/ Kultur

Noch immer anders als die Andern

Kampfansage an die Klassikwelt: Der Essayband »Musik und Homosexualitäten« legt eine unter den Tisch gekehrte Seite der Kulturgeschichte offen

Von Kevin Clarke
Auf der Bühne eine Walküre, über ihr Privatleben wurde lange geschwiegen: Frida Leider in der Partie der Brünnhilde

Von »Reformstau« ist ja immer mal wieder die Rede, wenn’s um Dinge geht, bei denen Deutschland weit hinterherhinkt im Vergleich zu anderen westlichen Ländern. Felder, in denen die Bundesrepublik Deutschland in der Steinzeit verharrt, sind zum Beispiel das akademische Fach Musikwissenschaft sowie der Umgang mit den Biografien klassischer Musiker.

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Bereits 1994 kam in den USA das Buch »Queering the Pitch: The New Gay and Lesbian Musicology« heraus, mit Essays zu schwul-lesbischen Perspektiven auf die Musikgeschichte. Die prominenten Autoren rund um Philip Brett und Elizabeth Wood waren allesamt Professoren an renommierten US-amerikanischen Universitäten. Sie stießen mit ihrer Publikation in der englischsprachigen Welt eine Tür auf, wodurch sie es ermöglichten, offen(er) über die Verbindung von sexueller Orientierung und Musik zu reden, offen(er) übers Privatleben von Künstlern zu diskutieren und auch offen(er) die besondere Beziehung von schwulen und lesbischen Musikfans zu bestimmten Werken zu analysieren.

In Deutschland wurde dieser Impuls aus den USA - trotz einer Aufbruchstimmung nach der Wiedervereinigung - komplett ignoriert. Bis Michael Zywietz 2007 ordentlicher Professor für Musikwissenschaft an der Hochschule für Künste in Bremen geworden war und es sich in dieser Position endlich erlauben konnte, Homosexualität als Thema von Lehrveranstaltungen und Konferenzen anzusetzen. Hätte er das bereits vorher getan, als er noch in Münster oder Tübingen auf der akademischen Karriereleiter nach oben klettern wollte, wäre er womöglich nie zu diesem Posten gekommen. Weil die entsprechenden Berufungskommissionen eher naserümpfend auf derartige Themenschwerpunkte schauten und sie als »nicht seriös« einstuften.

Zywietz hat in Bremen mehrfach gegen solche Zustände in der hiesigen Wissenschaft aufbegehrt und Fördermittel eingeworben, um Tagungen abzuhalten, die diese Leerstelle schließen. Und nun sind im Textem-Verlag 25 Beiträge erschienen, die sich mit »Musik und Homosexualitäten« - so der Titel des Essaybandes - beschäftigen. Dabei geht es um Komponisten, von Nicolas Gombert im 16. Jahrhundert (»Frömmigkeit und Sodomie«) über Franz Schubert bis zu Smaragda Eger-Berg, der lesbischen Schwester von Alban (»Wozzeck«), ferner auch um Ethel Smyth, Hans Werner Henze, Benjamin Britten, Peter Pears, Siegfried Wagner und seinen Lover Clement Harris, Leonard Bernstein, Peter Tschaikowsky sowie um Maurice Ravel (»Heterosexualität als ›comédie musicale‹«).

Auch die vermeintliche Homophobie von Theodor W. Adorno sowie der sogenannten Frankfurter Schule wird von Bernd Feuchtner brillant analysiert - und auch widerlegt. Zudem werden Musicals und Operetten besprochen (die gleichfalls und grundsätzlich von der deutschen Musikwissenschaft als »herabgesunkenes Kulturgut« gern ignoriert werden, egal, ob es dabei um Homo- oder Heterothemen geht). Mit dem neuen Band setzen Zywietz und Mitherausgeberin Kadja Grönke die Arbeit fort, die sie mit dem 2018 erschienenen Buch »Musik und Homosexualität - Homosexualität und Musik« begonnen hatten.

Bemerkenswert an dem sehr breiten inhaltlichen Spektrum in dem Nachfolgeband »Musik und Homosexualitäten« ist, wie unendlich viele Themen und Herangehensweisen es offensichtlich gibt. Und was von Forschung und Öffentlichkeit sowie den Medien bislang alles ignoriert wurde, obwohl die Fakten teils offensichtlich sind. Man entschied sich trotzdem, die Augen zu verschließen und sich »nur« mit der Musik zu beschäftigen. Weil es im Nachkriegsdeutschland gebräuchlich war, jede Beschäftigung mit den Biografien (und damit dem Privatleben) von Künstlern auszuklammern, was angesichts der oft problematischen Verwicklungen vieler Künstler in der NS-Zeit nachvollziehbar ist. Zumindest damals. Aber wie ist es heute?

Natürlich sind Fakten nicht immer einfach zu auszumachen. Oft muss man zunächst Gerüchten folgen, die einem den Weg weisen oder zumindest eine alternative Deutungsmöglichkeit aufzeigen, falls es gar keine verlässlichen Dokumente gibt. Auf die Notwendigkeit, in solchen Fällen nicht automatisch anzunehmen, dass es sich bei den historischen Persönlichkeiten um Heterosexuelle handeln müsste, wies R. B. Parkinson 2013 in »A Little Gay History: Desire and Diversity Across the World« hin, einem Katalog des British Museum in London. Gerade wenn wir keine genauen Anhaltspunkte finden, sollten wir alle Optionen mitdenken, argumentiert Parkinson. Denn oft kennen wir das historische Umfeld nicht, und oft wurde Material bewusst vernichtet, weil Homosexualität sozial geächtet war. Deswegen sprechen auch Kim Marra und Robert A. Schanke in ihrem Buch »Staging Desire« von 2005 davon, dass Gerüchte Teil einer inoffiziellen Geschichte seinen, die die offizielle Geschichtsschreibung um die von ihr übergangenen Themen komplementiert.

Dem stellt sich im vorliegenden Band ausgerechnet die feministische Musikwissenschaftlerin Eva Rieger entgegen und nennt solche Vorgehensweisen »prekär«, weil es sich um nichts als »unbelegte Mutmaßungen« handele. Sie bezieht sich konkret auf die Wagner-Sängerin Frida Leider (1888-1975) von der Staatsoper Unter den Linden und auf eine Siegfried-Wagner-Ausstellung 2017 im Schwulen Museum Berlin. Dort wurde Rieger öffentlich kritisiert, weil sie sich in ihrer im Vorjahr erschienenen Biografie »Frida Leider. Sängerin im Zwiespalt ihrer Zeit« weigerte, die Gerüchte rund um die Sexualität der Sängerin anzusprechen. Mehr noch: Sie verweigerte sich auch, schriftliche Statements von Leuten zur Kenntnis zu nehmen, die Leider und deren Lebenspartnerin Hilde Bahl (1908-2013) kannten. Jetzt schreibt Rieger wieder, dass es für eine lesbische Beziehung zwischen Leider und Bahl »keine Quellen« gäbe. Zumindest keine, die die Musikwissenschaftlerin akzeptieren will. Warum sie sich entschiedenen hat, bestimmte Quellen zu ignorieren, erklärt sie allerdings nicht.

Darüber, welchen Grund eine Wagner-Diva im »Dritten Reich« und in der konservativen Adenauer-Ära gehabt haben könnte, eine Partnerschaft mit einer Frau vor der Öffentlichkeit zu verbergen, will Rieger ebenfalls nicht sprechen. Und was das oftmals ohrenbetäubende Schweigen von Familien und Betroffenen angeht, die peinlichst darauf achteten, dass es keinen »Skandal« gibt, auch das will die inzwischen 81-jährige Rieger nicht diskutieren.

Vielleicht ist es eine Generationenfrage. Denn die heute in Liechtenstein lebende Rieger musste selbst erleben, wie schwer es war, Frauenforschung in der streng patriarchalen westdeutschen Musikwissenschaft in den 1970er und 1980er Jahren durchzusetzen, von lesbischen Blickweisen ganz zu schweigen. Deswegen gründete sie zusammen mit ihrer Lebenspartnerin, der Mäzenin Mariann Steegmann, eine Stiftung, die nun auch diesen Tagungsband finanziert hat. Der Plural im Titel deutet an, dass es mehr als eine Form von Homosexualität gibt. Zur Erinnerung: Auch das Deutsche Historische Museum in Berlin nutzte 2015 in seiner vielbeachteten Ausstellung den Titel »Homosexualität_en« mit Unterstrich.

Natürlich sind diese von Zywietz und Grönke mit viel Liebe zum Detail herausgegebenen 460 Seiten nur ein Anfang. Passenderweise ist auf dem Cover eine Szene aus dem Film »Anders als die Andern« von 1919 zu sehen. Das war bekanntlich der weltweit erste Film, der sich mit dem Thema Homosexualität auseinandersetzte und einen derartigen Skandal auslöste, dass er nach Wiedereinführung der kurz zuvor abgeschafften Zensur in der Weimarer Republik sofort verboten wurde.

Solchen Widerspruch wird »Musik und Homosexualitäten« kaum auslösen. Aber die Selbstzensur, die im Bereich der klassischen Musik nach wie vor allgegenwärtig ist (man denke nur an die peinigenden Debatten rund um Frédéric Chopin in Polen 2020), sollte endlich überwunden werden. Genauso wie die sonstigen eklatanten Ausgrenzungen, die die Klassikbranche nach wie vor dominieren. Denn wo Homosexualitäten ausgegrenzt werden, wird auch sehr viel mehr beiseitegeschoben. Was im Jahr 2022 der Vergangenheit angehören sollte.

Kadja Grönke und Michael Zywietz (Hg.): Musik und Homosexualitäten. Tagungsberichte Bremen 2017 und 2018, Textem Verlag, 460 S., br., 29 €.