis von Cook County. Bis heute nahmen rund 600 Gefangene daran teil.

Beim ersten internationalen Turnier gehen 42 Mannschaften aus 31 Ländern ans virtuelle Brett. »Wir sind in der schwierigsten Gruppe«, sagt van Hasselt vor dem Turnier, denn die JVA Tegel muss auch gegen Spieler aus Russland ran. Dort, so habe er gehört, gebe es schon länger Gefängnisturniere, an denen bis zu 10 000 Häftlinge teilnehmen würden. Die russischen Starter des Chess-for-Freedom-Turniers sind aus unterschiedlichen Gefängnissen zugeschaltet. In Deutschland gab es dagegen keine Vorauswahl, wer das Land als Nationalteam vertreten sollte. Durch van Hasselts Engagement in Tegel kam er in Kontakt mit dem Weltverband und dessen Projekt - folgerichtig gehen nun die Berliner an den Start. Jedes Land stellt eine Mannschaft, dazu kann ein Jugend- und ein Frauenteam kommen. Deutschland stellt in diesem Jahr nichts von beiden. Gegen Russland glaubt van Hasselt nicht an eine Siegchance. »Vielleicht haben wir eine Chance gegen die westeuropäischen Länder.«

Ziel: Die Berliner Feierabendliga

»Er ist unser Zugpferd«, sagt van Hasselt über Patrick. Er sei der beste Spieler im Team. Patrick ist um die 30, warum er im Gefängnis sitzt, wird nicht thematisiert. Auch van Hasselt weiß wenig über ihn oder die anderen Gefangenen, hier zählt nur das gemeinsame Spiel. Auf Nachfrage erzählt Patrick, dass er schon als Kind Schach spielte, dann aber lange pausierte, stattdessen mit Poker anfing. »Im Gefängnis ist Poker aber nicht gern gesehen« - deshalb stieg er wieder um, als er von der Schachgruppe in der JVA hörte.

Die führte Stefan Friedrichowicz im Jahr 2013 in Tegel ein. Der damalige katholische Gefängnispfarrer spielte selbst ab und zu, als ihn Häftlinge fragten, ob er nicht etwas organisieren könne. Über Jahre trafen sie sich regelmäßig in den Räumen der Kirche auf dem Gelände der JVA. Von 2013 bis 2015 spielten sie sogar in der Berliner Feierabendliga. Schachvereine aus der ganzen Stadt kamen in die Anstalt. »Jedes Spiel war ein Heimspiel«, scherzt Friedrichowicz. Dann verringerte sich seine Arbeitszeit vor Ort, für Schach blieb weniger übrig. Trotzdem trafen sich weiterhin jeden Freitagnachmittag rund 20 bis 30 Gefangene zum Spielen.

2019 stiegen van Hasselt und Fuczek ein. Friedrichowicz hoffte, dass damit die Rückkehr in die Liga einhergehe. Doch gerade als es wieder losgehen sollte, brachte Corona alles zum Stillstand. Die gemeinsamen Aktivitäten wurden abgesagt - und bis heute nicht wieder aufgenommen.

Stattdessen tritt die JVA-Schachgruppe nun online gegen Spieler aus aller Welt an und freut sich über den ersten Erfolg gegen Italien. »Damit habe ich nicht gerechnet«, sagt van Hasselt. Auch die Spieler grinsen. Einer von ihnen ist Adrian. Auf die Frage, wie er zur Nationalmannschaft kam, lacht er: »Ich wurde vom Hof weggefangen.« Es hätten noch Teilnehmer gefehlt, und er hatte gerade Hofgang, als rumgefragt wurde. Da er spielen konnte, sagte er zu. Jetzt hofft Adrian, dass auch die Ligaspiele wieder stattfinden können. Dann will er richtig in die Schachgruppe einsteigen. »Allet mitnehmen, wat jeht«, sagt er als Begründung. Neben der Arbeit wolle er seine »Freizeit sinnvoll füllen« und gerne auch mal den »Kopf anstrengen«.

Während außerhalb der Mauern Restaurants öffnen und in Clubs wieder gefeiert wird, Fitnessstudios ein Training zulassen und Theater endlich Besucher willkommen heißen, sind auch die Voraussetzungen in der JVA Tegel besser geworden, so dass Schach-AGs vielleicht bald wieder stattfinden können: 89 Prozent der Häftlinge sind gegen Covid-19 geimpft. »Ich kenne nur zwei, die nicht geimpft sind«, berichtet Patrick.

Beim Schach gehe es nicht nur um Spaß, auch nicht nur ums Gewinnen, sagt van Hasselt. »Gefangene können nicht viele Entscheidungen selbst treffen.« Tagesabläufe sind in der Haft vorgeschrieben, die Auswahl beim Essen ist klein, es gibt nur die Arbeitsplätze, die von der Anstalt zur Verfügung gestellt werden. Mit der Schachgruppe wollte van Hasselt den Gefangenen ein bisschen mehr Eigenständigkeit ermöglichen; indem sie sich Ziele stecken, selbst entscheiden, was sie lernen wollen, welche Bücher sie dafür brauchen. Sie bauten eine kleine Schachbibliothek auf. »Anfangs gab es nur drei Bücher«, sagt van Hasselt. Aber trotzdem: Es war eine Bibliothek. Die Spieler kümmerten sich selbst darum, einer war »Bibliothekar«.

Auch im Spiel kann man lernen, Erfolg zu haben. Das, so hofft van Hasselt, gibt den Gefangenen ein besseres Selbstwertgefühl. »Klar braucht man dafür nicht unbedingt Schach - aber es hilft.« Und noch ein Vorteil: Das Brett ist billig. »Man kauft es einmal und kann es das ganze Leben lang nutzen.«

Es geht in die nächste Runde. Doch etwas stimmt nicht. Die gegnerische Mannschaft sollte Norwegen sein - doch die Berliner sitzen wieder den Italienern gegenüber. Fuczek ist per Videokonferenz mit den Organisatoren verbunden, die die Panne bereits bemerkt haben. Die Partien sollen gecancelt werden, gleich gehe es weiter.

»Wir witzeln immer, der Preis für den Sieger sei, in die Freiheit spazieren zu können«, sagt van Hasselt. Einen echten Gewinn gibt es aber nicht. Van Hasselt glaubt, die Gefangenen nehmen aus zwei Gründen teil: das Prestige, bei einem internationalen Turnier dabei zu sein, das weltweit per Stream übertragen wird. Und die Hoffnung zu gewinnen.

Für Schach lohnt es sich zu leben

Im Livestream auf Youtube kann jeder nachverfolgen, wie die Figuren über das Spielfeld ziehen. Daneben erklären ein Kommentator oder eine Kommentatorin das Geschehen. Der Stream zählt am Mittwochabend insgesamt 2500 Aufrufe. In den Kommentaren geben manche Zuschauer noch ein paar Extraeinblicke: Die Budgets der Schachgruppen in den verschiedenen Gefängnissen seien sehr unterschiedlich, schreibt einer. Ein anderer weiß zu berichten, dass die Insassen in einem Gefängnis online gegen ihre Kinder spielen dürfen und so auch außerhalb von Besuchszeiten in Kontakt mit ihrer Familie treten können.

Ansonsten ist in den sozialen Netzwerken wenig über das Turnier zu lesen. Zwischenstände oder Ergebnisse erfährt man dort nicht. Eine kleine Ausnahme macht Simbabwes Schachföderation. Sie schreibt am Mittwochabend auf Twitter: »Das Team von Simbabwes Gefängnisanstalten hat 3 Partien gegen Georgien, die Ukraine und die Tschechische Republik gespielt und alle Teams mit 4:0 geschlagen. Die Spieler hätten sich diesen Tag nie so vorgestellt. Zwei Spieler, die zum Tode verurteilt waren und jetzt lebenslänglich sitzen, sagten: ›Jetzt haben wir etwas, wofür wir leben können.‹«

Rund vier Stunden dauerte die Vorrunde für das deutsche Team. Tatsächlich gewinnen die Tegeler gegen alle westeuropäischen Gegner: Neben Italien sind das Norwegen (3:1) und Spanien (3:1). Doch nicht nur Richtung Westen können sie punkten: Georgien ziehen sie sogar 4:0 ab, gegen Tschechien gibt es ein 3:1 für Deutschland. Allein gegen die Ukraine verlieren Patrick und Co. (1,5:2,5) und - haushoch - gegen Russland.

Die Russen gewinnen die Vorrundengruppe. Die Tegeler belegen Platz zwei. »Das hätte ich nicht gedacht«, freut sich van Hasselt. »Schön, wenn auch unerwartet.« Schließlich hatte die Schachgruppe eineinhalb Jahre lang pausiert, ihre Spieler hatten für das Turnier kaum trainiert. Dennoch: »Wir haben uns fürs Halbfinale qualifiziert!«

Das geht am Donnerstag nicht so gut aus. »Die Konkurrenz war wesentlich stärker«, sagt van Hasselt. Die Tegeler verlieren 19 von 20 Spielen und scheiden aus. Turniersieger wird später nicht das russische Team, sondern die Mongolei. Die vier Berliner seien »schon ein bisschen geknickt«, berichtet van Hasselt. Sie hätten dennoch ihren Spaß gehabt, denn für sie war das Turnier »ein bisschen wie eine Weltreise«.

*Ihre Nachnamen wollen die Gefangenen nicht nennen, nicht jeder soll später im Internet nachlesen können, dass sie mal einsaßen.